Die eisernen Achten

U.P. Iron 8 für #kkl29 „Zeit“




Die eisernen Achten

Die Frau erreichte den Treppenabsatz vom Souterrain aus. Ein riesiger Waschkessel, aus dem weißer Dampf quoll, versperrte den Weg zur Tür, denn von dort aus gelangte man über die Steintreppe hinauf in den Garten. Neben dem Kessel lag der hölzerne Rührlöffel, mit dem die Wäscherin von Zeit zu Zeit mit hochrotem Kopf die brodelnde Suppe durchpflügte. Das Feuer, am frühen Morgen vom Hausherrn mit Buchenspänen zum Glimmen gebracht, benötigte mehrere Stunden unter Aufsicht, um das Wasser im Kessel schließlich zum Sieden zu bringen. Im Moment köchelte die Wäsche im Kessel ruhig vor sich hin, derweil die heißen Dampfschwaden die Sicht vernebelten. Der Keller lag leer und verlassen im Halbdunkel, denn es drang nur wenig Licht von außen hier herunter.

Bei den meisten Nachkriegsbauten der Siedlung führte der hintere Ausgang zur anschließenden Veranda und zu den Gärten, die den Abhang der oben auf dem Hügel erbauten Schule nach unten begrenzten.

Auf dem Absatz der Treppe oben angekommen, drehte sich die Frau nach links und blickte über den Garten hinweg zur Wiese hinauf. Die saftige Grünfläche war noch nicht verbaut und streckte sich rechts bis hinunter zur Kirche und links bis zum Neubaugebiet. Im Zentrum der Wiese wurzelte noch immer der alte Apfelbaum von früher und streckte seine knorrigen Äste zum Himmel, bereit, die säuerliche Ernte auf der Erde zu verteilen. Sonst hatte sich nicht viel verändert. Jeden Moment konnte der Hausmeister der Grundschule aus seiner Unterkunft stürmen und die spielenden Kinder verscheuchen. Für ihn galt jedes Kind, das in seinen Herrschaftsbereich eindrang, als Feind, den es zu bekämpfen galt. 

Trotzdem gelang es den Kindern immer wieder, den Weg zur Schule hinauf als Rollschuhbahn zu nutzen. Ihr Johlen und Schreien hallte über die Dächer der Häuser, sobald der Wettbewerb um die riskanteste Fahrweise begann. Nicht selten endete dieser mit zerrissenen Hosen und blutig, aufgeschürften Knien. Die Bestrafung der Mutter ließ dann nicht lange auf sich warten und nicht wenige mussten danach in geflickten Hosen zur Schule gehen.

Selbst der fahrende Scherenschleifer, der alle paar Monate seinen hölzernen Schleifbock durch die Straßen zog, fand Gefallen an dem Gejohle und lachte, bis jede seiner Zahnlücken sichtbar wurde. Behindert durch seinen Klumpfuß, verdingte er sich so seinen Lebensunterhalt, war aber gern gesehener Gast im Viertel, denn niemand konnte die Scheren, Messer und Äxte so scharf und auf Winkel schleifen wie er.

Die Frau schien nicht fremd in dieser Umgebung. Dem Äußeren nach zu urteilen kam sie gerade aus der Hauptstadt, die hundert Kilometer von hier entfernt lag. Welcher Umstand dazu führte, dass sie gerade heute und zu dieser Tageszeit hier erschien, blieb unklar. Führten sie die Schatten der Vergangenheit oder noch tiefere Geheimnisse in die Gegend ihrer Kindheit, oder war es der Zufall, der sie hier verweilen ließ?

Da fiel sie. Die rechte Hand griff noch nach dem Geländer, wollte es packen, um den Aufprall zu mindern, doch es war bereits zu spät. Der Körper reagierte nicht mehr auf ihren inneren Hilferuf. Er kontrollierte sich und seine Bewegungen nun selbst und verhinderte damit einen entsprechenden Reflex. Gleichzeitig folgte er nicht mehr dem Gesetz der Gravitation, sondern schwebte, einer entgegengesetzten Wirkkraft folgend, mit dem Oberkörper einen halben Meter über dem Boden, während die Füße ihn schon berührten.

Quälend langsam fand der Korpus nach und nach aus der Krümmung und sank mit seinem Gewicht langsam auf die Steinplatten. Während sie fiel, perforierte sich, von ihr unbemerkt, nach und nach die Bauchdecke und öffnete sich allmählich der Länge nach. Die Frau fühlte dabei keinen Schmerz. Hilflos und voller Verzweiflung sah sie zu, wie ihr Körper ein Eigenleben entwickelte und sich nicht mehr ihrem Willen unterordnete. Es geschah einfach. Auch die bisher selbstverständliche Koexistenz zwischen Bewusstsein und Materie wurde ohne ihr Zutun aufgegeben. Die Nichtmaterie des Bewusstseins löste sich aus seinem Kokon und verschwand völlig autark in eine andere Realität.

Die Frau blieb dem Geschehen weiterhin ausgeliefert und musste

hilflos die Veränderung ihres Körpers ertragen. Das Entsetzen über ihren Zustand raubte ihr fast den Verstand. Wie lange sie so dalag, entzog sich ihrer Wahrnehmung. Es konnten nur Sekunden gewesen sein. Eine unerträgliche Stille um sie her verstärkte die Angst, nicht mehr Herr der eigenen Sinne zu sein. 

