Klaus Enser-Schlag für #kkl29 „Zeit“
Zeitreise
Jakob sitzt in dem kleinen Café und beobachtet die anderen Gäste.
Seine Gedanken gehen auf Zeitreise.
Hier, in diesem Ort, nicht weit entfernt von dem Café, in welchem er jetzt sitzt, wurde er vor 68 Jahren geboren. Seine ersten 19 Jahre hat er hier verbracht. Jakob erinnert sich an seine Eltern. Er hatte eine glückliche Kindheit verlebt und auch später einen guten Kontakt zu ihnen beibehalten. Sie hatten ihn zu einem selbständigen und freiheitsliebenden Menschen erzogen, sein Interesse für Kunst und Musik gefördert. Jakob war ein aufgeschlossenes, fröhliches Kind, welches viele Freunde hatte und auch in der Schule sehr gute Leistungen erbrachte. Und da gab auch schon eine erste, unschuldige Liebe. Sie hieß Miriam und lebte mit ihrer Familie in der gleichen Straße wie Jakob.
Wie schön war doch ihre Freundschaft, geprägt von kindlicher Unbefangenheit. Sie waren befreundet, weil sie sich eben sehr lieb hatten, basta. Bedingungslos.
Jakobs Augen werden feucht, als er an ein Erlebnis mit Miriam denkt. Einmal pflückten beide zum Muttertag Blumen auf einer großen Wiese. Und als sie genug Margeriten und Butterblumen gesammelt hatten, gab Jakob seiner Miriam die schönste Margerite und hauchte schüchtern einen Kuss auf ihre Wange. Sie strahlte ihn mit ihren schönen, blauen Augen an.
„Sag, Jakob, wirst du mich heiraten, wenn wir beide erwachsen sind?“, fragte sie zaghaft und Jakob bejahte es sofort mit Leidenschaft.
Er hätte sich damals nie eine andere Frau als Miriam vorstellen können. Doch die Zeit, die Jakob und Miriam über viele Jahre miteinander verband, sie trennte die beiden dann doch. Nach dem Abitur studierte Jakob an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Nun lagen fast 500 KM zwischen ihnen. Jakob fand neue Freunde und Miriam lernte auf einem Weihnachtsfest ihren späteren Mann Jonas kennen. Jakob wurde aufgrund seiner außergewöhnlichen musikalischen Begabung Solofagottist beim niedersächsischen Staatsorchester Hannover. Durch die zahlreichen Auslandsgastspiele des Orchesters lernte er die halbe Welt kennen und führte ein eher rastloses Leben. Natürlich gab es auch Frauen in seinem Leben, doch zu einer langjährigen, festen Bindung hatte es nie geführt. Manchmal war es Jakob, als glorifiziere er seine überaus glückliche Kindheit und Miriam derart, dass er sie unbewusst mit den Frauen verglich, die ihm in seinem späteren Leben begegneten. Als seine Mutter ihm schrieb, dass Miriam geheiratet hatte, freute er sich zwar für sie, doch fühlte er trotzdem einen Stich im Herzen, als er davon erfuhr. An jenem Abend hörte er zuhause seine Lieblingsarie „O mio babbino caro“ aus Puccinis Oper „Gianni Schicchi“. Die Interpretation von Maria Callas trieb ihm jedes Mal die Tränen in die Augen – bis zum heutigen Tag.
Und nun sitzt Jakob schon zum dritten Mal in dem kleinen Café seiner Heimatstadt. Nachdem er seine Tätigkeit beim Staatsorchester Hannover vor drei Jahren beendete, verlegte er seinen Wohnsitz nach Hamburg. Und dort rief ihn ein Freund an und erzählte ihm, dass Miriams Mann gestorben sei. Jakob erfuhr auch, dass sie öfter im Café „Jeanette“ zu finden sei.
Jakob trinkt den letzten Schluck Kaffee und bestellt sich noch ein Glas Wasser. Seit er mit 19 Jahren von hier wegging, hat er Miriam nie wieder gesehen. Es gab keinen Kontakt und doch – wie oft hatte er sich gewünscht, die Zeit zurückdrehen und mit Miriam an seiner Seite glücklich zusammenleben zu können.
Als er zum ersten Mal im Café „Jeanette“ saß, betraten zwei Frauen das Lokal. Jakobs Herz pochte ihm bis zum Hals. Die ältere der beiden Frauen war Miriam! Sie war schmal und sehr blass. Die Trauer um Jonas hatte unübersehbaren Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Und doch erkannte er sie sofort. Er wollte die Hand heben, sie grüßen, doch er saß nur bewegungslos da und konnte sich nicht rühren. Miriam sah kurz zu ihm herüber, dann setzte sie sich mit ihrer Begleiterin an einen Tisch und war bald in ein intensives Gespräch mit ihr vertieft. Sie hatte ihn nicht erkannt.
„Wie sollte sie auch, nach fast 50 Jahren?“, dachte Jakob und versuchte damit, seine Enttäuschung wegzuwischen.
Was hatte er sich eigentlich erhofft? Und wie würde Miriam überhaupt reagieren, wenn er so plötzlich wie aus dem Nichts, nach all den Jahren wieder vor ihr stand? Würde sie sich nicht überrumpelt vorkommen?
