Was bleibt

Stefan Kreiger für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“




Was bleibt

Er hatte eines von diesen Nachthemden an und ein paar Schläuche hingen an den seltsamsten Stellen aus seinem Körper. Daneben lief ein Radio im Halbdunkel, in der Kulisse von zwei weiteren armen Teufeln am Tropf. Ein Schemel vor ihm war über und über mit Blumen und Pflanzen bedeckt. Krankenhaus, soviel war sicher. Er versuchte sich aufzustützen, ließ es dann aber bleiben. Keine Schmerzen, nur schwach, so schwach. Er bestastete sich, dort wo ihn die Projektile getroffen haben mussten, kam aber zu keinem Ergebnis. Sein Mund war furchtbar trocken und wollte keine Wörter formen. Orientierung außer Betrieb, sowieso.

Irgendwann entdeckte er den großen roten Knopf in Reichweite. Es dauerte eine Weile und der feiste Pfleger sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Er rief einen weiteren herbei, der auch so ein dämliches Gesicht machte. Tweedledee und Tweedledum staunte Tobak belustigt, zurück ins Leben getaucht.

Eine Woche später ging es bereits deutlich bergauf. Es waren mehrere Anläufe nötig gewesen ihm vorsichtig beizubringen, dass er nur knapp davon gekommen und längere Zeit im Koma gelegen war. Die künstliche Ernährung musste ausgesetzt und umgestellt werden und es war erstaunlich, dass er sich ein paar Restkräfte erhalten hatte in den zweieinhalb Jahren.             

Vater Tobak war in der Zwischenzeit gestorben. Gleich am Anfang, als hätte er es gewusst. Anscheinend an jenem Freitag, nur Stunden nachdem Tobak im Kugelhagel niedergestreckt worden war. Keine Lust, Tschüss, ab die Post und Subterrain. Er wusste noch nicht was er davon halten sollte und es schien in Anbetracht der Lage nur eine Draufgabe zu sein. Außerdem hatte er die Pandemie verpennt – typisch – aber wie es aussah, würde ohnehin noch reichlich davon übrig bleiben in nächster Zeit. Das Krankenhauspersonal lief ständig mit diesen neuen Atemschutzmasken umher und er konnte die beiden Jungärzte, die sich über seinen Fall so wunderten einfach nicht auseinanderhalten. In seiner Abwesenheit hatten sich zwei oder drei Bundeskanzler die Klinke in die Hand gedrückt und man kam nicht umhin das ganze Land in einer gewissen aufgekratzten Unruhe vorzufinden.

Verfügbare Verwandte hatte er nun nicht mehr und er konnte sich anfangs nicht durchringen Rada zu kontaktieren. Doch irgendwann musste es wohl sein, so rief er sie an. Sie besuchte ihn am nächsten Tag. Die kurzen Haare und die Rundung (achter Monat) standen ihr und sie bemühte sich rührend ihn zu schonen. Aber er bestand schließlich auf die ganze Geschichte.

Greg hatte offenbar eine Armeepistole aus dem Waffenschrank seines Vaters entwendet und damit an jenem Tag – der für Tobak genauso gut gestern gewesen sein konnte – in der Schule fünf Menschen getötet. Die Cerberi, Thyssen, zwei Achtklässler und Thali. Ausgerechnet Thali! Zwölf weitere waren zum Teil schwer verletzt worden und es grenzte an ein Wunder, dass es nicht mehr erwischt hatte. Die Waffe hätte Ladehemmung gehabt, als der Schütze sich selbst zu richten meinte – so das Polizeiprotokoll – und Tobak stellte sich vor, wie Gregs Vater der Offizier,  das Ding jeden Sonntag akribisch, professionell auseinandergenommen, liebkost und geölt haben musste, damit es ausgerechnet den Dienst versagte, als sein Sohn sich nach der Untat damit erschießen muss – Schicksal. Direktorin Schnee, so Rada weiter – hatte Übermenschliches bewiesen um die Schäfchen einigermaßen ins Trockene zu bringen. Zumindest jene, die die Kraft besessen hatten an der Schule zu bleiben. Ihr war es mehr oder weniger zu verdanken, dass die Gemeinschaft nicht zerfallen war.  

