Zeit der Träume

Bettina Schneider für #kkl29 „Zeit“




Zeit der Träume

Es ist ein warmer, heiterer Morgen im September, der noch die Leichtigkeit des Sommers atmet. Thomas tritt aus dem Hotel. Heute ist das 30-jährige Abitur-Treffen bei Anja, die ihr Restaurant zur Verfügung stellt. Freut er sich darauf? Ambivalente Gefühle durchströmen ihn. Bilder der Feier von vor zehn Jahren umschwirren ihn wie Fliegen, als alle ihre erreichten Lebensleistungen wie bei einem Wettbewerb geschönter Biografien präsentiert haben. Inzwischen ist Thomas‘ Ehe gescheitert, dafür ist er die Karriereleiter weiter nach oben geklettert. Nach wie vor bewohnt er, wenn auch selten, ein viel zu großes Loft in einer anderen Stadt, er reist ständig — berufsbedingt und privat (den Gedanken an seinen ökologischen Fußabdruck verdrängt er regelmäßig) —, Frauengeschichten gibt es kaum. Später auf dem Treffen wird er dem Ganzen natürlich einen anderen Anstrich geben. „Nimm die S-Bahn“, hat Anja gesagt, „es geht am schnellsten.“

Eva. Seit Tagen geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ohne dass er es verhindern kann, drängt sie sich wie früher in den Vordergrund seiner Gedanken. Was macht sie?

Am Wannsee, wo die Bahn jetzt hält, hat das Vorbereitungstreffen für die Kursfahrt nach Rom stattgefunden. Ein Dutzend Schüler mit Eltern, zwei Lehrer. Eva, die Einzelgängerin in seltsamen Klamotten, eingehüllt in ihren Panzer aus Unnahbarkeit und Rebellion, stachelig in ihrem Wesen — überhaupt nicht sein Typ. Aber er weiß genau, hier ist er zum ersten Mal bewusst auf sie aufmerksam geworden. Was hauptsächlich dem Auftreten ihrer Mutter geschuldet war: der grell geschminkten Schauspielerin mit roten Haaren.

Seit er in dem Zug sitzt, umzingeln ihn die Erinnerungen, als säße die Vergangenheit neben ihm. Hinter dem Bahnhof Nikolassee starrt Thomas nach draußen, durch die ungeputzten und von Kratzern übersäten Fenster der Bahn. Vor seinen Augen zieht der von der Morgensonne durchwebte Grunewald vorbei. Darin Jogger wie farbenfrohe Falter im Grünen, Radfahrer und Hunde.

Die Reise nach Rom: endlich achtzehn. Er war von so vielen Idioten umgeben, warum war ihm das zuvor in der Schule nie aufgefallen? Jeden Abend saufen bis zum Abwinken, den Tag verdösen und dasselbe Spiel wieder von vorne. Eva war anders. Sie war es, mit der er sich unterhalten konnte, mit der er sich unversehens in eine Reihe tiefsinniger Gespräche verwickelt fand. Sie hatten gegensätzliche Meinungen zu vielem. Während des Besuchs des Forum Romanum diskutierten sie über Frauenrechte. Thomas‘ Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, auch jetzt, über dreißig Jahre später, wenn er daran denkt. Zu seinem Erstaunen verbarg sich unter Evas merkwürdigem Äußeren ein liebenswerter Kern, den er mit jeder Begegnung ein bisschen weiter freikratzte. Fünf Tage später küssten sie sich auf der Via Appia Antica im Schatten einer harzig duftenden Pinie. Kein Knutschen, kein dahingehauchter erster Kuss, sondern einer von der Sorte, der selbst in jungen Jahren etwas bedeutet. Mit Eva hatte er viele dieser ersten Male im Leben.

Nach dem Abitur die Reise als Paar. Ein Sommer voller Glück. Flirrendes Sonnenlicht, das glitzernde Meer, laue Sternennächte mit dem Konzert der Zikaden. Nur sie zwei. Die schönste Zeit seines Lebens, die er wie einen kostbaren Schatz in seinem Herzen trägt. Eva, lachend und braun gebrannt in einem farbenfrohen Batikkleid. Eva, die ihm sagt, dass er das Wunderbarste in ihrem Leben sei. Eva — seine erste Liebe. Die erste und eine große Liebe. Sie bedeutet ihm viel, auch jetzt noch. Thomas zückt seine Brieftasche, zieht ein Foto daraus hervor. Das Papier ist vergilbt, abgegriffen wie eine alte Spielkarte, die durch unzählige Hände gegangen ist. Eva und er, neunzehn Jahre, in Griechenland, hinter ihnen das türkisfarbene Meer. Für ihn werden sie beide bis in alle Ewigkeit wie auf dem Foto aussehen. Wie unglaublich jung und lebenshungrig sie waren, denkt er jedes Mal, wenn er das Bild betrachtet.

