Zwischenzeit …

Dr. Andreas Lukas für #kkl29 „Zeit“




Zwischenzeit …

Eine alte Dame hatte ihm das Haus ihres vor zwei Jahren verstorbenen Bruders außerhalb des kleinen Ortes, mitten in den Weinbergen gelegen, überlassen. Es lag abseits eines verträumten Dorfes, abseits von jedem Trubel, abseits der gewohnten Zivilisation, abseits des üblichen Alltagstrotts. An den Außenwänden aus hellen, leuchtenden Natursteinen kletterten kräftige Weinreben bis in die Spitze des Giebels. Die kleinen Fenster schützten sich mit dicken, eingemauerten, schmiedeeisernen Stangen gegen unerwünschte Eindringlinge. Die einzige Tür, aus kräftigen, naturbelassenen Holzbohlen gezimmert, verschaffte sich mit drei gewaltigen, spielerisch filigran verzierten Schlössern gegenüber Unbotmäßigen entsprechenden Respekt. Bei der Schlüsselübergabe erklärte die gepflegte Dame penibel, wie die stämmige, mit auffallender Holzmaserung prahlende Haustür zu öffnen war. Sie wies ausdrücklich darauf hin, die massive Tür auch genauso wieder abzuschließen beim Verlassen.

Mit einem gewissen eigenen Charme, jenseits üblicher Reisekatalog- oder Prospektbehausungen, verstand das Haus sich in seiner genügsamen Art Eindruck zu verschaffen. Es war klein, bescheiden und einfach, mit zwei Räumen, rechts und links vom schmalen Flur, der eine mit Wohn- und Küchenbereich, der andere zum Schlafen. Die Innenausstattung gestaltete sich durchweg schlicht – die Stühle, der Tisch und die Kochecke im Küchenteil, die Teller, die Tassen und Gläser in dem unscheinbaren, von der jahrelangen Nutzung gebogenen Regal an der Wand, schlicht auch die schmalen – für breitere wäre der Platz, den das zweite Zimmer anbot, nicht ausreichend gewesen – Betten mit hohem Kopfteil, der bescheidene Kleiderschrank und die schmächtige, dürftig aufgearbeitete und etwas wackelige Kommode. Von der Decke hing eine nackte Glühbirne herunter, die den Raum am Abend nur dürftig erhellen konnte.

Alles wie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, einem anderen Leben. Mit dem eigenwilligen Ambiente harmonierten die zwei abgewetzten Cocktailsessel, die mit ihren zierlichen Beinen und der sich zur Sitzfläche hin verjüngenden Breite der Rückenlehne den kleinen, überschaubaren Wohnbereich mit einem leicht grazilen Eindruck aufmöbelten. Dazwischen positionierte sich schüchtern ein ovaler Tisch mit einer angepassten, Schutz bietenden Glasplatte. Vervollständigt wurde das Innenensemble mit einem zierlichen, unerwartet fein gearbeiteten Eck-Regal. Es sollte mehr Schmuckstück sein und verfolgte nicht das Ziel, viel Platz zu bieten. Duschgelegenheit, einfaches Waschbecken und Toilette waren nachträglich im offenen Ende des engen Flures für eher anspruchslose und schlanke Bewohner eingebaut worden, mit dem Abfluss im ockergelb gefliesten Boden und nur durch einen Vorhang zum Rest-Flur hin abgetrennt.

Bis direkt an die Terrasse heran drängten sich die stämmigen Weinstöcke, die das gedrungene, von dem Zufahrtsweg her zierlich wirkende Steinhaus in ein sattes, leuchtendes Grün betteten. Eine weite Terrasse zog sich über die Länge des Hauses hin mit rundem Tisch vor der weiß-blauen Bank an der Hauswand und passenden Metallstühlen, zum ausgiebigen Frühstücken oder für lange, milde Abende. Ein überraschend großzügiger, relativ neuer Pool, am Ende der Terrasse in die Rebstock-Reihen hineinragend, verlieh dem abgelegenen Anwesen einen Hauch von Modernität und Luxus. Ein Foto für einen Reisekatalog, vom anderen Ende des Pools in Richtung Terrasse und Natursteinhaus aufgenommen, würde bei einem möglichen Interessenten ganz andere Erwartungen wecken, als es das idyllische, versteckt gelegene Grundstück ausstrahlen mochte.

