Was ist Zeit?

Ingrid Maestrati für #kkl29 „Zeit“




Was ist Zeit?

Freddy saß an seinem Schreibtisch und biss auf seinem Bleistift herum. „Eine Denkaufgabe“, hatte der Dozent gesagt, „abzuliefern in einer Woche“.  Thema: Was ist Zeit?

Er ließ seine Gedanken schweifen. Robinson Crusoe fiel ihm ein. Sein Schiff kenterte. Es ging einfach alles zu schnell. Im letzten Moment hatte er einen Rettungsring ergattert und war losgeschwommen. Nach einiger Zeit blickte er zurück und sah niemanden. Wo waren die anderen? Das Schiff war jetzt aufrecht, zur Hälfte unter Wasser. Der Anker baumelte im Freien… Dann erreichte Robinson eine kleine Insel, trocknete erst einmal seine Kleider und pflückte ein paar Früchte, die er gierig verschlang.

Sein neues Leben – war es zeitlos? Gibt es einen Nullpunkt, einen absoluten Anfang der Zeit?

„Robinson schlief sich erst einmal aus“, dachte Freddy. Es war dunkel geworden und im Morgengrauen wachte er wieder auf. „Die Zwirbeldrüse von Descartes“, fiel ihm ein – nicht als Sitz der Seele, sondern als biologische Uhr – „bereits eingebaut“. Es gab biologische Rhythmen und erste Beobachtungen: der Lauf der Sonne und des Monds und die Jahreszeiten – Säen, Ernten, Jagen, Nilüberschwemmungen, richtige Zeiten für den Ackerbau – und Mathematik! Das Wasser hatte die Grenzen der Felder verwaschen, sie mussten immer wieder neu nachgemessen werden.

„Das ist bewusste Zeit, nur anders erklärt“. Freddy hatte verstanden, dass sich die Zeit an sich wiederholenden Naturereignissen orientierte, die neue Fähigkeiten entstehen ließ: Das Abzählen von Früchten, Nachrechnen der Tauschwerte und die Verständigung mit anderen über Sprache.

„Es gibt keinen Nullpunkt der Zeit“, schrieb er auf, „und kein unbemerktes Zeitgeschehen. Wir erleben es.“

„Lebenszeit“, sagte er laut.

„Wir sind mitten in einer gemeinsamen Welt, die uns prägt und die selber vom jeweiligen Zeitgeist bestimmt wird“. Tradition als allgemeines, gemeinsam Gewusstes, das man weiterentwickeln konnte.

„Man kann Orte wechseln, aber nicht die Zeit“, stellte er fest, „wirklich?“ Das klang überheblich. Wie war das mit den Flüchtlingen, die alles liegen und stehen ließen und wegrannten?  Ein erzwungener Neubeginn, kein Weitergehen wie vorher: ein neues Land, eine andere Sprache, schwieriges Eingewöhnen – eine Zäsur. War das eine Nullzeit? „Jeder schleppt sein Leben mit sich herum und da kann es Brüche geben, aber wir leben weiter“, dachte er.

„Wenn du aus einer Kultur herausfällst, schlüpfst du nicht gleich in die neue hinein“, hatte er zu Milena, seiner Freundin gesagt. Sie war ein stilles Mädchen, beobachtete alles und machte dann wichtige Bemerkungen.

„Wir beginnen hier eine neue eigene Geschichte, aber eure bleibt gleich“, hatte sie geantwortet und gelächelt. Ein wenig traurig war sie geworden dabei.

Freddy schrieb: „Der Zeitraum ist keine leere Hülle. Er ist ausgefüllt mit Zeitgeschichte, erlebten Lebenswegen und Werten, die sich wandeln können“. Aber das war bereits Weltzeit, etwas Übergreifendes.

„Weltzeit“, wiederholte Freddy und schrieb das Wort auf.

