Nicht einmal am seidenen Faden

Martin A. Völker für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“




Nicht einmal am seidenen Faden

Was könnte schöner sein als eine sommerliche Ballonfahrt? Besteige die Gondel aus Korbgeflecht. Kleiner und enger als gedacht ist sie. Wer sie später am Himmel sieht, wird kaum auf die Idee kommen, in diesem Stecknadelkopf einen Menschen zu vermuten. Der Doppelbrenner flammt auf, heller als die noch etwas müde Morgensonne, die mit einem Auge lichtblinzelt, anstatt zu scheinen. Zusehends füllt sich die Ballonhülle, bis sie sich in voller Größe und dunkler Röte über dir erhebt. Jetzt ist die Zeit gekommen, um die Halteseile zu lösen. Dein Aufstieg beginnt. Mit großer Entschlossenheit, wenngleich ohne echtes Ziel, steigst du in die Höhe, während der Himmel sich noch immer unentschlossen zeigt, ob er dir das Gesicht der Nacht oder das Antlitz des Tages präsentieren soll. Und doch ist das Schicksal der Nacht längst besiegelt, sie verliert sich an die Taghelle, welche die Traumsumpfigkeit entmachtet und dir den klaren Gedanken schenkt, den deutlichen Gedanken der Einflussnahme, der Lenkung und Kontrolle. Allerdings liegt das meiste, was zwischen Aufstieg und Landung passiert, fernab deiner Macht. Wie sich dies für Wilhelmine Reichard im frühen 19. Jahrhundert angefühlt haben mag? Die erste deutsche Ballonfahrerin war sie. Eigenmächtig jenen Boden verlassen, auf dem zu oft gekrochen und weniger mit erhobenem Haupt gegangen wird; von einem Boden abheben, der zur häuslichen Zelle zusammengeschrumpft ist; wenn es gelänge, die Erdenschwere aufzuheben, und währte es nur wenige Augenblicke: Das erfordert Mut, den Mut, sich der luftigen Unsicherheit hinzugeben. Die Unsicherheit stellt sich als wertvoller heraus als die Scheinsicherheit des eingehegten Heimatbodens. Da macht es nichts, wenn die Kühnheit mit Ohnmachtsgefühlen einhergeht. In einer Ohnmacht befand sich die Luftschifferin Wilhelmine Reichard, als sie im Spätsommer 1811 bei Saupsdorf in Sachsen abstürzte. Fünf der acht Schnüre zur Befestigung der Gondel waren gerissen. Manchmal hängt das Leben am seidenen Faden, manchmal nicht einmal das, sondern es schwebt völlig frei und ungesichert im Raum. Sollte uns das davon abhalten, die Unsicherheit zu meiden? Hat die folgenreiche Ohnmacht Madame Reichard davon abgehalten, wieder eine Ballonfahrt zu unternehmen? Nein. Es ist nämlich ein Unterschied, ob wir, weil wir anderen Menschen ausgeliefert sind, uns ohnmächtig fühlen, oder ob wir uns mit höheren Kräften und mit der gewaltigen Natur messen und dabei an die Grenzen unserer Macht stoßen. Diese bewusst gesuchte Ohnmächtigkeit lässt uns wachsen, weil wir Mut geschöpft und uns auf Unbekanntes eingelassen, uns ausgeliefert haben, weil wir unseren kleinen Erfahrungshaushalt gegen einen breiten Erfahrungshorizont eintauschen durften. Von oben sieht die Welt ganz anders aus, und wenn du deine Angst vor der dünnen Luft dort oben ablegen kannst, wirst du als ein anderer, als eine andere zurückkehren: Die, welche von oben kommen, sehen ganz anders aus, weil sie von oben alles anders gesehen haben. Die, welche der Ohnmacht in luftigen Höhen fernbleiben, glauben im Wahn ihrer Erdenmacht, nichts mehr gewinnen zu können, weil alles, was zu gewinnen ist, zu ihrem vermeintlichen Besitz gehört. Führe diesen Menschen ihre Ohnmacht vor Augen, dass ihnen schwarz vor Augen werde. In der Dunkelheit wird das Licht geboren. Habe aber keine Angst, wenn es sich anders verhält, und das Dunkle dunkel bleibt. Du hast es versucht, und der Versuch ist der überspringende Funke, der vielleicht das Universum aller Farben entzündet.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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