Melanie Dreisiebner für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Auf seltene Art und Weise
„Though it might be nice to imagine there once was a time when man lived in harmony with nature, it’s not clear that he ever really did.“ – Elizabeth Kolbert
Mein Vater war Kurator bedrohter Tierarten. Von den Amphibien bis zu den Zikaden trug er sie in graue Listen und Tabellen ein, während in langen Bürofluren grelle Leuchtstoffröhren in die Stille surrten und er dabei schwarzen Kaffee trank. Er kannte den Gefährdungsgrad der Gattung der Köcherfliegen genauso gut wie den der Flusskrebse, kannte die geschätzte Anzahl der noch lebenden Tiere und ihren natürlichen Lebensraum und wusste, wie viele es davon nur noch in Tierparks gab.
Abends kam er oft müde heim, zog die braunen Lederschuhe von den verschwitzen Füßen und kraulte unserem Kater über den Kopf. Unser Haus war geschmückt mit Naturstudien. Wild rankten sie aquarelliert um jeden Raum, gemeinsam mit Pflanzen und Aquarien voller Fische, Seegras und Wasserschildkröten. Irgendwo dazwischen versteckte sich Frederick, der ausgestopfte Fuchs und Isolde, das aufgefädelte Vogelskelett eines Buchfinken. Ich hasste Frederick und Isolde. Vor allem abends vermied ich es, mit ihnen Blickkontakt aufzunehmen. Auch mein Vater hatte Probleme mit dem Blickkontakt, aber ich glaube, er hatte es manchmal auch mit den Ohren. Erzählte ich ihm von wilden Ereignissen meines Schullebens – zum Beispiel, dass mich Elisabeth nun doch zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen hatte; vermutlich nur, weil sonst meine Freundin Issi nicht mitgekommen wäre, Elisabeth aber unbedingt mit Issi befreundet sein wollte – murmelte er jedes Mal bloß Dinge wie: „Vielleicht später“ oder: „Das musst du Mama fragen“, über meinen Kopf hinweg ins Leere. Da schaute er oft hin und strich sich über den Bart. Das konnte er stundenlang. Meist bemerkte er gar nicht, dass um ihn bereits die Sonne untergegangen war.
Früher war mein Vater ganz anders. Als ich klein war, füllte er mein Kinderzimmer mit Dinosaurierfiguren und Poster, die unser ganzes Universum abbildeten: Es gab Elche und Wildschweine, scharfe Gebirge mit wilden Felskonstellationen, Illustrationen des Sonnensystems, Papageie und Buntspechte, Strände und Seesterne, Katzen und Axolotl, Feuerameisen und Vulkane. Kröten, Nashörner und manchmal süße Welpen. Nur keine Spinnen. Die fand mein Vater zwar interessant, aber deshalb müsse er sie sich ja nicht stundenlang ansehen, erklärte er mir einmal beim Zubettgehen.
An den Wochenenden nahm er mich an der Hand und wir spazierten durch den Wald, der bei uns gleich um die Ecke lag. Er zeigte mir jeden Baum, jedes Kraut, jeden Pilz und jede Beere. Dabei erklärte er mir, für welches Tier sie besonders nützlich seien und welche ich auf keinen Fall essen sollte. Mit vier konnte ich alle aufzählen, mit sechs kannte ich ihre wissenschaftlichen Bezeichnungen. Natürlich erzählte er mir von den heimischen Tierarten, die dabei waren, immer mehr von ihrem natürlichen Lebensraum zu verlieren. Dabei hatten es ihm vor allem Vögel angetan – der Kiebitz war einer seiner Lieblinge, dieser war aber auch bei uns nur noch selten zu sichten. Im Sommer zog es uns in Berge und Nationalparks. Wir campten wild – obwohl das bei uns verboten war und sich mein Vater sonst immer an Vorschriften hielt, doch nur so erlebte man die Natur laut ihm wirklich – und wuschen unsere Körper in eiskalten Flüssen. Manchmal ging er mit mir in den Zoo, auch wenn es ihn störte, dass ich mich am meisten für Tiger und Eiscreme interessierte.
