Thomas Schwerdtfeger für #kkl29 „Zeit“
Am Ende nehmen wir alles; sogar die Zeit
Das Radio kündigt einen Podcast an von Fabian Federl, über die dramatischen Folgen der Fischmehl-Industrie. Das Thema springt mich an, als ich höre, dass er dafür im westafrikanischen Senegal recherchiert hat. In Gedanken bin ich wieder da; an der Westküste des Senegal, wo ich zuerst vor 10 und dann vor fünf Jahren im Küstendorf Kafountine zu Besuch war.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind fasziniert war von Beschreibungen exotischer Schauplätze, den Abenteuern auf fernen Kontinenten. Das Fotobilderbuch über Parana, den kleinen Indianer, führte mich tief in den brasilianischen Urwald. In Gedanken begleitete ich den Vierjährigen einen ganzen Tag in seiner Welt, im Arm das Buch mit dem gelb-schwarzen Cover.
Etwas später schwappte die entdeckerfreudige Welt von Donald Duck in mein Kinderzimmer. Der wagemutige Erpel aus Entenhausen, der mit seinen drei Neffen den schwarzen Kontinent besucht. Ich habe dieses Abenteuer verschlungen. Viel länger hat es gedauert zu verstehen, dass sich in den Kolonialgeschichten immer exotische Erfahrungen mit wirtschaftlicher Ausbeutung mischen.
Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich unbedingt selbst auf eine abenteuerliche Fernreise gehen. Ein alter VW-Bus und zwei vertraute Menschen an meiner Seite sollten mir dabei helfen.
Nach 4.000 km Fahrt sitzen wir auf Plastikstühlen in der einbrechenden Dunkelheit an einer marokkanischen Überlandstraße. Die einheimischen Tramper, die wir ein Stück mitgenommen haben, hatten uns ein Zeichen geben, anzuhalten. Hier vor einer kleinen Bar hören wir die Grillen und ein Gewirr aus Stimmen; diese Geräusche werden zum Soundtrack einer spektakulären Erfahrung. Ich vergesse die Zeit während wir hier sitzen.
7 Tage hat die Anfahrt gedauert. Wir haben es wirklich bis nach Marokko geschafft. Das erste Mal in Afrika! Ich kann sie einatmen, die erste Stadt, der wir uns nähern; die helle Stadtmauer, die Silhouette der Moschee ungefiltert vor uns. Wir lassen den Bus draußen, laufen zu Fuß bis wir die Medina erreichen.
Wir werden zum Essen eingeladen. Gemeinsam mit einer Familie essen wir Couscous von einer großen Platte. Geduldig helfen sie uns, die Bällchen aus Hirse und Soße mit der rechten Hand zu formen. Wenn es nicht schnell genug zu gehen scheint, werfen sie uns die Bällchen über den Tisch. Nicht aus Zeitdruck, sondern um jeden satt zu kriegen. Wir sehen die berühmten Städte, den Atlas, Ausläufer der Sahara, das Meer.
Viele Jahre und ein halbes Arbeitsleben später führt mich ein Zufall zurück nach Afrika. Während ich noch überlege in die Karibik zu reisen, sagt eine Kollegin unerwartet: „Frag Madi. Der fährt im Sommer wieder in den Senegal, bestimmt könnt ihr ihn dort besuchen.“

So kommen wir nach Kafountine, einem mittelgroßen Dorf an der Küste des Senegal. Drei Wochen leben wir hier mit Familienanschluss. Meine beiden Kinder und ich sind die einzigen Weißen im Dorf. Wir können uns nicht ungesehen machen, sind der Kommunikation durch Blicke ausgesetzt, werden angesprochen. Das geht nicht nur uns so – deshalb nimmt Madi auf kurzen Strecken gern das Taxi.
„Zu Fuß kommen wir nicht weit“, sagt er, „ich kenne zu viele, die ich unterwegs persönlich begrüßen müsste.“
Fortwährend winkt er Bekannten, alten Freunden aus dem Taxifenster zu.
Madi organisiert einen mehrtägigen Ausflug auf die nahegelegenen Inseln, die der Küste vorgelagert sind. Per Boot, mit Proviant und Kocher, fahren wir ins Vogelparadies. Wir zelten, baden, angeln.
Ich habe noch nie geangelt. „Das bringt Glück“, sagen die Anderen. Ich halte die Angel halbherzig ins Wasser, während wir mit Motor durch die Mangroven tuckern. Zum Glück bleibt nichts an der Angel hängen. Es ist nicht mein Sport. Aber ich blicke in eine weitgehend unverbaute Landschaft, dünn besiedelt von freundlichen Menschen, die hier leben können, irgendwie ihr Auskommen finden.