Tausend Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Er zahlte und verließ das Café. Als er zum zweiten Mal bei „Jeanette“ war, kam Miriam nicht. Vielleicht war es auch besser so. Mit einer vorgetäuschten Erleichterung verließ Jakob das Lokal.
Und nun sitzt er wieder da. Er hat einen Entschluss gefasst. Wenn Miriam heute erscheint, will er sie noch einmal sehen und dann für immer von hier verschwinden. Die Zeit zurückdrehen – welch´ eine Illusion versponnener Tagträumer, so wie er offensichtlich einer ist!
„Wie heißt es so schön?“. denkt er bei sich. „Die Zeit heilt alle Wunden? Nein, bei Gott, das tut sie nicht!“
Und tatsächlich: Miriam betritt das Café! Dieses Mal ist sie allein. Erneut blickt sie kurz zu ihm und setzt sich dann an einen freien Tisch. Jakob ist wieder wie erstarrt und verachtet sich wegen seiner Feigheit. Warum nur kann er nicht zu Miriam gehen und ihr einfach „Hallo“ sagen?
Jakob gibt der Kellnerin ein Zeichen, dass er bezahlen möchte. Schon sucht er in seiner Geldbörse nach dem passenden Betrag, da steht plötzlich Miriam vor ihm.
„Hallo Jakob“, sagte sie leise. „Darf ich mich zu Dir setzen?“
Jakobs Hände beginnen zu zittern.
„Natürlich“, antwortet er heiser. „Du…du hast mich erkannt?
„Schon beim ersten Mal“, sagte Miriam. „Aber ich war so überrascht, dass ich nichts sagen konnte“.
„Ging mir genauso“, erwidert Jakob und kämpft gegen seine Tränen an.
„Es..es tut mir sehr leid, das mit Jonas, meine ich“.
„Ja, es ist sehr schwer für mich“, sagte Miriam und schaut Jakob an. „Weißt du, ich habe Jonas wirklich geliebt und seit er nicht mehr da ist, da…“
Ihre Stimme bricht.
„Vielleicht ist es nicht der richtige Augenblick“, sagt Jakob leise und ergreift zaghaft Miriams Hand. „Ich…ich wollte es dir schon so lange sagen. Aber ich habe in all den Jahren an Dich gedacht“.
„Auch ich habe Dich nicht vergessen“, flüstert Miriam und Jakob sieht, wie ihr die Tränen kommen.
„Erinnerst Du Dich noch an den Tag, als ich Dir die Margerite schenkte und wir uns versprachen, für immer zusammenzubleiben?“, fragt er mit bebender Stimme. „Damals, in diesem Moment, habe ich mir gewünscht, ich könnte für uns beide die Zeit anhalten“.
„Ja“, erwidert Miriam. „Es war ein wunderbarer Moment“.
„Vielleicht…“, sagt Jakob. „Vielleicht könnten wir ja…“
„Vielleicht“, meint Miriam. „Aber nicht jetzt. Verstehe mich bitte, Jakob. Es wäre nicht der richtige Zeitpunkt“.
„Ja, die Zeit, ich weiß…“, erwidert Jakob.
Miriam steht auf. Jakob kann ihr nicht zeigen, wie der Schmerz in ihm tobt. Wird er Miriam nie wiedersehen? Ist dies der endgültige Abschied?
Miriam schaut ihn an und dann, ganz plötzlich, fährt sie mit ihrer zarten, kleinen Hand sanft über Jakobs Haar.
„Ich danke Dir, dass Du gekommen bist, Jakob“, sagt sie. „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel es mir bedeutet. Nur lass´ mir bitte Zeit. Ich muss jetzt über vieles nachdenken und hinwegkommen“.
Jakob steht auf und nimmt Miriam spontan in die Arme.
„Pass´ auf Dich auf“, sagt er leise. „Ich werde immer für dich da sein“.
Miriam nickt stumm mit dem Kopf.
„Gib mir deine Telefonnummer, Jakob. Ich rufe Dich an. Versprochen“.
Jakob gibt ihr eine Karte mit seiner Adresse und der Telefonnummer.
„Ich melde mich“, sagt Miriam. Dann verlässt sie rasch das Café.
An diesem Abend erklingt wieder der zauberhafte Gesang Maria Callas´ durch Jakobs Wohnung. Es ist ihm, als habe sie „O mio babbino caro“ nie schöner gesungen. Und noch etwas ist heute Abend anders: Zum ersten Mal entlockt ihm Maria Callas keine Tränen der Wehmut, im Gegenteil: Jakobs Herz klopft voller Freude und in Erwartung auf die Zeit, welche vor ihm liegt. Er fühlt es ganz genau: Irgendwann wird die Zeit ihn mit Miriam, egal in welcher Weise, wieder vereinen…

Bild: Pixabay
Klaus Enser-Schlag, geboren in Stuttgart,
Hörspielautor beim Schweizer Rundfunk (SRF)
Veröffentlichung von Gedichten, Kurzgeschichten,
Songtexten, Internet-Artikeln, sowie Erzählungen
in Anthologien.
Mehr unter:
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und
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