Adrian hatte sich dieses faszinierende Kleinod im Traum zum Rückzug ausgesucht. Ein verstecktes, schlummerndes Energiedepot schien sich ihm zu öffnen. Er bewegte sich in diesem einmaligen Unterschlupf in der Natur, als sei er einem einengenden Käfig entkommen. An den Nachmittagen durchstreifte er die schmalen Gassen in malerischen Orten, bummelte über historische Plätze, kaufte auf quirligen, bunten Märkten und ließ in einem der einladenden Cafés, die die Straßen säumten, das leichtfüßige, fröhliche Treiben der Menschen an sich vorbeiziehen.

Entrückt bewegte er sich, einem arglosen Streuner gleich, durch die leichten, schwebenden Tage. Er schlenderte durch die Orte und engen Gassen. Er strolchte über ausgetrocknete, dürre Wiesen und Felder. Er war glücklich, dort zu wandeln, freilaufende Hunde zu streicheln, fröhlich gackernden Hühnerscharen ihren Weg frei zu geben, meckernden Ziegen hinterherzuschauen, die Menschen bei ihren einfachen Tätigkeiten in Gärten und auf Feldern zu beobachten, durch bunte, malerische Landschaften zu gleiten und das Flimmern der heißen Luft am Horizont auf sich wirken zu lassen. Am Abend saß er am nahegelegenen Strand, sich an dem gleichtönenden Rauschen der Wellen berauschend, dem Versinken des majestätischen, glutroten Sonnenballs im Meer hinterherschauend.

Er war zufrieden mit dem, was war, wie es war, wo es war, warum es war.

Er war zufrieden mit dem, wer er war, was er war, wie er war und was er hatte.

Er war zufrieden mit dem, was ihm gelang, was er erleben konnte, wie er es erleben konnte.

Er bewegte sich in einer Art Zwischenzeit, einer Art Zwischenbewusstsein, eines von denen, die sich nur das Leben ausdenken kann. Inständig wünschte er sich am Morgen, dass dies nicht nur ein Traum gewesen sein sollte. Sommerzeit, Sommerträume, Zwischenzeit …




Dr. Andreas Lukas, aufgewachsen im Saarland nahe der französischen Grenze, lebt in Wiesbaden.

Er ist tätig als Autor und freier Journalist und Mitglied der „Gruppe 48“. Sein zweiter Roman „Die ungleichen Gleichen“, Begegnung zweier junger Menschen, sie auf dem Lande aufgewachsen, er Flüchtling, führte ihn mit dem „Pianist aus den Trümmern“ Aeham Ahmad zusammen. Daraus entstand das Buch „TAXI DAMASKUS – Geschichten, Begegnungen, Hoffnungen“, erschienen 2021.

Andreas Lukas erreichte bei den Planet Awards 2019 Platz 4 bei „Künstler des Jahres“, Platz 5 bei „Autor des Jahres“ und Platz 6 bei „Buch des Jahres“. Zum Berliner Literaturpreis „Wortrandale 2019“ war er für den Radio-Sonderpreis nominiert. Bei „Literatur zwischen den Jahren 21/22“ von radio889fmkultur erreichte er die „Best of …“. Zur „Literatur des Monats“ von radio889fmkultur hat er die Favoritenliste April 2022 erreicht.

Publikumspreis beim Hildesheimer Literatur-Wettbewerb 2022

Publikationen:

  • Gemeinsam eins! Together one!, CD-Album – Ideen, Gedanken und Menschen mit Akkorden, Tönen, Liedern und Worten zusammenführen, hrsg. von Aeham Ahmad u. Andreas Lukas (s. Gedicht auf Seite 61)
  • Aeham Ahmad/Andreas Lukas: TAXI DAMASKUS – Geschichten, Begegnungen, Hoffnungen, 2021
  • Andreas Lukas: Die ungleichen Gleichen, Roman, 2018
  • Andreas Lukas: Nie mit, aber auch nicht ohne, Roman, 2017
  • Andreas Lukas: „WELTEN-GEWITTER“ zur BUCHBerlin

Präsentation auf der BuchBerlin am 17./18. September 2022

WELTEN-GEWITTER, Spiegel unserer Zeit, romanhafte Erzählungen, 208 Seiten, ISBN 978-3-98503-102-3

Mitglied „Die Gruppe 48“, Juror,

Preisträger des Hildesheimer Literatur-Wettbewerb 2022, Publikumspreis

Kontakt für Lesungen, Auftritte oder Bestellungen: dr_lukas@t-online.de

Web-Seite: www.andreas-lukas.eu

Interview mit Dr. Andereas Lukas HIER








Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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