Daniela M. Ziegler für #kkl29 „Macht & Ohnmacht“
Inklusion
Armut hat viele Gesichter mehr Gesichter als Reichtum Armut reicht von der arbeitslosen Akademikerin bis zum Obdachlosen auf der Straße dazwischen gibt es viele Abstufungen das merkt man als armer Mensch nicht solange man nicht alt wird und ins Altenheim kommt Gleichheit definiert sich im Alter darüber wie viel bzw. wie wenig ein Platz im Altenheim kostet im Altenheim sind nämlich alle gleich vor allem diejenigen die arm sind und die den niedrigsten Satz im Altenheim nicht oder nicht gänzlich bezahlen können und dieser Satz liegt derzeit bei 3000 Euro im Monat
darin inbegriffen ist ein Zimmerchen mit eigener Toilette und Waschbecken – immerhin! – drei tägliche Mahlzeiten die Betreuung durch unterbesetztes Personal und verschiedene Arten von Unterhaltung im Speisesaal der gleichzeitig auch Aufenthaltsraum ist treffen sich dann der krankgewordene Obdachlose ein alleinstehender Mann mit Down-Syndrom die schwer zuckerkranke Sechzigjährige die demente Greisin die ehemalige Angestellte mit kleiner Frauenrente der beinamputierte Witwer die Parkinsonkranke – kurz: die ihrer Sinne noch mächtig sind und die es nicht mehr sind die mit guter Selbstdisziplin und die ohne
der Zuständige vom Sozialamt sagt dass es zu den Persönlichkeitsrechten eines Menschen gehört schmutzig zu sein und zu stinken über den Esstisch zu niesen und zu husten und beim Essen unter sich zu lassen dass es das Recht eines Messie ist ein Messie zu sein dass Obdachlose auch einen Ort haben müssten wo sie bei Krankheit und Alter hinkönnen dass Demente oftmals Verhaltensweisen an den Tag legen würden die für andere unzumutbar seien – dem ist schwerlich etwas entgegenzuhalten und da trifft eben Armut auf Armut denn im sündteuren Augustinum oder der Seniorenresidenz Seegarten wäre es sicherlich nicht möglich dass die Persönlichkeitsrechte eines Messies eines schwer Dementen eines Obdachlosen andere in deren Persönlichkeitsrechten beeinträchtigen
wie steht es mit den Persönlichkeitsrechten eines Menschen der am gemeinsamen Mittagstisch zusammen mit dem Messie dem angetrunkenen Obdachlosen dem Dementen nichts essen mag sich ekelt und depressiv wird weil er in dieser Atmosphäre keinen Appetit entwickeln kann und körperlich immer mehr abbaut?
Daniela M. Ziegler, geb. in Heidelberg. Promovierte Archäologin; schreibt seit über 25 Jahren auf Hochdeutsch und auf Kurpfälzisch für verschiedene deutschsprachige Literaturzeitschriften. Lebt auf dem Lande.
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