Ich weiß nicht mehr, wann er aufhörte, mir die Welt zu zeigen. Es gab dazu kein genaues Datum und kein Ereignis, das man in eine graue Liste eintragen konnte. Nirgendwo stand: Manfred zeigt Luisa jetzt die Welt nicht mehr. Aber die Wochenenden, an denen wir in den Wald gingen, klafften irgendwann weiter auseinander und die Poster in meinem Zimmer wechselten seltener. Vielleicht, weil ich mehr Zeit mit Issi verbringen wollte, seitdem eine Spielekonsole und ein Fernseher in ihrem Zimmer standen. Vielleicht, weil ich immer öfter eigene Poster von Musikbands an die Wände klebte. Oder es wäre anders gekommen, wenn ich mich seltener dagegen gewehrt hätte, die hässliche Windjacke anzuziehen und ich bei einem Ausflug nicht vergessen hätte, meine Wanderschuhe einzupacken, weil ich lieber meine Converse trug. Mein Vater kaufte mir fluchend neues Schuhwerk und schaute mich entgeistert von der Seite an, als er viel zu viel Geld im überteuerten Wandergeschäft für Touristen über den Tresen legte. Vielleicht war es genau das und man konnte in die graue Liste schreiben: 15. 05., Luisa hat wieder einmal ihre Wanderschuhe zu Hause vergessen. Seitdem fragte mein Vater kaum noch, wie es mir ging und ich wollte auch nicht mehr, dass er über meinen Kopf hinweg komische Antworten gab.
Eines Abends, als wir am Küchentisch saßen und im Hintergrund eine Dokumentation über Wildpferde lief, erzählte meine Mutter von der letzten Besprechung aus dem Gemeinderat. Eigentlich durfte sie das nicht, aber sie tat es trotzdem und ich durfte nichts davon weitersagen, woran ich mich aber selten hielt.
Ich merkte, dass meine Mutter angespannter als sonst war, denn sie schob ihre Erbsen von einer Seite zur anderen statt in ihren Mund. Irgendwann sagte sie: „Sie werden die Luxus-Chalets laut der letzten Bauverhandlung jetzt doch freigeben. Nächste Woche ist die offizielle Verlautbarung.“ Sie legte ihr Besteck beiseite und sah meinen Vater unverwandt an. Ich horchte auf, denn ich wusste, was das bedeutete. Unser Ort würde bald nicht mehr derselbe sein, unser Wald nie mehr so ruhig und unberührt. Und der bedrohte Kiebitz würde hier endgültig sein Habitat verlieren.
Der Blick meines Vaters zappelte plötzlich hektisch hin und her, er richtete seine Aufmerksamkeit einmal auf mich und dann wieder auf meine Mutter. Ich konnte spüren, wie sein Gehirn arbeitete.
„Aber ich dachte, die wurden bereits abgelehnt“, sagte ich, weil ich die Anspannung kaum aushielt.
„Ja, aber mit den Änderungen der Baupläne und einer erneuten Prüfung konnten sie es jetzt doch durchbringen“, antwortete meine Mutter. Sie zuckte zusammen, als mein Vater so fest mit der Faust auf den Tisch schlug, dass sein Besteck hochflog und scheppernd auf dem Boden landete.
„So ein Blödsinn!“ – „Manfred,“ – „Das kann nicht“ – „beruhige dich,“ – „sein!“ – „dein Herz!“ – „Was erlauben sich die“ – „Atme“ – „Reichen eigentlich!“ – „durch!“; überschlugen sich die Stimmen meiner Eltern.
Doch ich glaube, mein Vater nahm meine Mutter gar nicht mehr wahr, denn er dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen. Stattdessen sprang er auf und stürmte in sein Büro, dabei knallte er die Tür so fest zu, dass Isolde, die auf einem Podest daneben aufgefädelt stand, mit der Erschütterung mitwippte. So, als würde sie ihm zustimmen. Meine Mutter stützte ihren Kopf in die Hände und ich starrte auf das Besteck meines Vaters, das noch immer am Boden lag.
