Scherbenkindheit

SIMONE JUNG für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“




Scherbenkindheit

Sie nimmt die Glasscherbe zwischen Daumen und Zeigefinger und dreht sie gegen das Licht. Die Scherbe fühlt sich angenehm kühl an. Mit den Augen fährt sie deren scharfe Kanten ab. Dann lässt sie das Glas sinken und führt es auf ihrem Unterschenkel entlang. Erst zaghaft, ihre Haut gibt nach wie Gummi. Der innere Druck, den sie körperlich spürt und den sie nicht in Worte fassen kann, bleibt. Sie presst das Glas fester in ihre Haut, Blut quillt aus dem Spalt, den sie langsam aufritzt. Der Schmerz lässt ihr den Atem stocken, doch jetzt hat sie die Kontrolle.

   Sonst, ja, sonst hat sie keinen Einfluss auf das was geschieht. Nicht auf die Handlungen der anderen, nicht auf ihre eigenen Gefühle. Diese explosive Mischung aus Wut über die Welt und auch über sich selbst. Und der Verzweiflung darüber, diesen so leicht entzündlichen Gefühlen ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Aber eines, das hat sie gelernt, eines kann sie kontrollieren: den Schmerz. Deshalb schneidet sie sich. Wieder und wieder. Weil dieser Schmerz so viel leichter zu ertragen ist, als der Schmerz, der in ihrer Seele brennt.

   Sie ist dreizehn.

   Wenn sie nur Worte dafür hätte. Wenn sie mit Worten zu fassen bekäme, was ihre Pein ist, die sie mit jeder ihrer vielen Narben auf den Oberschenkeln, auf den Armen zu tilgen versucht.

   Aber was soll das sein?

   Eigentlich liegt ein Wochenende hinter ihr wie so viele in den vergangenen Jahren, seit ihre Eltern getrennt leben. Sie hat ihren Vater besucht. Für sich alleine hat sie ihn dann so gut wie nie. Aber daran hat sie sich gewöhnt. Ihr Vater, das weiß sie, kann nicht alleine sein. Aber mit ein und derselben Partnerin hält er es nicht mehr als ein paar Monate aus. Kaum hatte sie sich mit einer angefreundet, war sie schon wieder weg. Es waren auch nette Frauen darunter. Bei Ida, sie leitet ein Theater, durfte sie bei den Proben zu einem neuen Stück dabei sein. Anschließend hatte Ida sie beim Eis nach ihrer Meinung gefragt. Stolz war sie, als Ida einen ihrer Vorschläge in das Stück einbaute. Oder Maren. Die war zwar Bankerin. Aber zu Hause in ihrem Garten hatte sie sich eine Werkstatt eingerichtet. Hatte sie eingeladen, pausbackige Figuren aus Ton zu formen und bunt anzumalen.

   Auch diesmal hat er ihr eine Neue vorgestellt. Obwohl er sie erst kurze Zeit kennt. Aber daran ist sie ja gewöhnt, es ist mindestens die zehnte neue Frau in den vergangenen fünf Jahren.

   Sie wischt mit den Fingern das Blut von der Scherbe und setzt sie neu an. Auf einem Stückchen Haut, das noch nicht vernarbt ist. Sie drückt die scharfe Kante hinein, mit dem Schmerz zieht sie leise zischend Luft durch die Schneidezähne. Mit dem Schmerz, der Luft und dem Zischen lässt der Druck endlich nach.

   Eigentlich hatte sie gar keine Lust, das Wochenende bei ihrem Vater zu verbringen. Hatte keine Lust die neue Frau einzubinden in den Alltag, als hätte das Beziehungsgetue irgendeine Zukunft. Aber sie tat ihm den Gefallen. Jedes Mal. Spielte mit ihm und der Neuen Familienwelt, die ohnehin zerbrechen würde. Aber auch, wenn sie auf all das keine Lust hatte – noch weniger erträgt sie die Enttäuschung ihres Vaters, wenn sie ihn nicht besucht. Diese Enttäuschung, die viel schwerer wiegt als die Traurigkeit, einander an einem Wochenende mal nicht zu sehen.

    Wie soll sie Worte für etwas haben, das sich unsichtbar hinter der Spielhandlung verbirgt. Wie vollständig in Schwarz gekleidete Spieler, die unsichtbar lebensgroße Puppen durch den Raum führen. Sie ist nicht Spieler, sie ist Puppe. Und mit jedem neuen Heileweltspiel, das ihr Vater stetig wiederholt und zu dessen Mitspielerin er sie geformt hat, schützt sie ihn vor seinem eigenen Unvermögen.

   Und so vermisst sie unablässig einen Vater, der einfach nur für sie da ist. Ein Vater, der sein Kind schützt.

   Aber für ihre Gefühle hat sie keine Worte. Nur Scherben.  





SIMONE JUNG
Simone Jung studierte Germanistik mit den Nebenfächern Philosophie und Psychoanalyse an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zum Magister Artium. Bereits während dieser Zeit arbeitete sie für Tageszeitung, Hörfunk und Fernsehen. Seit Ende ihres Redaktionsvolontariats im Hessischen Rundfunk setzt sie als freie Filmemacherin und Regisseurin zahlreiche Reportagen, Dokumentationen und Dokumentarfilme ins Bild.
https://de.wikipedia.org/wiki/Simone_Jung

FILMAUSWAHL:

In der Reihe Entdeckungen: „Die Muschelpflücker – Im Kampf um die Diva der Brandung“ (ARTE), ca. 45 Min., 2004

In der Reihe `Der Dokumentarfilm´: „Butterbrötchen um halb Fünf – Ein Jahr im Altenstift“ (ARD), ca. 75 Min., 2005

In der Reihe 37°: „Datz kennt keine Angst – Krebskranke Kinder und ihre Familien“ (ZDF), ca. 30 Min., 2006 (und weitere 37°-Filme)

„Königin im Ring“, ausgezeichnet als Bester Film mit dem Hessischen Filmpreis 2008, nominiert u. a. für den Max Ophüls Preis 2009 (ARTE/ZDF), ca. 90 Min., 2009

„Das Glück der Hausfrau“ (ARD); 2 Folgen je 45 Min., nominiert für den Juliane Bartel Medienpreis., 2011

„Natalie oder der Klang nach der Stille“ (ARTE), ca. 90 Min., 2012

Adaption (WDR), 2021: https://www.youtube.com/watch?v=-zYXLCSokDI

„Endlich hören – Die neue Welt der Töne“ (HR), ca. 30 Min., ausgezeichnet mit dem hr-Fernsehpreis und mit dem Medienpreis Medizin Mensch Technik, 2013

„Vom Glück, ein Frankfurter zu sein“; 2-teilige Dokumentation – Folge 1: „Neubeginn und Aufbruch“, Folge 2: „Die aufsässige Stadt“ (HR), je 45 Min., 2015

Folge 1: https://www.youtube.com/watch?v=Fe9PoazcrIg

Folge 2: https://www.youtube.com/watch?v=YmJRV7fnuOU

„Arbeit war das halbe Leben“ (ARD), ca. 60 Min., 2016

„Benno Ohnesorg – Sein Tod und unser Leben“ (ARTE/HR), ca. 55 Min., 2017 und Adaption „68er – Wie die Revolte begann“ (HR), ca. 60 Min. 2018

„Geheimnisvolle Orte – Der Tempelberg in Jerusalem“ (ARD), ca. 45 Min., 2018

„Himmel, Herz und Hindernisse“ (ZDF), ca. 45 Min., 2019

„Mensch gegen Virus“ in der Reihe `Geschichte im Ersten´ (ARD), ca. 45 Min., 2020

„Ist da wer?“, ca. 107 Min., 2022

In Realisation: „Sol Gabetta auf den Spuren Lise Christianis“, ca. 60 Min. (Arte)


Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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