Die Schwangere bestand auf das rituelle Befühlen ihres Bauches (sie meinte es würde ihm Glück bringen) und Tobak konnte das Ungeborene nach allen Seiten selig treten spüren. Rada gab ihm einen Kuss auf die Stirn und fragte auf dem Weg nach draußen beiläufig wie ihm all die Blumen aus ihrem Garten gefielen. Sie war es gewesen, die ihn regelmäßig besucht, sich gekümmert und ihm dieses Paradies ans Totenbett gebracht hatte, in dem er als Dornröschen aufgewacht war. Er zuckte dankend mit den Schultern. Es folgten Wochen der Regeneration mit der Aussicht auf Monate. Anfangs auf Krücken gestützt – der Bewegungsapparat war gänzlich eingerostet. Schließlich erste Versuche zuhause. Ein Sachwalter hatte sich in seiner Abwesenheit ums Gröbste gekümmert. In der Wohnung dann, Post und Staub. Er studierte die Etiketten der billigen Weinflaschen, die noch unangetastet in seiner Küche warteten und hatte noch nicht entschieden ob er sich wieder einem gemächlichen Genuss erlauben würde. Im Grunde war er trocken.

Er wusste nicht, suchte er Genugtuung, Wiedergutmachung oder Schlimmeres? Er kam nicht dahinter und die Psychologin, die man ihm an die Seite gestellt hatte, war entschieden dagegen. Es bedurfte einige Anrufe und Überzeugungskraft, um überhaupt an die nötigen Auskünfte zu gelangen. Er hatte es sich einfacher vorgestellt und schließlich, nach all der Zeit und einem halben Tag Autofahrt in den Osten des Landes, stand er vor dem unscheinbaren Gebäudekomplex der Jugendstrafanstalt. Zweieinhalb Formulare und eine herzliche Inspektion später führte man ihn in den Besucherraum, den man aus Filmen kannte. Eine Glaswand trennte den einen Bereich vom Anderen. Er setzte sich in den Plastikstuhl und kurz darauf brachte ein Beamter auf der anderen Seite des Ereignishorizontes den Verurteilten herein. Auch er ließ sich nieder und beide griffen sie, sich gegenseitig imitierend, zu den jeweiligen Hörern, die altmodischen Telefonapparaten nachempfunden waren. Er hatte sich nächtelang die Fragen zurechtgelegt, sich die Begegnung ausgemalt, sich immer wieder ermahnt nicht zu viel zu erwarten und gleichzeitig gewusst, dass er nicht daran vorbeikam. Nicht wenn er weitermachen wollte. Und was sollte er sonst, nachdem der Tod ihn so unverhofft wieder ausgespien hatte? Freigegeben und entbunden unterlag er schon wieder für unbestimmte Zeit den Gegebenheiten dieser linearen Existenz. Primaten von hier nach dort … von hier nach dort und immer fort.

Er hätte fragen können – Warum? Warum nur? Warum die Toten, die Unschuldigen, warum Thali, warum sie? Hätte fragen können ob der Übervater mit seinem militärischen Drall an allem Schuld trug, hätte fragen können ob er, Tobak es womöglich gewesen war, der ihn entgleist und aufgebracht erst auf die verheerende Idee gebracht hatte? Die Last der Mitschuld – wollte er sie von sich wissen? Alle steckten sie hier drinn, waren verwoben in Gefüge, Ausgang, Ursprung. Schmetterlinge die Tornados gebären und dergleichen mehr. War er hier um sich reinzuwaschen? Er wusste es würde nicht funktionieren. Es gab hier keine Antworten für ihn und doch musste er zumindest einmalig in dieses Gesicht dringen, um sicher zu gehen. Eine Narbe hatte sich über das Auge des Gegenübers gesellt und dessen Züge waren naturgemäß ausgeprägter als zuletzt. Abwehr, Resignation oder Vorsicht? Tobak konnte es nicht entziffern. Seine pädagogischen Fähigkeiten versagten ihm den Dienst, in diesem Raum – zum Bersten gefüllt mit vollendeten Tatsachen und doch so leer wie all die Momente nach der Katastrophe. Schall ohne Wiederkehr kryptisch ins Nichts gehaucht. Die Gabe streikt. Tobak blind. An der Tankstelle versuchte er nochmal das Gespräch zu rekonstruieren. Letztendlich hatten sie darüber gesprochen, dass der Verurteilte, der nun volljährig war, bald in eine andere Einrichtung überstellt werden würde. Seine Stimme durch den Hörer verzerrt, klang gefestigt aber nicht ohne Furcht. Wie viele Schichten musste man der Zwiebel abringen um eine Träne geschenkt zu bekommen? Schweigen, Schweigen auf beiden Seiten. Tobak fuhr nach Hause.                                     

