Ablaufdatum.

Astrid Miglar für #kkl29 „Zeit“




Ablaufdatum.

Mein Alltag langweilt mich. Ich verschwende Zeit,

folge hübschen Fotos und markigen Sprüchen

in Portalen, die in Wahrheit keine Tore aufmachen.

Gedankenlos lungere ich herum, warte darauf,

dass etwas passiert.


Begehrlich beobachte ich, wie pseudofröhliches Zeug von

pseudofröhlichen Menschen ausgespuckt wird.

Weiß nicht, soll ich beeindruckt sein oder

müde von deren uniformen Berieselungsversuchen.

Möchte so sein wie sie, aber dann lieber doch nicht.

Ihre Schönheit langweilt mich.

Ihre Besonderheiten sind längst keine mehr.


Ich starre auf das Stückchen Kunststoff in meiner Hand,

kaum größer als 6 mal 15 Zentimeter,

fühle die Hitze des Akkus und bin selbst ausgelaugt.

Übersättigt lege ich das Display in diese pocketformatige Welt zur Seite und kann nicht anders, schiele doch wieder hin,

begreife sie resignierend als Mittelpunkt meines Lebens.

Natürlich erkenne ich, dass es unbefriedigend ist,

die Zeit mit bunten Bildern totzuschlagen,

anstatt mich mit Eifer in die Wirklichkeit zu stürzen.

Aber …?


Mir ist bewusst, es ist besser, den Regen zu beobachten,

zu sehen, wie neues Grün entsteht.

Es ist nützlicher, die Reviere der Stadt vom Müll zu befreien

oder in die wissbegierigen Augen eines Kindes zu blicken,

zu reden, zu lachen, sich anzusehen, zu streiten,

anstatt Tage, Wochen und Monate verstreichen zu lassen

mit vermeintlich Wichtigem, in Wahrheit Nichtigem befüllt.


Wo ist mein echtes Leben?

Das an manchen Tagen schön und still wie ein See vor mir liegt,

dessen klare Fläche mir spiegelnd zeigt, was oben geschieht,

während unter der Oberfläche brodelnde Düsternis lauert.

Was, wenn eines Tages dieser Abgrund gewinnt?

Mich an sich zieht und mit kühler Bestimmtheit verführt.


Ich erkenne entsetzt, während mein Herz einen Sprung tut: Ich verpasse mein Leben.

Wann habe ich das Signal überhört, das mein Startschuss war?

Ich renne. Verzweifelt. Im Kreis. Kurzatmig und erschöpft.

Gefangen in der selbst aufgestellten Falle.

Wehmütig betrachte ich die Sonne am Horizont,

die bisher immer nur für mich aufgegangen ist.

Wie lange noch?


Niemals hast du Zeit, keucht meine Seele.




Astrid Miglar, gboren 1970 in Steyr (Österreich), lebt im oberösterreichischen Reichraming. Sie schreibt Geschichten, weil es so unendlich viel zu erzählen gibt, nicht nur am Lagerfeuer. www.astridmiglar.at 

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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