Die Wahl

André Hénocque für #kkl29 „Zeit“




Die Wahl

Vor vielen Jahrhunderten lebte ein König in einem großen Reich. Er war glücklich, denn er war weise, gerecht und beliebt bei seinen Untertanen – etwas was nicht allzu oft vorkommt. Als er merkte, dass das Alter ihn immer mehr bedrückte und die Aufgaben schwerer auf seinen Schultern lasteten, rief er seine  Kinder zu sich und sprach: „Ich spüre, dass meine Zeit gekommen ist. Ihr sollt ab jetzt die Staatsgeschäfte führen.“ „Lieber Vater! Lange mögest du leben! Aber, wer soll später dein Nachfolger werden?“ Der älteste Sohn wartete gespannt auf die Antwort. „Ihr seid alle intelligent, daher bestimme ich, dass mein Nachfolger derjenige unter euch sei, dem ich das kostbarste Geschenk hinterlasse. Ihr werdet die richtige Wahl treffen.“ Mit diesen Worten und einer kleinen Handbewegung zeigte der König an, dass die Besprechung beendet war.

Nach genau einem Jahr verschied der König und nach einer angemessenen Trauerzeit versammelten sich die Kinder im großen Audienzsaal um den Nachfolger zu küren. Der gesamte Hofstaat war versammelt um dem künftigen Herrscher zu huldigen. Alle waren gespannt und fieberten der Entscheidung entgegen. Wer würde das Kostbarste sein Eigen nennen können und damit als legitimer König ausgerufen werden?

Der älteste Sohn trat vor: „Seht her! Ich habe im letzten Jahr für den Wohlstand des Reiches gesorgt. Die Verwaltung arbeitet nun effizient, die Steuern wurden gesenkt, die Straßen und Wege ausgebessert oder erneuert. Die Versorgung mit allen Gütern des täglichen Lebens zu erschwinglichen Preisen ist im gesamten Reich selbstverständlich geworden. Daher hat mein Vater mir dieses Zepter hinterlassen. Es ist aus purem Gold, mit Edelsteinen verziert und trägt den größten und kostbarsten Diamanten an seiner Spitze. Das ist wohl das Geschenk, welches mein Vater gemeint hat.“ Damit hob er das Zepter in die Höhe, damit alle Anwesenden es sehen konnten. Die Höflinge klatschten Beifall und wollten den Sohn bereits als König ausrufen als der zweite Sohn vortrat.

„Haltet ein! Im letzten Jahr war ich für die innere und äußere Sicherheit des Reiches verantwortlich. Ich habe die Polizei und die Armee reformiert, dabei die Wehrpflicht abgeschafft. Allein durch die Maßnahmen an unseren Grenzen wurden unsere Gegner abgeschreckt, so dass kein Krieg ausbrach, ja, nicht einmal der kleinste Konflikt ist zu vermelden. Mit unseren Nachbarn haben wir einen andauernden Frieden beschlossen, die Voraussetzung für Sicherheit und Wohlstand. Mein Vater vermachte mir seinen Säbel, Zeichen der Autorität des obersten Heerführers. Die Klinge ist aus Damaskus, Korb und Parierstange aus reinstem Gold, die Scheide mit Perlen und Juwelen verziert. Mir gebührt die Krone.“ Er schwenkte den Prunksäbel über seinem Kopf.

Die Versammlung war unschlüssig und schaute jetzt gespannt auf das jüngste Kind. „Was hast du bekommen? Wir können nichts sehen außer einem Buch!“

Verlegen senkte es den Kopf und sprach: „Meine Aufgabe bestand im Bau von Schulen und dem Erstellen eines allgemeinen Unterrichtsplans, der im gesamten Reich gelten sollte. Jeder Untertan sollte lesen, schreiben und rechnen können. Mehr habe ich nicht getan.“ „Und was hat das Buch zu bedeuten?“ Ich traf mich täglich mit meinem Vater im Garten. Wir gingen umher, dabei erzählte mir der König von seinem Leben und forderte mich auf alles zu notieren. Dieses Buch soll nun gedruckt werden und Verbreitung finden. Jeder Mensch im Königreich soll ein Exemplar erhalten und in seinem Inhalt Erbauung finden.“

Der älteste Sohn trat vor. „Während wir nach Macht und Einfluss strebten, hast du von unserem Vater das Kostbarste erhalten. Seine Zeit. Das ist wahrhaftig mehr wert als alle Schätze und Ehrenzeichen dieser Welt“ Dabei legte er das Zepter auf das Buch. Wortlos trat der zweite Bruder heran und legte den Säbel dazu. „Du sollst unsere Königin sein, liebe Schwester!“     




André Hénocque, Philipp-Reis-Str.8, D50126 Bergheim

Geb. 29.08.1948 in Hagen/Westf.

Verheiratet, 3 Kinder, 5 Enkel

Rentner, früher Industriekaufmann

Publiziert: 4 Kurzgeschichten in Anthologien

                   Mehrere Kurzgeschichten und Gedichte

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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