Die nächsten Tage ging mein Vater nicht zur Arbeit. Er aktualisierte keine Listen, trank keinen schwarzen Kaffee und störte sich nicht an surrenden Leuchtstoffröhren. Wir bekamen ihn nicht zu sehen. Wenn ich an seinem Büro vorbeiging, hörte ich ihn telefonieren und fluchend durch Papiere wühlen. Er schickte mir per E-Mail ohne Kommentar eine von ihm angelegte Petition, in der stand, dass die Chalets eine Gefährdung für die Kiebitze seien. Ich wusste, was damit zu tun war, denn es war nicht die erste. Also sendete ich sie an meine Klassenkameraden und bat sie darum, sie an ihre Familien und Bekannten weiterzuleiten. Die Zahl der Unterschriften stieg schnell an, mir war allerdings klar, dass es viel zu spät dafür war.
Am Abend vor der Verlautbarung hörte ich meine Eltern im Büro meines Vaters sprechen: „Warum hast du mir nicht früher etwas davon gesagt, vielleicht hätten wir noch eine Chance gehabt“, fragte mein Vater.
„Kannst du dich erinnern, wie es beim letzten Mal war? Genau wie jetzt haben wir dich noch kaum gesehen – du hättest fast deine Arbeit verloren!“, entgegnete meine Mutter und ich hörte den Dielenboden knarzen.
„Das ist wichtiger! Es geht hier um mehr!“
„Und dann warst du im Krankenhaus! Weißt du, wie schwer diese Zeit für uns war?“
„Warum hast du mir dann überhaupt davon erzählt? Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte es nicht gewusst.“ Ich glaubte ihm nicht. Hätte man ihn vor vollendete Tatsachen gestellt, hätte ihn das umgebracht.
Meine Mutter wusste nichts mehr zu antworten, es wurde still und bevor sie mich beim Lauschen erwischen konnten, ging ich in Deckung. Mein Vater verließ das Zimmer, zog seine Schuhe an und verschwand nach draußen. Ich beschloss, ihm zu folgen. Er ging tief in den Wald und nahm die Abkürzung zu dem Hügel, wo bald Bagger alles umgraben würden. Weit oben angekommen setzte er sich hin. Von hier aus konnte man den Wald sehen und den Ort, der immer mehr einer Stadt ähnelte.
Ich setzte mich neben ihn, wusste, dass er mich die ganze Zeit bemerkt hatte. Schweigend betrachteten wir einige Zeit nur die Lichter der Häuser und die Dunkelheit der Bäume. Irgendwann sagte mein Vater: „Ich wünschte, es wäre nicht so egal, was ich tue. Ich wünschte, es wäre allen nicht so egal, was passiert.“
„Mir ist es nicht egal“, flüsterte ich unsicher. Nicht, weil ich mir wirklich unsicher war, sondern weil ich nicht wusste, ob es an der Zeit für dieses Gespräch war.
„Du interessierst dich doch nur für andere Sachen. Du verstehst nicht, wie es ist, wenn man für etwas brennt. Luisa, ihr wisst alle nicht mehr wie das ist“, sagte er kompromisslos. Es tat weh. Ich schloss die Augen.
„Ich interessiere mich auch für andere Sachen, Papa. Das ist das, was du nicht verstehst. Das heißt aber nicht, dass mir egal ist, was du tust.“
Mein Vater schwieg. Aber ich glaube, seine Ohren waren offen. Ich glaube, er verstand.
„Bald schon wird dieser Hügel nicht mehr derselbe sein. Weißt du, dass mir hier deine Mutter erzählt hat, dass es dich gibt?“ Ich nickte. Es spielte keine Rolle, denn die Bagger würden kommen. Aber mein Vater und ich gingen gemeinsam nach Hause, und im Mondschein benannte ich jeden Baum, jedes Kraut, jeden Pilz und jede Beere.
Melanie Dreisiebner
* 1992. Studierte Journalismus und PR an der FH JOANNEUM Graz und arbeitet heute als Texterin. Veröffentlichung im Sammelband „Lyrische Sprachkunst von Frauen“, 2023 herausgegeben vom Verlag Kroggl. Verbringt bereits ihr ganzes Leben viel Zeit mit dem geschriebenen Wort: Lyrik und Prosa sind für sie Orte, an denen alles Platz findet, was sonst schwer auszusprechen ist.
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