„Keine Zeit“

Helge Maria Hassumer für #kkl29 „Zeit“




„Keine Zeit“

– leicht gesagt und unbändig schwer für die, denen schon eine einzige gewidmete Sekunde so gut täte. Wenn man sich den lockeren Standpunkt eines meiner Freunde zu Herzen nimmt, dass es ‚keine Zeit‘ nicht gibt, sondern lediglich ‚abweichende Prioritäten‘, kommt man notwendig ins Nachdenken, jedenfalls, wenn man noch nicht völlig abgestumpft ist.

Die Frage stellt sich indes jenen nicht, die objektiv gar nicht Herr dieser Priorisierung sind. Das nennt man klassisch ‚abhängige Beschäftigung‘, der in diesem Zusammenhang auch Selbstständige zumindest in Grenzen unterfallen. Ich zähle auch jene nicht dazu, die, unverschuldet in komplexe Strukturen eingebunden, keinen Spielraum haben. Etwa Reisende (mit Anschlusszügen/flügen). Damit ist die Liste derer, die ‚gute Ausreden‘ haben, schon beachtlich lang. Es muss aber hinterfragt werde dürfen, ob nicht mutwillige, zu Teilen sogar böswillige Strukturen wie etwa die Zugbindung der DB völlig unnötigerweise zu solchen Zwängen führen.

Am anderen Ende der Fahnenstange hetzen jene herum, denen gleichsam qua Beruf ‚Zeit haben‘ zu den ureigensten Aufgaben gehören muss, was ihnen aber gleichwohl systematisch verwehrt wird. Wer mit Kindern, Jugendlichen, Kranken, Alten oder gar Sterbenden zu tun hat oder zu tun bekommt, braucht die Option auf einzuräumende zusätzliche Zeit, weil die jungen Menschen nur so erzogen und gebildet werden können, die Kranken anders nicht gesunden, die Alten sich sonst nicht mehr zurechtfinden und Sterbende vereinsamen und verzweifeln. Die mittleren Altersgruppen sind da widerständiger, es sei denn, sie sind gerade mal erschüttert, Opfer geworden, gefühlt oder tatsächlich entwurzelt, ihrer Perspektiven beraubt … die Liste ist beliebig verlängerbar, wenn man den Bogen nur weit genug spannt oder tief genug gräbt.

Systematisch verwehrt? Wer macht denn so was?

Das ‚macht‘ niemand, es entsteht aber auch nicht einfach so. Es ergibt sich aus – Überraschung – abweichenden Priorisierungen. Wenn dem Krankenhausträger das Geld verdienen, das Geldmachen wichtiger ist als das Wohl seiner Patienten, verordnet er seinen Ärzten flugs einen hypokratischen Meineid, und schon sind die Anleger befriedet.  Der Politiker verordnet den amokgefährdeten Schulen pflegende Sozialarbeit und streicht sie gleich wieder, kaum dass ein paar Jahre nichts passiert ist – schon wird der kostenbewusste Kümmerer wiedergewählt. Junge Eltern bürden ihre Kinder der Kita auf, um beide arbeiten gehen zu können – und schon erlangen sie gesellschaftliche Anerkennung. Zeit, die andere brauchten, ganz wichtig brauchten, bleibt auf der Strecke – geradezu automatisch. Gewollt hat das keiner, einräumen, dass es, zumindest auch, ein Fehler ist, muss das niemand. Abweichende Prioritäten eben.

Andererseits unterliegen die obigen Beispiele noch viel weitergehenden Zusammenhängen. Der Krankenhausträger weiß genau, dass ‚das Kapital‘ ohne sein monetäres Ergebnis schlicht abwandern würde. Der Politiker hat längst schmerzlich erfahren, dass er für bittere Wahrheiten mehr verhauen als geliebt wird. Die Eltern hören ständig, dass ‚man‘ zu arbeiten hat: für das, was man sich schließlich leisten will (und muss?), für die Rente, für die (globalisierte) Wirtschaft. Das führt dazu, dass diejenigen, die keine Zeit haben oder zu haben vorgeben oder verordnet bekommen, ganz weit weg von den das letztendlich verursachenden Strukturen sind. Selbst diejenigen, die das in der Mittelinstanz verantworten und wenigstens tatsächlich etwas entschieden haben, das zu dem latenten Zeitmangel führt, können sich selbstzufrieden zurücklehnen und auf von ihnen ebenfalls weder gewollte noch zu verantwortende Strukturen der nächsthöheren Stufe verweisen. Letztlich bleibt es an ‚der Globalisierung‘ hängen, und an der Art, wie der Mensch nun mal ist und tickt.