Bewegungslos lag sie auf den Steinplatten des Gartens und spürte noch immer nichts. Der Kopf ließ sich wieder bewegen während sie gleichmäßig aus und ein atmete. Sie empfand keinerlei Schmerzen oder sonstige Beeinträchtigungen. Dann fiel ihr Blick nach unten auf die Bauchdecke und sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Eiserne Gebilde quollen der Länge nach aus der Öffnung zwischen den aufgeklappten Bauchlappen hervor. Bei genauerem Hinsehen erwiesen sich diese als eiserne Achten. Das Eigengewicht der Eisen verursachte weder Schmerzen noch ein Gefühl von Schwere. Es schien, als erzeuge die Last der Zahlen, die aus verrostetem Eisen bestanden, keine Wirkung auf das sie tragende Gefäß.

Erschüttert vom Geschehen schloss die Frau ihre Augen und ließ es über sich ergehen. Mühsam versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Ergriff eine Wahnvorstellung unerwartet von ihr Besitz oder handelte es sich bei dieser Metamorphose um eine Sinnestäuschung? War es real, dass ihr Körper sich mit geöffneter Bauchdecke und völlig schmerz-unempfindlich im Garten ihrer Kindheit befand? Unterlag ihr Denken dem Trugbild einer Illusion? Blieb ihr Geist, entgegen jeglicher Vernunft und Logik, in dieser Schleife aus Irrationalität und Paradoxie gefangen? Mutlos griff sie eine der Zahlen, die aus der Bauchdecke herausfielen und neben ihr lagen und betrachtete sie näher. Mit den Fingern der rechten Hand strich sie über das Eisen, befühlte seine Beschaffenheit und wog das Gewicht in den Händen. Eine leichte Kruste, ähnlich wie Rost, überzog das Metall. Die Zahlen schienen sehr alt zu sein. An einigen freien Stellen ließ es eine glatte Schicht darunter erkennen. Jede der geschmiedeten Achten besaß eine Länge von ca. 14 cm, eine Breite von 7cm und waren 1,5 cm hoch. Sie ordneten sich der Länge nach in ihrem Körperinneren an und füllten es komplett aus. Mit dem Zeigefinger spürte sie der geschwungenen Linie der Zahl nach. Immer wieder fuhr sie über das Metall, ertastete die harmonische Schwingung der Bewegung, das Auf und Ab, bis hin zur Mitte, um dann wieder über die Rundung zu streichen.

Gefangen in der Zeitschleife, verschmolz ihr Empfinden für die Ver-gangenheit mit der Zukunft und die Gegenwart dauerte eine Ewigkeit.




Ulrike Werner, Jahrgang 1956, lebt seit 1985 in Reutlingen, wo sie heiratete und ein Sohn geboren wurde. Als gelernte Heilerziehungspflegerin arbeitete sie dort 30 Jahre in der Behinderten Werkstatt einer großen, diakonischen Einrichtung. Nach dem Abschluss des BWL /FH Studiums und Case Managements erstellte sie in freiberuflicher Nebentätigkeit in ihrer Einzelfirma „genoson“ Marktanalysen für die Einrichtungen der Behindertenhilfe. In dieser Eigenschaft war sie auch bundesweit als Referentin und mit Messeauftritten unterwegs. Während dieser Zeit arbeitet sie ehrenamtlich in diversen Organisationen als Schriftführerin, Organisatorin für Messeauftritte, Fachpublikationen u.a. mit.

In ihrer Freizeit interessiert sie sich neben der Vorliebe des Gärtners vor allem für Mythologie, Märchensymbolik, analytische Psychologie nach C.G.Jung, und Traumanalyse.  Beginnend mit der Frage …“ sind Märchen noch zeitgemäß?“… entwirft sie Kurzgeschichten, die sich inhaltlich mit der Darstellung von „verzerrter Wahrnehmung“ und Komplexität auseinandersetzen.

Das Genre der Phantastik, Cyberpunk und Gothik Novel eignet sich hierzu besonders. Durch die literarische Schilderung eines „Risses“ in der Realität, bietet dieses Genre den Ansatz, „Wirklichkeit“ in unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Phantastische Elemente und/oder nicht greifbare Zustände, die Komplexität als Grundbaustein von Wirklichkeit interpretieren, vermitteln dem/der Leser/in den Eindruck, vor einer Entscheidung zu stehen.

Über die Jahre entstand eine Anzahl von Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen in der Rohfassung, die nun, vertieft durch eine intensive Recherchearbeit, in verschiedenen Anthologien u.a. Veröffentlichungen einem interessierten Publikum vorgestellt werden sollen. Weiterhin dienen die Arbeiten der Vorbereitung zu einem SF Roman, der sich (kritisch) mit dem Thema KI, Bewusstsein und/oder Bewusstseinsveränderung auseinandersetzt.  

Als Synonym trägt sie den Namen U.P. Iron 8 , der aus dem Titel der Kurzgeschichte oder „Die eiserne Acht“ entstand.

Eine eigene Webseite befindet sich im Aufbau.







Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar