Miriam Brümmer für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
DER APFEL oder DIE NEUE BIBEl
Im Ayurveda dürfen Apfel und Eiweiß nicht
zusammen kommen, schon gar nicht im Verzehr.
Unverdaulich darauf sei der Krieg der Innenweiden.
Und was Krieg heißt, haben wir ja täglich vor Augen,
den wünscht ja niemand noch in eigenen Räumen.
Aber der Apfel lacht mich an, aus den Regalen, gestapelt
rein zu beißen, glänzt mit roten Wangen und Heimatallüren,
die jeden Schmerz darauf in seinen Schatten stellt.
Er bezirzt mit Lügen und wirbt, ohne die Umwelt
ferner Höhen zu verdrecken, um bewusste Kontrolle.
Der Verzicht seit je neben Rettung im Allgemeinen
die erstrebenswerteste der Künste, gewährt Bleiberecht
für alle und hat dauerhaft Hochkonjunktur.
Ich habe den Einkauf also abgestimmt, die Äpfel gekauft,
an den Rand des Wagens gelegt, den Wagen zum
Kühlregal gefahren, den Joghurt da raus geholt und
in die andere Ecke des Wagens gestellt, voller
Schuldgefühle die Kühlkammer gefühlt, die mir das
Blut gefrieren ließ und die der Apfel am Abend ungleich
zu besänftigen suchte mit seinem warmen roten Leuchten.
Und als ich an mein Frühstück denke,
das Joghurtmüsli mit Apfel fast schmecke,
ist jeder Wille gebrochen und ich gescheitert am Maßstab
der jung göttlichen Reflexion, die die Erde retten könnte,
dessen basales Ziel zu erreichen die Alten vergeigten.
Die Schuldgefühle erliegen, nach Stunden des Kampfes,
dem Blutrot der Augenaufschläge, die sie bezwingen.
Ich komme dem Joghurt zuvor, nehme den Apfel,
heimlich, weil es rein niemanden interessiert, in größter
Müdigkeit, die meine Gedanken mir aufgebürdet hat
und fresse ihm die Farbe vom Kopf. Ich raube sie ihm,
so wie er mir fast den Verstand. Ich lasse den Apfel erblassen,
bevor er weiteres Unheil angerichtet und Köpfe verdreht.
In tiefer Nacht rette ich! den Joghurt vor morgendlicher
Apfeluntreue, Zurückweisung, Ablehnung, Leugnung
und schütte Wein und Bier noch oben drauf.
HUNGER
Wenn er kein Ende findet,
werden Augen zu Riesen, so groß.
Wenn doch ein Korn sich zeigt,
erfordert es wach zu bleiben.
Der Hunger frisst sich inwändig
Nischen, lässt nur die Löcher
in den Maschen, die Alltag wurden
und heute Heimat lauten.
Die Löcher zu Netzen geflickt,
lassen den Blick durch fallen.
Würde ein Wimpernschlag hellen,
wäre nur Abgrund zu schauen.
Der Blick vergeht sich am Leid,
wenn er nicht Farbe bekennt.
Nur Sicht von weit erlaubt
durch seine Maschen zu fallen.
WAS ES NICHT GEBEN KANN
Ich staple Kissen zu Türmen,
presse sie gegen deine
körperlose Gegenwart,
die meine Haut ausfallen ließ
und spitze Schreie auf nackte
Nervenbahnen feuert.
Das Spiel ist aus,
sage ich dir,
auch meine Tränenflut
kann nicht mehr löschen.
Du bleibst taub stumm und
die funkende Stille gespannt
auf Seilen blanker Luft
brennt umso lauter.
FRAGIL
Meine Sehnsucht
weit, bunt, schillernd
wie Schmetterlingsflügel.
Meine Hoffnung,
die ihre Nähe sucht, brechbar
daran zerklüftet, zerfällt wie ihr Staub,
mitten im Flügelschlag.
NEID
Die in Sahne gekleideten Wörter,
die so wenigen, die an den
Mundwinkeln sauer lächeln,
aber auf Gegenliebe stoßen,
möchte ich schütteln und schlagen,
bis sie sich, weich wie Babyhaut,
auf meine Zunge legen, mir
meinen Rachen fluten
und meinen Bauch voll schlagen.
Das Salz
ziehe ich an den Haaren,
breche es aus jedem Halm.
Dem Zucker
schlage ich den Hunger
aus den Rippen.
Das was ich brauche
ist nicht zu haben.
WORAUF ICH WARTE
Meine Rippen
falte ich zu einem Halm,
so dünn wie eine Wimper,
um mich in dich hineinzustehlen,
als die, wie du mich wolltest.
In einem leisen Zwinkern
breche ich in deine Stirn.
In deiner Lunge breite ich mich aus
und raube dir die Luft, den Schlaf und
wovon du eh zu wenig hast –
solange bist du ausspuckst,
womit du mich verrietst.
