Lena Maria Trohar, für #kkl29 „Zeit“
Der Wasserhahn
Im Bauernhaus meiner Großeltern gab es einen Wasserhahn. Und wie das Haus meiner Großeltern war auch der Wasserhahn alt. Und weil alles dort alt war, tropfte der Wasserhahn, wenn man ihn nicht fest genug zudrehte. Wir Kinder waren nicht immer stark genug, um ihn so gut zu verschließen, dass kein Wasser mehr rauskommen konnte. Und umgekehrt war er oft so fest zugedreht, dass wir uns nachdem wir draußen gespielt hatten, die Hände drinnen nicht waschen konnten. Trotzdem machte es oft keinen Unterschied, wie fest man ihn versiegelte, ein bisschen Wasser drückte sich zu jeder Zeit durch die hauchdünnen Ritzen und floss den Abfluss hinab. Störend war es nur, wenn er zu leicht zugedreht war, dann tropfte der Hall des Badezimmers im Vorzimmer. Mein Großvater, der neben dem Vorzimmer auf seinem Platz in der Küche saß, hörte noch zu gut für seine vielen Tage und ließ uns Kinder wissen, was er sich nicht leisten wollte. Die Missgunst über unser Versagen, wenn wir es einmal nicht geschafft hatten, den Hahn zuzudrehen, habe ich noch heute vor mir. Wir Kinder gaben dann einander die Schuld, obwohl wir niemals die Chance hatten es richtig zu machen. Also traten wir nach dem Händewaschen der Reihe nach an, damit ein jedes Kind mit seiner Kraft versuchen konnte den Hahn zu verschließen und aus dem Tropfen ein leichtes Wimmern werden zu lassen.
Den Wasserhahn im unteren Badezimmer meiner Großeltern gab es noch, als es meinen Großvater schon nicht mehr gab. Sein Platz in der Küche blieb leer, wann immer wir die Großmutter besuchten. Und wenn sich hin und wieder Hausfremde auf den Vorsitz setzten, fühlte ich mich ihnen gegenüber sauer. Wie roh musste man sein, sich auf das abgewetzte Pölsterchen zu setzen, die Ellenbogen auf den gleichen Stellen rasten zu lassen, wo die meines Großvaters gerastet hatten und die Füße unter einem Tisch breit zu machen, für den man nichts geleistet hat.
Das Bauernhaus, in dem der Wasserhahn im Badezimmer meiner Großeltern stand, gibt es nun nicht mehr. Das Haus stand so lange ich mich erinnern kann und der Wasserhahn tropfte so lange, bis es keinen Ort zum Tropfen mehr gab. Der Stall, die Scheune, das Hühnergehege, die Werkstadt, die Garage, die Selchkammer. Alles gibt es nicht mehr. Es kamen Maschinen und machten die Gemäuer erst kaputt und fuhren sie dann weg. Ich wollte es nicht mit ansehen. Auf dem Platz, der das gesamte Tal überschaut und an dem es jeden Abend goldene Sonnenuntergänge gibt, stehen jetzt die Ferienwohnungen derer, die sich als Hausfremde an den Platz meines Großvaters gesetzt haben.
Lena Maria Trohar, geboren 1995 in Klagenfurt. Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Wien. Juristische Redakteurin und Texterin, veröffentlicht Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien.
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