Lorena Pircher für #kkl29 „Zeit“
„Just a small town girl
livin´ in a lonely world
She took the midnight train
going anywhere
Journey – Don’t Stop Believin’
An einem dieser Tage
Sie haben gesagt, Erfrierungen sind Verbrennungen und umgekehrt. Dass dampfende Haut vor Kälte glüht und Erinnerungen atmen, wenn auch erfroren oder verbrannt. Du, wie du warst, bevor dein Gesicht zwischen den Jahren erlosch und meine Worte aufhörten zu wärmen. Ich wandere barfuß durch den Park, Blicke gegen den Wasserhimmel, Wolken platzen, Erde furcht. Ich halte deinen Brief in Händen. Du schreibst immer noch. Dein Sein in die schmalen Buchstaben gefaltet, deine Fragen auf raues, hartes Papier genäht.
Es ist viel passiert seit damals. Nichts ist mehr, wie es war. Am wenigsten wir beide.
An der Station bleibe ich stehen, spüre stumme Blicke, versengend. Ich friere im Abendrot. Die Wolken brechen, die Regentropfen sind warm. Sie laufen über meine Beine, Tränen auf dem Gesicht eines Riesen. Zersetzen deinen Brief, er weicht auf, die Buchstaben schwellen an, quellen auf, hässlich, aufgebläht, verschwinden. Ich wandere seit Jahren durch diese Stadt, in Schachbrettmustern, im Gehen existierend, mich in Bewegung formend. In Metros, in Straßenbahnen, in Wagons, an Fenster gelehnt, die mein Gesicht spiegeln. Meine Augen verdoppelt im sich brechenden Licht. Ich steige aus.
Die Wintersonne scheint durch die Skelette der Tannen vor meinem Haus. Ein Brief, kühles Papier in blauen Händen. Ich kann die Buchstaben nicht erkennen. Der Regen an den schmutzigen Schläfen der Fenster, die Sätze in meinem Mund. Ich schließe die Tür auf, betrete die schlafende Stadt, betrachte herabfallenden Schnee, der sich in tauenes Gras beißt. Eine Seite versinkt in der anderen, außer die Nacht ist so dunkel, dass man die Erde vom Himmel nicht unterscheiden kann. Ich wusste noch nie, wo ich anfange und wo du aufhörst.
Ich schaue auf die Lichter der Stadt unter mir im warmen Blass. Sie sehen aus wie Millionen von auskühlenden Fischaugen unter Wasser. Lichter wie Ameisenketten an ruhenden Hügeln. Ich denke, wie alles gewesen wäre, wie alles hätte sein können, wenn ich in Bewegung geblieben wäre, wenn ich eingestiegen wäre, wenn ich losgefahren wäre. Unsere Zukunft, aschen, verglüht zwischen all den Jahren, Rauch hat unsere Augen verklärt, Erinnerungen haben sie gesagt, sind Erfrierungen und Verbrennungen zugleich, sie atmen, wenn auch erfroren und verbrannt. Wir sind Lehmkörper, an dem die Träume krusten, schale Wunden, einsame Kinder an der Grenze der Zeit. Die Nacht ist zu hell, um darin zu schlafen, und von dir bleibt nichts mehr übrig, außer dem, was, in schmale Zeilen gepresst, meine Handflächen durchdringt.
Ich fahre durch die Stadt, laufe in Schachbrettmustern, warte, atme, renne, denke, die Stadt ist ein Käfig, der mir Sicherheit gibt. Vielleicht kann man einmal getroffene Entscheidungen ungeschehen machen, wenn man nochmals an alle Orte zurückkehrt, die damals bedeutend waren, an alle Orte, an denen du gesagt hast, Wir haben sie wiedergefunden, die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist das Meer. Das Meer und die Sonne. Die Sonne, die in dieser Stadt so selten scheint, das Meer, das von dieser Stadt so weit entfernt ist. Vielleicht kann man die Vergangenheit ungeschehen machen, wenn man alle Orte erneut besucht, alle Orte, an denen Entscheidungen getroffen wurden und man die Wege noch einmal geht. Vielleicht hören die Erinnerungen dann auf zu verbrennen, was schon vor langer Zeit erfroren ist, vielleicht verglüht Asche endlich und meine Haut dampft unter erlösendem Regen.
Ich halte das Bild, dein Gesicht, in meine Handfläche gepresst, die Nacht vibriert. Ich erahne die Zuggleise, die von der Brücke hier oben wie Venen eines alten, schlafenden Urtiers wirken, die Dunkelheit erhebt sich und ich blicke den ausfahrenden Zügen nach, die Schneisen der Erinnerungen ziehen. Ich friere, es ist Hochsommer.
Sie haben gesagt, Erfrierungen sind Verbrennungen und umgekehrt. Dass dampfende Haut vor Kälte glüht und Erinnerungen atmen, wenn auch erfroren oder verbrannt. Jetzt weiß ich, dass es stimmt. Und dass Erinnerungen nicht mit der Zeit verdampfen, die Bilder nicht verstummen.
Sie haben gesagt, Erinnerungen sind Erfrierungen und Verbrennungen zugleich. An einem dieser Tage nehme ich den Zug, der mich aus dieser Stadt bringt.
Lorena Pircher, geboren in Südtirol, Italien, schreibt Lyrik und Kurzprosa. Studium der Komparatistik sowie Englisch-Französisch auf Lehramt, Veröffentlichung eines Gedichtbandes und mehrerer Texte in verschiedenen Literaturzeitschriften. Derzeit arbeitet sie als Buchhändlerin und als freie Übersetzerin aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen in Wien.
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