…s.u.
UND VOR DEM PUNKT
Unter dem Eis
liegen die Worte im Hunger.
Sie gluten bis auf die Knochen.
Ihre Haut nur ein Hauch.
Aber die Leute kleben
die vollen Löcher lieber
mit glitzerndem Neuschnee
und rollen darüber.
Was frei liegt macht Angst.
Als der letzte Satz zu fallen droht,
bäumt er sich auf und beutelt
aus vollen Taschen.
Er sah zu,
wo er bleibt!
IN DER SCHNEEPAUSE
Die blassen Träume zerplatzen
am mündigen Wund der Lippen.
IM SCHNEEVERFALL
bekennt sich Farbe.
–
(LICHTUNG
Ein schon seit eineinhalb Jahren bestehendes Projekt, hier ein paar Ausschnitte.)
LICHTUNG
Lange nicht.
Es gab Windwut,
Krieg im Ursprung,
Stammbruch im Wald Umfang
gebrochener Querlage.
In sommerliche Entgrasung
und vorzeitig rostigen Schimmer
splittert Herbstahnung.
Die Kenntnis auf der Zunge,
in bitter metallenem Nachgang verklebt.
LICHTUNG
Kaum tönend windet sich Licht
in erstes Dämmern der Berge Ketten,
die sich ins graue Verhängnis aufbäumen –
spitz, Kante zeigen.
Schwalben, die schwebend die Erdkrusten
in den Aufbruch heben.
LICHTUNG
Dunkle Farbe ist Balance gewichen,
Grün ist in den Kontext geblichen,
sprießt nicht mehr unbesonnen,
will jetzt ins Bild gehören, ( rein passen).
Scharf blitzend lässt der Aufwind
schneidend seine Arbeit zeigen.
Weit entfernt, im Dunst der Wärme
sind Berge weise einander an
gekettet, ohne sich weg zu ducken.
Über allem Wolken Schweben
wie enthoben nur Versprechen.
Schafe können nicht lassen
am Himmel Werbung
für sich zu machen.
LICHTUNG
Das Löchern im Brand
ist über die Ufer getreten,
der Weg bis kurz vor ihr Aus
über die Maße gewuchert.
Im Aushaarren blieb
der Verstand geraubt,
ist grüner Saft zu Stroh geblichen,
ließ Köpfe voller Möglichkeiten.
Die Querlage liegt unverrückt,
erlaubt nur rüber springen und
auf dem Laufenden zu bleiben.
Es grollt und blitzt in eben noch
ein Hell im Dämmern,
als es mit ganzer Wucht
in unsere Vorhaben hagelt,
das ganze Weltbild verfeuert.
LICHTUNG
In hell warmem Strahlen
zur Umsicht getragen, die
Gewichte noch drauf, im Streben
das Leben zu gewinnen.
Kopf über, bevor er rollen
müsste, oder verloren ginge,
von unten durch den
Schein geblickt.
Die den Aufwind haben
verlauten scharf die Kante
am Blatt und zerschneiden
die Schäfchenträume.
Die lauernden Wölfe am Boden,
die braune Lage erkannt, tun sich
im Rudel zusammen und brüllen
mit Macht, die Angst einflößt.
Ihr Gebaren so selbstverständlich
als wäre es Muttermilch, die sie verteilen.
Miriam Brümmer
1968 * in Göttingen.
Dort habe ich Germanistik und Pädagogik studiert,
anschließend Schauspiel an der Freiburger Schauspielschule, im E -werk.
Seit 2004 bin ich staatl. exam. Logopädin.
Seit 2009 arbeite ich als Logopädin und Sprech-Stimmbildnerin in eigener Praxis.
Ich komme aus einer Schauspielfamilie. Mein Onkel, der Schauspieler Claus Eberth, hat 30 Jahre vor allem an den Münchner Kammerspielen, aber auch im Fernsehen, z.B. im Tatort, gespielt. Meine Oma schrieb, neben noch weiteren Angehörigen immer wieder Gedichte, die sie anteilig veröffentlichte.
Seit ca. meinem 13. Lebsj. Schreibe auch ich, zumeist Gedichte und nun gelegentlich auch Kurzprosa. Seit ca. 10 Jahren lese ich regelmäßig, hier im Literaturhaus Freiburg, in der Textwerkstatt. Mittlerweile schreibe ich täglich und mache mich, auch auf diverse Rückmeldungen hin, erstmals daran, sie in die Öffentlichkeit zu tragen. (Auch weiß ich aufrichtig kaum noch, wohin mit den Gedichten und Texten). Leider hat mein sehr großes Arbeitspensum mich zuvor an den Mühen der Veröffentlichungen gehindert.
Letztes Jahr im August 2022, habe ich an einer ersten Ausschreibung zum Thema Tiere, an der Schule für Dichtung teilgenommen, die ich gewonnen habe und dessen Text Ende September veröffentlicht wurde.
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