Das Grab war erfreulich unscheinbar. Keine Quadratmeter von Marmormassiven die von hehrer, posthumer Ambition aus dem Jenseits künden sollten. Nur Nische, Name, Urne, gut versteckt, verstaut und absentiert … selbst mit Hilfe der Friedhofverwaltung nicht ohne weiteres auffindbar. Nachdem Tobak sich nicht darum kümmern hatte können und es sonst niemanden gab, waren die Reste seines Vaters nach der Einäscherung im hinteren Teil des dazu bereiteten städtischen Lagers überführt und bereits halb vergessen worden. Ein gigantisches Ikea-Regal, das sich überdacht an beiden Seiten in Richtung der Friedhofsallee erstreckte. Er legte das abgenützte Pack Spielkarten in den Zwischenraum. Eines der wenigen Erinnerungsstücke, die ihm geblieben waren. Sollte der alte Herr auf der letzten Reise damit glücklich werden. Abschied zu Asche. Tobak hatte nicht vor, jemals wiederzukommen. Noch dachte er daran, Thalis letzter Ruhestätte einen ähnlichen Besuch abzustatten, verschob es aber immer wieder und entsagte dem Vorhaben schließlich gänzlich. Was war sein Schmerz, verglichen mit dem ihrer Familie? Er hatte kein Recht dazu und verdonnerte sich zu dieser selbstauferlegten Strafe. Obwohl er sich oft vorstellte, hinzugehen – den Äther um Versöhnung zu flehen. Der übliche Masochismus des Seins. Schließlich brauchte er, nachdem Wiedereintritt in die Sphären, etwas Übung in Selbstgeißelung. Aber es war wie Fahrradfahren…




Stefan Kreiger, geboren 1981 in Salzburg, lebt und arbeitet als Künstler und Schriftsteller in Salzburg. Studium Kunstpädagogik und Malerei an der Universität Mozarteum. Arbeitsaufenthalte: Budapest, Wien, Warschau, Red Wing Minnesota, Berlin, Cered. Ausstellungen, Projekte und Beteiligungen (Auswahl): Galerie Eboran, Stadtgalerie Lehen, Periscope, Galerie im Traklhaus, Künstlerhaus, Museum der Moderne, Rupertinum, Kunstraum pro arte, Galerie Rhomberg (Salzburg), batolit, Galerie Dreiraum, Galerie Glockengasse No9, Sammlung Lenikus (Wien), Kunstverein Linz am Rhein (Kölln), Museo Nahim Isaías de Guayaquil (Ecuador), Palazzo Falconieri (Rom);

2023 DUM 105 | Literaturzeitschrift, Zöbing Staatsstipendium für Bildende Kunst

2022 UND #12 | Literaturzeitschrift, Innsbruck etcetera 87 | Literaturzeitschrift LitGes, St.Pölten

2021 Österreichweit unter den 17 Gewinnern des Ö1- story.one ErzählwettbewerbsZine | Literaturzeitschrift zum Klangfestival „SYN:COPE“

2020 Förderpreis für Bildende Kunst Land Salzburg SALZ | Literaturzeitschrift, Salzburg    Mosaik freiTEXT | Literaturzeitschrift, Salzburg

2019 FREMD | Buchbeitrag erschienen im StudienVerlag






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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