Diese so kritischen Strukturen haben zu allem Überfluss auch noch die ungute Tendenz, sich gegenseitig zu verstärken. Die drohende Kapitalflucht, ob fakteninduziert oder spekulativ ist dabei unerheblich, setzt die Politik finanziell unter Druck. Fehlende elterliche Sorge ist einer der Motoren für das schulische Entgleiten von Jugendlichen, mit allen verheerenden Folgen. Die Erkenntnis, dass ein guter, ein richtiger, ein moderner Haushalt zwei statt nur ein Einkommen hat, ermöglicht der Wirtschaft Löhne, von denen man nicht leben kann. Und die zwingen auch die, die sich eigentlich für ein anderes Modell hätten entscheiden wollen, dem Doppelverdiener-Ideal zu entsprechen. Wie sagt der berühmte Volksmund so schön: „Da kommt eins zum anderen.“

Wenn man sich genügend Abstand verschafft, bleibt als Befund allein das völlige Versagen von Ordnungspolitik. Denn Politik ist aufgerufen, i.e. von uns Wählern einzig dafür bestimmt, die Rahmenbedingungen für das Gelingen von Leben und Gesellschaft zu schaffen. Dazu muss man allerdings nicht nur das Notwendige erkennen und umsetzen (schwer genug), sondern auch das als notwendig Erkannte durchsetzen und durchhalten (noch deutlich schwerer). Vielleicht sind Demokratien wegen ihrer auf Abwählbarkeit der Macht basierenden wechselnden Regierungen der Permanenz solcher Anforderungen schon dem Grunde nach nicht gewachsen.

Ernsthaft: Welche der 2008 angesichts des weltweiten Finanzdebakels als unverzichtbar erkannten Regelungen und Steuerungsmaßnahmen wurden bis heute Gesetz? Zu Recht regen wir uns über die subversiven Effekte mafiotischer Strukturen oder sogenannter Parallelgesellschaften auf. Bekommen wir sie in den Griff? Vermutlich muss das ein Würgegriff sein, aber das liegt nicht an uns. Selbst (im Vergleich zum Vorgenannten) Kleinigkeiten wie das Einhalten von Geschwindigkeitsbegrenzungen müssen sich erklärend rechtfertigen, weil wir einem völlig überzogenen Freiheitsbegriff frönen, in dessen Namen das Verhindern und Verfolgen von Straftaten sowie der Opferschutz den ‚Persönlichkeitsrechten‘ schlicht unterliegen. Da ist etwas faul im Staate, und das nicht nur in Dänemark.

Wenn die Marxisten (nebst ihrem Urvater) nicht so fundamental über das Ziel hinausgeschössen, man müsste und könnte ihrer Kritik am ‚Kapital‘ insoweit recht geben, als es seinerseits Strukturen schafft, die den Blick aufs Ganze mal eben verleugnen (etwa in der bisherigen Umwelt- und Energiepolitik), die die Qualität des Mensch Seins als einen bestenfalls relativen Anspruch anerkennen und stattdessen dem Markt Steuerungsmöglichkeiten zusprechen, die er sogar nach unbestrittenen wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht haben kann.

Hoffnung macht das nicht. Aber es formuliert eine Aufgabe. Die ist allerdings riesengroß, muss sie doch gegen starke, zum großen Teil üble und zu nicht kleinem Teil kriminelle Beharrungsmuster angelegt, durchgesetzt und durchgehalten werden. Die Geschichte ist insoweit ein zweifelhafter Lehrmeister: Radikale, d.h. von der Wurzel (des Übels) ausgehende Veränderungen gab es eigentlich immer nur nach großen Kriegen oder Katastrophen, und selbst dann neigte das so anders Begonnene bald zur Verwässerung. Und schon die Bibel traut solchen Zwang zu grundlegendem Umschwenken konsequenterweise nur einer Sintflut zu. Ich fürchte, ohne einen neuen Menschen wird das nichts.




Helge Maria Hassumer, geboren am  02.12.1952, stammt aus Goch am Niederrhein. Er hat bis 1979 in Stuttgart und Tübingen Diplomgeographie studiert und seitdem in Hannover, Mainz, Paderborn, Essen sowie zuletzt freiberuflich in Westfalen gearbeitet. Aus der Begleitung des schriftstellerischen Wirkens seines Vaters (alias Fridolin Aichner) hat er schon als Jugendlicher eine hohe Affinität zu Sprache und Sprachkultur entwickelt – eine Qualität, die im Vermarktungsdeutsch des Berufslebens nicht gefragt ist. Da bislang eine Familie mit vier Kindern zu ernähren war, kam Schreiben aber ohnehin nur in Randzeiten in Betracht.

Heute ist das anders. Zahlreiche Essays und etliche Gedichte sind bereits entstanden, ein Kriminalroman erscheint 2024. Die Ergebnisse der „Randzeiten“ können nun doch eingebracht werden. Die Themen haben dabei immer einen Auslöser im wirklichen Leben, auch wenn die Umsetzung fiktional wird oder gar einer Kunstform unterworfen. Kunst, die erst erklärt werden muss, um als solche erkannt oder gar verstanden zu werden, ist seine Sache indes nicht. Viele, auch sehr viele Gedanken und Wendungen in komplexen Sätzen, das darf gerne gezielt passieren. Aber immer Klartext. Subtiler Unruhe darf ein Text nicht erliegen, sonst kann er sie nicht mehr stiften. Und das ist schließlich der Sinn von Literatur.

P.S.
„Helge Maria Hassumer“ ist Analogon zu „Fridolin Aichner“. Der Vater wurde in Aichen/Sudetenland geboren, der Sohn in Hassum, das heute Ortsteil von Goch ist. Die geschichtliche Belastung des Familiennamens sollte und darf die historischen und gesellschaftspolitischen Themen beider Autoren nicht beeinflussen.

Veröffentlichungen:

Aus: GenAU! 76 Politische Sonette, Westfalenblatt vom 22.2.22 und in „Was ich gestern … Was ich heute … ESSEN unterWEGs“, Essen 2022.
Sämtliche weiteren Werke sind derzeit noch unveröffentlicht.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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