Laurin Johannes Lenschow für #kkl29 „Zeit“
Flieg
9496 Tage ist er alt. Daran muss er immer wieder denken, während er in seiner kleinen Privatmaschine nach Westen fliegt.
Das Festland hat er schon lange aus den Augen verloren; unter ihm Blau, über ihm Blau. Der CD-Player, den er sich mitgenommen hat, spielt die Filmmusik aus Cloud Atlas und übertönt damit das Summen des Motors. Schon seit der Mann vor gut sieben Stunden im bereits schwindenden Glanz der Nachmittagssonne überstürzt in den Flieger gestiegen ist, wandert sein Blick beständig zur Tankanzeige. Eine kleine rote Nadel, die sich unaufhaltsam der Null nähert, grausam ablaufende Zeit. Er fliegt mit gut 200 Stundenkilometern; die Reservekanister, die hinten im Flugzeug standen, hat er bereits geleert. Wenn der Tank dieses Mal leer ist, wird es endgültig sein. Er kann nicht noch einmal landen, um zu tanken, und die Zeit, um einen geeigneten Ort dafür zu finden, hat er schon gar nicht. Kurz tanzen schwarze Flecken vor seinen Augen, dann blinzelt er ein paar Mal heftig und kann wieder klar sehen. Es ist nicht das erste Mal, dass er auf diesem Flug fast ohnmächtig geworden wäre, aber ihm kann nichts passieren, solange er schnell genug ist. Oder zumindest redet er sich das ein, während er versucht, sich davon abzulenken, dass seine Kopfschmerzen in den letzten Stunden schlimmer geworden sind. Viel schlimmer, seit das Schmerzmittel nicht mehr wirkt.
Er denkt an seine schwangere Frau. Wahrscheinlich sitzt sie gerade in einem weißen, sterilen Krankenhauszimmer vor seinem leeren Bett und kann nicht verstehen, warum er fort ist. Falls ihre Wehen nicht schon eingesetzt haben, natürlich. Eine Tochter werden sie bekommen, meinten die Ärzte. Morgen ist Stichtag. Deswegen muss er weiterfliegen. Denn solange er fliegt, ist er sicher. Solange er die Sonne vor sich sieht, wird alles gut sein. Es tut ihm weh, dass er nicht bei seiner Tochter sein können wird, aber vielleicht können sie ja telefonieren, in einigen Jahren. Sie wird verstehen, dass er nur so für sie da sein kann, dass er all das für sie tut. Sein Blick wandert wieder zur Tankanzeige. Der rote Zeiger erzittert sachte und rückt dann ein Stückchen weiter in Richtung Null. Aber das kann nicht sein. Oder doch? Fliegt er nicht schnell genug? Verliert er die Sonne?
Ein Hirntumor im Endstadium, hatte der Arzt gesagt, und ihm noch zwei Wochen gegeben. 9496 Tage ist er alt. Heute ist sein letzter.
Laurin Johannes Lenschow, geboren 2001 in Kiel, lebt in Kronshagen und schreibt schon seit seinem siebten Lebensjahr Geschichten. Mit diesen schaffte er es vier Mal unter die Preisträger des „Jungen Literaturpreises Schleswig-Holstein“ und ging zwei Mal als Sieger aus dem Wettbewerb hervor, außerdem gewann er den Nominierungspreis beim Förderpreis der Gruppe 48.
Im Rahmen seines Abiturs am Ernst-Barlach-Gymnasium im Jahr 2020 setzte er sich über die vorgeschriebenen Prüfungsfächer hinaus in einer zusätzlichen Arbeit mit der deutschen Nachkriegsliteratur auseinander. Im darauffolgenden Jahr widmete er sich der Arbeit an seinem ersten Roman (noch unveröffentlicht) und begann dann ein Studium im Fach Kulturwissenschaften. Im Herbst 2022 veröffentlichte er seine erste Anthologie „Grenzgänger“ im Verlag „story.one“.
In seiner Freizeit geht er am liebsten inlinern, schreibt Geschichten und komponiert Musik, die er auf seinem YouTube-Kanal „Cinematic Music – Laurin Lenschow“ veröffentlicht. Auf seiner Website www.laurin-lenschow.com informiert er über seine neusten Veröffentlichungen.
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