Er dachte an erste Kalender, in Babylon, Ägypten und Griechenland: da wurde die Welt aufgeteilt nach Stunden, Tagen, Monaten und Jahren.

„Wir haben das Hier und Jetzt verlassen. Pyramiden wurden für eine Ewigkeit nach dem Tode gebaut“.

Jetzt hörte er das Angelusläuten einer Kirche in der Nähe.

„Qualitative Zeit – Pausen machen, Fragen stellen und sich die Zeit nehmen für ein geistiges Leben“, notierte er. Freddy lehnte sich zurück in seinem Stuhl und überlegte. Forschen, Neues erfinden und Altes besser machen. Daraus waren Berufe entstanden, immer mehr.

Er notierte: „Zwei neue Erkenntnisse:

Metaphysik – das Leben nach dem Tod.

Die Welt wird größer: Sternenbilder werden einbezogen. Die Ideen sind dahinter – noch weiter weg. Und Gott oder die Götter? Sie waren unendlich, wie das All“.

Aber wenn das All und Gott gleichzeitig unendlich werden, kippen Weltbilder.

„Das war viel später“, sagte sich Freddy, „ein Verhängnis für Giordano Bruno, der beide verwechselte. Metaphysik kann geografisch nicht vermessen werden“. Und dann die Inquisition, die ihn zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte… politisch verwaltete Wahrheit.

Zeitmessung war nicht alles. Immer genauer wurde sie, aber es war keine geheiligte Zeit mehr – trotz der Turmuhren.

Freddy notierte: „Technischer Fortschritt als neues Ziel. Der Mensch als Urheber – war er deshalb voll verantwortlich?“

Produktionsweisen wurden zerlegt in Einheiten, die mit Stoppuhren gemessen wurden, um kürzeste Zeiten für die Akkordarbeit zu ermitteln, gefolgt von automatischen Verfahren, eine Generation später.

„Zeitlupe“, dachte er. Eine künstliche Verlangsamung, das Auflisten von Details typischer Phasen, bevor sie programmiert werden, damit die Algorithmen stimmen.

Freddy kam ins Träumen: Schlaraffenland, Nichtstun: die Maschine macht alles….

Und dann fuhr er hoch: Nein, das Leben war nicht ruhiger oder gar besinnlicher geworden.

„Um genau neun Uhr musst du im Büro sein, ganz egal ob gestreikt wird oder nicht“, das hatte sein Chef geschrien, als er zum dritten Mal zu spät gekommen war. Sein Praktikum war wichtig, um sein Diplom zu beglaubigen und das alles neben seinem Studium her. Freddy seufzte, er hatte keine andere Wahl.

„Armbanduhren – wir tragen die Zeit mit uns herum, lassen uns die Schnelligkeit unsere Schritte diktieren und hetzen uns ab.“ Auch das notierte er.

Und dann kam er plötzlich selber ins Schwitzen. Er hatte seine Arbeit liegen lassen und arbeitete wie besessen, um sie am letzten Tag zu beenden. Völlig ausgepowert gab er seinen Text ab. „Verrückt, wie man hier mit den Leuten umgeht“, sagten seine Freunde, „wir müssen streiken und Verlangsamungen erzwingen“.

Und dann ging nur noch ein Zug statt zehn und es gab nur noch zwei überfüllte Metros statt fünf und keine Flugzeuge mehr und alle waren gestresst wie nie zuvor.





Ingrid Maestrati, Jahrgang 1945. Mehrere Lebensphasen:

Arbeit im Tourismus/Weltreisen,

Auslandsposten über das Auswärtige Amt in Myanmar und Paris, Fünf Jahre in Griechenland mit meinem Mann, Studium: Philosophie und Psychologie in Paris, Arbeit als Psychologin in Paris, in der Industrie und bei Gerichten, Ein französisches Sachbuch in Vorbereitung,
Mein Buch:
UNTERWEGS – Erinnerungen  ISBN 978-3-03883-084-9, 2019,
Mehrere veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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