Thomas rückt ein Stück zur Seite, als sich am Bahnhof Westkreuz ein Anzugträger neben ihn setzt. Anzugträger zu Anzugträger. Thomas ist beruhigt, dass sein Nachbar wie all die anderen Menschen um ihn herum via Smartphone in die virtuelle Welt entschwindet.

Evas Leidenschaft und Emotionalität, ihre Andersartigkeit zogen ihn magnetisch an. Eva brachte Farbe in sein Dasein. Seine Eltern hofften auf ein Ende der Zweisamkeit und schickten ihn zum Studium nach Freiburg. In die Verbannung, in seinen Augen. Es bewahre sie vor einer langweiligen Beziehung, Evas Meinung. Sie beschlossen, sich von den zwischen ihnen liegenden Kilometern nicht beeindrucken zu lassen. Das Telefon lief heiß, bis ihnen das Geld ausging.

Nach seinem Studium die erste Festanstellung in München. Im Rückblick hat er sich oft gefragt, was gewesen wäre, wenn er auf diesen Job verzichtet hätte? (Überhaupt hat er so oft über das Was-wäre-wenn nachgedacht.) Hat er Eva für seinen Beruf geopfert? Dabei hat er ernsthaft vorgehabt, Eva zu heiraten, zu sich nach Bayern zu holen. Spießer, nannte sie ihn in einem liebevollen Ton und sagte zu beiden Vorhaben Nein. Eva studierte weiter in Berlin, begann das nächste Studium, ohne das alte abgeschlossen zu haben, jobbte mal hier, mal dort, trudelte wie ein Blatt im Wind durch die Zeit. Waren sie ein Paar? Ja. Nein. Ja. Momente tiefer Innigkeit wechselten mit absoluter Funkstille. Wenn sie sich trafen, war es wie immer — der Himmel auf Erden.

Ein Mann mit Gitarre steigt am Savignyplatz in die Bahn. Sekunden später dröhnt eine schräge Melodie in Thomas‘ Ohren. Er überlegt, dem Mann Geld zu geben, damit er — Bitteschön — aufhört, das Zupfinstrument und die Menschen um ihn herum zu quälen.

London – sein nächster Karriereschritt. Eine Zeit, in der Eva ganz allmählich in den Hintergrund rutschte. Wie dem Gesang der Sirenen folgte er den Herausforderungen seiner Arbeit und schönen Frauen. Und dann seine Ehe: Sie war ein Versuch, sich von Eva freizuschwimmen.

Menschenmassen am Bahnhof Zoo. Wochenendausflügler. Touristen. Einheimische. Kinder und Hunde. Obdachlose. Ein heilloses Durcheinander.

Eva beherrscht nun seine Gedanken wie in vielen Phasen seines Lebens. Er spürt, wie sehr er sich auf sie freut, sein Herz klopft ihm bis zum Hals. Dass er zu Gefühlen dieser Art überhaupt noch fähig ist, berührt ihn. Ihn, den abgebrühten, fast 50-jährigen Unternehmensberater. Mittlerweile ist er bereit, sich auf alle Konstellationen einer Beziehung, die Eva gutheißt, einzulassen. Hauptsache, Eva gehört zu seinem Leben. Genau so wird er es ihr sagen. Noch ist es nicht zu spät, denkt er, von einem plötzlichen Hochgefühl erfüllt, noch ist Zeit, sie haben Zeit.

„Du bist pünktlich!“, empfängt Anja ihn wenig später mit steifer Umarmung.

Mein Gott, ist sie alt geworden, stellt er fest: graues, dünnes Haar, das Gesicht voller Falten, obwohl sie einige Kilo zugelegt hat. Müder Blick. Mit einem unguten Gefühl überlegt er, ob auch er sich so verändert hat. Noch immer fühlt er sich wie auf dem Griechenland-Foto mit Eva. Artig bedankt er sich für Anjas perfekte Organisation, überreicht ihr eine Schachtel Pralinen. Hoffentlich kommt Eva bald … Er begrüßt eine Handvoll ehemaliger Schulfreunde, die an der Bar sitzend ihren ersten Prosecco trinken, fragt, wer alles zugesagt hat, bevor er auf den Punkt kommt: „Und Eva?“

Zu spät bemerkt er das betretene Schweigen, das sich im Saal breitmacht, die Blicke, die sich die anderen untereinander zuwerfen, die nichts Gutes verheißen.

„Sie hatte vor einem Vierteljahr einen Herzinfarkt, den sie nicht überlebt hat. Ich dachte, du wüsstest das!“ Anja spricht, aber die Blicke aller richten sich voller Mitgefühl auf ihn.

Der Raum gerät bedenklich ins Wanken. Seine Hand wandert in die Tasche seines Jacketts, umklammert das Foto darin. Wie eine Seifenblase zerplatzt etwas in ihm.

Zu spät, denkt er. Alles vorbei.




Bettina Schneider

Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit.

Sie schreibt mit Begeisterung Kurzprosa, einiges davon ist veröffentlicht.

Sie ist eine Leseratte, liebt Sonne und blauen Himmel und mag Wald-Spaziergänge.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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