R. E. Brosa für #kkl29 „Zeit“
Die Zeit ist das Problem
Gerhard Polinowski war eine Person, die alle, sowohl die Kollegen in der Firma, als auch die Menschen in der direkten Nachbarschaft, achteten. Er war stets hilfsbereit und hatte immer ein Ohr für die Probleme anderer. Manchmal sogar zwei. Doch heute war er selbst in eine missliche Lage geraten, aus der er so einfach nicht mehr herauskam. Die Zeit war das Problem.
An diesem Wochenende wollte er im Vorgarten seines Reihenhauses kurze Zeit arbeiten. Unkraut rupfen, Blumen und Bäume beschneiden und was sonst noch alles anstand. Er verplemperte dabei aber eine nicht zu unterschätzende Menge an Zeit, die ihm dann am Abend fehlte und die er schwer, wenn überhaupt, wieder aufholen konnte. An jenem Abend hatte er eigentlich noch vorgehabt Freunde zu besuchen, musste denen aber aus Zeitgründen spontan absagen. Helfen konnten oder wollten ihm dabei weder die Menschen, denen er das eine Ohr lieh, geschweige denn die, denen er das andere Ohr hinhielt. Also versuchte er aus eigener Kraft diese verplemperte Zeit eines Tages zurückzugewinnen. Fachleute gaben diesem Versuch allerdings nur eine äußerst geringe Erfolgschance, was Gerhard Polinowski in keiner Weise beruhigte, sondern ihn, ähnlich wie ein Zootier von links nach rechts und dann von rechts nach links schleichen ließ.
Nachdem er endlich eingesehen hatte, dass es schwierig werden wird, zu einem positiven Ende zu kommen, er keine Hilfe zu erwarten hatte, er aber die verloren gegangene Zeit auf jeden Fall wieder zurückhaben wollte, beruhigte ihn doch die unerschütterliche Gewissheit, dieses Ziel irgendwann und irgendwie erreichen zu können.
So kam er zu dem unerschütterlichen Entschluss, was bisher nie zu seinen Eigenarten gehörte, seiner Nachbarin Beate Hoffmann, die bereits seit einigen Jahren Rentnerin war, und jede Menge überflüssige Zeit besaß, ein wenig von ihrer Zeit zu stehlen. Da ihm das Irgendwann doch zu weit entfernt und das Irgendwie trotz allem zu wage war, und dieses Problem ihn bereits seit Samstag fest im Griff hatte, und heute schon Montag war, entschied er, dass er sich nicht mehr zu lange Zeit lassen dürfe und er zeitnah handeln müsse. Also wartete er abends, gut in einem Gebüsch versteckt, auf die hilflose Frau.
„Sie hat bestimmt unbegrenzt Zeit!“, sagte sich Gerhard Polinowski und rieb sich siegesbewusst die Hände.
Dann kam sie, wie jeden Abend, vom Seniorentreffen. Als sie das Gebüsch erreicht hatte, in dem sich Gerhard Polinowski versteckt hockte, sprang der Vermummte aus dem Blattwerk und stellte sich vor ihr auf.
„Halt!“, schrie er. „Ich will nicht ihr Geld haben, nur ihr Zeitkonto plündern!“
„Ach“, sagte sie, „sie sind es, Herr Polinowski“
„Ich wollte Ihnen etwas Zeit stehlen!“, sagte er mit einem Ton in der Stimme, der klarmachte, dass er aufgrund der schnellen Identifikation seiner Person, ziemlich enttäuscht war.
„Das ist gut“, antwortete sie. „Ich habe sowieso zu viel davon!“
„Zu viel davon?“
„Ja, von den guten alten Zeiten, die mal waren, können Sie gerne etwas abhaben! Die vertrödle ich mittlerweile sowieso nur noch, weil ich zu viel davon habe! Wissen Sie, die ganzen vielen Erinnerungen sind mittlerweile zu viel. Sie belasten meinen Kopf. Denn es ist nicht gut, ständig in der Vergangenheit zu leben. Man muss nach vorn blicken, was aber mit dem ganzen Ballast nicht so einfach ist. Wenn ich weniger davon habe, geht es mir bestimmt besser. Also, greifen Sie zu!“
Gerhard Polinowski war fassungslos. „Zeit ist wertvoll! Die darf man nicht so einfach vertrödeln!“, dachte er und war unschlüssig, was er jetzt machen sollte.
„Aber zu viel ist zu viel …! Was ist nun?“, fragte Beate Hoffmann. „Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit!“ Mit diesen Worten ging sie weiter und ließ den fassungslosen Gerhard Polinowski, der sich geschlagen gab, links liegen.
Er wusste, dass so seine Zeit nicht wieder aufzufüllen war. Eine andere Möglichkeit, sein Ziel zu erreichen, sah er nicht. Da konnte ihm auch der Psychiater, den er Tage später aufsuchte, nicht helfen. Das Einzige, was dieser ihm mit auf den Weg gab, war der gutgemeinte Ratschlag sorgsamer mit seiner Zeit umzugehen, sich vielleicht nur für die Dinge Zeit nehmen, die im Leben wichtig sind und mit unnützen Dingen nicht seine wertvolle Zeit zu verschwenden.
„Auch Ihre Zeit läuft langsam ab. Deshalb sollten Sie gründlich abwägen, was für Sie noch wichtig und lohnenswert ist!“, sagte er. „Vertane Zeit kann man nicht nachholen, auch nicht von Leuten nehmen, die zu viel davon haben! Denken Sie darüber nach und arbeiten Sie daran. Eine sogenannte Zeitarbeit.“
Mit diesen Worten entließ er Gerhard Polinowski in den sonnigen Tag. Dem war in diesem Moment klar, dass die verschwendete Zeit unwiederbringlich weg war. Oder doch nicht? Vielleicht würde es irgendwann eine Zeitenwende geben? Würde dann alles anders werden oder sollte der Psychiater doch recht behalten und war damit sein Problem gelöst?
Gerhard Polinowski trat aus der Tür. Die Sonne schien.
R. E. Brosa. Geboren wurde ich 1963 in Bremerhaven, Deutschland, wo ich meine gesamte Kindheit verbrachte, meine Schulzeit begann und auch beendete, einen „ordentlichen“ Beruf (Verlagskaufmann) erlernte und danach in einem dortigen Krankenhaus meinen Zivildienst absolvierte, bevor es mich 1986 für ein Studium der VISUELLEN KOMMUNIKATION nach Hildesheim, ebenfalls in Deutschland, zog.
Mein Diplom machte ich dort 1990.
Seitdem lebe ich in Bremen, auch Deutschland, wo ich in diversen Werbeagenturen gearbeitet habe und seit 1997 in einem Handelshaus für Elektronik als Grafik-Designer und Produktioner tätig bin.
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