Für Madi geht es nach den entspannenden Tagen zurück in seinen Alltag, der hier Hausbau heißt. Wir dürfen zusehen, und ab und an helfen – schon um dem Vorurteil des arbeitsscheuen Weißen entgegenzuwirken. Denn davon ist auch Madi betroffen, seit er die längste Zeit des Jahres in Deutschland arbeitet. Die Hautfarbe ist egal. Hier ist er ein Weißer geworden.
Sie arbeiten alle mit den Händen, niemand benutzt eine Motorsäge oder einen Bagger. Die Gräben für das Fundament ziehen sie wie beiläufig mit der Schaufel. Die nötige Baustahlarmierung biegen sie von Hand über zwei starke Bolzen auf einem mobilen Biegetisch. Um sie zu verbinden wickeln sie Draht darum. Beton aus Steingrieß und Zement schaufeln die Bauarbeiter solange reihum im Kreis, bis die Mischung gleichmäßig feucht ist.
Der Vorgang braucht Zeit. Wir sitzen oft an der Baustelle mit einem Glas Tee und schauen zu, lauschen den Gesprächen, die wir nicht verstehen. Ab und zu wird etwas für uns übersetzt, von Häusern und Menschen.
Wir fahren an den Strand wo Fischerboote, die Pirogen, entladen werden. Wir sehen den Wettlauf der Träger um den nächsten Auftrag, die nächste Kiste zu transportieren. Das Wasser hüfthoch oder höher, Strömung und Wellen erschweren jeden Schritt.
Der Fisch ist ihr Hauptnahrungsmittel. Es gibt keine Möglichkeiten, ihn einzufrieren oder anders zu konservieren. Man ist dem Fangglück des Tages ausgeliefert, kann nichts aufheben, lebt von der Hand in den Mund. Was nicht fangfrisch verkauft und zubereitet werden kann, wird ins Meer zurückgeworfen. Es ist Ramadan. Mittags gibt es nur für die Gäste warmes Essen. Die Muslime fasten tagsüber. Bintu kocht. Das Kochen ist aufwändig. Viel Zeit brauchen die Vorbereitung der Zutaten und das Garen auf dem Gaskocher. Ein bisschen Gemüse, Reis, so sehen die phantasievoll angerichteten Mahlzeiten aus.
Bei unseren kleinen Ausflügen kommen wir auch auf die andere Seite des Hafens. Ich wundere mich, über den weithin sichtbaren, nebelartigen Rauch. In diese Richtung ziehen mit Knüppelholz beladene Eselskarren die Hauptstraße entlang. Grobe Roste voller Fisch wohin man schaut. Auf den qualmenden Feuern wird Fisch getrocknet. „Das wird als Futter verkauft“, kommentiert der Fahrer.
Ich sitze in meiner Küche, als der Podcast über die dramatischen Folgen der Fischmehl-Industrie beschreibt, warum die traditionellen Fischer immer weniger Fische fangen, die sie ernähren könnten. Die Fangflotten aus den Industriestaaten fangen schneller und gründlicher, da bleibt für die Fischer mit ihren einfacheren Fangmethoden fast nichts übrig.
Männer streiten sich neuerdings um Minifischchen, Sardinellen, die noch vor wenigen Jahren in den Sand geworfen wurden. Heute wird dieser ölige Fisch getrocknet, um ihn als Nahrung an die Ärmsten zu verkaufen.

Ich habe in Kafountine einen einfachen und im Vergleich zu unserer Gesellschaft um Klassen weniger zerstörenden Lebensstil kennengelernt. Mich beeindrucken der Stolz, die Genügsamkeit und die Geduld als innerer Antrieb der Menschen, die dort aufgewachsen sind
Zeitungsberichte über den EU-Asylkompromiss mit Schnellverfahren an den EU-Außengrenzen zeigen einen grundsätzlichen Unwillen, die wirtschaftlichen Ursachen der Asylproblematik einzuräumen. Wie in der Kolonialzeit werden die begehrten Waren abtransportiert, diesmal Fischmehl, diesmal von der EU. Die hölzernen Pirogen sind für das Handwerk der Fischer nutzlos geworden. Für eine Zukunft in ihrem Land lassen wir ihnen keine Zeit.
Thomas Schwerdtfeger
Nachdem ich 30 Jahre in der öffentlichen Verwaltung getextet habe, zeigte mir ein Bildungsurlaub neue Landschaften. Mit „Diary Writing Across Cultures“ kamen erste Anstöße und „Creative Writing Across Cultures“ ließ mich dann das Schreiben neu entdecken.
Andere Veröffentlichung: Heimat finden. In: Diskussionen über Heimat, Tredition 2022, ISBN 978-3-347-57215-7 und ISBN 978-3-347-57216-4
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