Rebekka Tünker für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Julie-Ann
»Hast du jemals etwas so Widerstandsfähiges gesehen?«, meinte Julie-Ann andächtig und hielt mir ein einzelnes Moos-Haar vor die Nase. Wäre es wieder eine Kreuzspinne gewesen ‒ wie vor einer Woche ‒ hätte ich wohl schreiend Reißaus genommen. Diesmal war es nur ein harmloses Stück Moos, sie machte eindeutig Fortschritte.
Als Julie-Ann ihre Frage etwas genervt wiederholte, nickte ich halbherzig, um sie zufrieden zu stellen. Mir saß der Schreck von letzter Woche wohl noch in den Knochen.
»Menschen tun so viele seltsame Dinge«, philosophierte sie weiter vor sich hin. »Lieber biegen und brechen sie ihr Umfeld, damit es zu ihren bequemlichen Gewohnheiten passt, anstatt sich selbst ihrer Umwelt anzupassen, was in der Summe über alle Anstrengungen einfacher und nachhaltiger wäre.«
Ich seufzte geräuschvoll. Jetzt kam wieder einer ihrer Weltuntergangsvorträge, den ich mir bis zum Ende anhören würde, obwohl ich von Anfang an wusste, worauf ihre Beweiskette hinauslief: Die Menschheit war hoffnungslos egoistisch und handelte dazu noch unlogisch. Und es gab keinen vernünftigen Ausweg, denn freiwillig würde sich die Menschheit sicher nicht radikal verändern und eine neue Sintflut würde auch Moosen und Kreuzspinnen zu leibe rücken. Letzteren würde ich, wie wichtig ihre Existenz in der Nahrungskette auch war, keine Träne nachweinen.
»Hast du schonmal darüber nachgedacht, wie sinnlos menschlicher Suizid ist?«, fuhr sie nach einer Gedankenpause fort. »Moos würde nie auf die Idee kommen, sich umzubringen und damit die Produktion wertvoller Biomasse vorzeitig zu beenden.«
»Moos bekommt aber auch keine Existenzkrisen. Überhaupt denkt und fühlt Moos, glaube ich, ziemlich wenig«, antwortete ich spaßeshalber. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich ernsthaft Interesse für ihre Betrachtungen aufbringen.
»Wohl wahr«, räumte Julie-Ann, meine beste und einzige Freundin gütigerweise ein, während sie das Härchen zwischen zwei Fingern drehte. Es wirbelte wie ein kleiner Propeller und erinnerte mich an den Ventilator, der mir gerade fehlte.
»Ist Suizid nicht wirklich eine erstaunliche Blüte der Evolution?«, driftete Julie-Ann weiter in ihre Welt der Thesen und Antithesen. »Quasi das Invers reproduktiver Fitness? Warum haben nur Menschen diesen sinnlosen Not-Aus-Schalter? Tiere fühlen doch auch etwas und können sicherlich traumatisiert werden. Warum stürzen sie sich dann nicht in tiefe Schluchten oder so? Wär doch möglich.«
Ich spürte, wie sich meine Stirn in Falten legte. Die sonnenverbrannte Haut spannte grässlich. Neulich auf dem Flohmarkt hätte ich mir einfach diesen absurd riesigen Strohhut kaufen sollen, aber ich war ja der Meinung gewesen, dass er meiner Frisur nicht stünde. Eitelkeit, noch so eine sinnlose menschliche Eigenschaft, die zweifelsohne einmal, vielleicht schon ganz bald, zum Untergang dieser Spezies führen würde.
»Wahrscheinlich liegt es an der Gehirnentwicklung«, mutmaßte ich ins Blaue hinein. »Suizid könnte man als Nebenprodukt des Metabewusstseins werten«, fügte ich mit betont unbeteiligtem Tonfall an, um einmal etwas Schlaues zu sagen oder wenigstens so zu klingen. Julie-Ann hatte einen IQ von 130. Vielleicht konnte sie genau deshalb scheinbar unlogisches Handeln so schlecht nachvollziehen. Sie war immer ein paar IQ-Punkte zu weit entfernt vom Durchschnittsmenschen mit seinem Durchschnittsleben und seinen Durchschnittsgedanken.
Im Durchschnitt litt jeder Dritte im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Im Durchschnitt nahmen sich rund 800.000 Menschen pro Jahr das Leben. Die Anzahl der Versuche rangierte weit darüber.
Aber wie schon gesagt … Julie-Ann gehörte einfach nicht zum Durchschnitt und würde ihn vielleicht gerade deshalb nie ganz verstehen.
Wenigstens in dieser Hinsicht war ich einmal schlauer als sie.
Man durfte Julie-Anns Perspektiven nicht falsch verstehen. Sie war nicht gefühllos oder so. Sie richtete ihre Gefühle einfach mehr nach der Logik aus, als andere es vermochten. Mehr noch: Was logisch richtig war, löste bei ihr ein Gefühl von Wohlbefinden aus, das andere vermutlich noch nie in dieser Intensität gespürt hatten.
Mittlerweile konnte ich es sehen. Es lag sehr versteckt in ihren Zügen: Ein kleines, verzücktes Zucken um die Mundwinkel, ein Glitzern in den Augen, ein Ausdruck völliger Gelöstheit.
Und genau das waren die besonderen Momente, für die ich wöchentliche Begegnungen mit Kreuzspinnen, Regenwürmern, Nacktschnecken und Kellerasseln gerne in Kauf nahm. Wenn ich gewusst hätte, was mit Julie-Ann eines Tages geschehen sollte, hätte ich mir sämtliche Krabbel- und Kriechtiere eigenhändig vor die Nase gehalten, bloß um ihre Faszination zu teilen. Eines Tages erlitt Julie-Ann nämlich einen Nervenzusammenbruch und wenn ich Nervenzusammenbruch sage, meine ich keine einmalige Heulattacke.
Es hatte sich im Laufe einiger Monate angebahnt, vielleicht schon länger. Die kleinen aber so wichtigen Zeichen fallen einem ja leider erst im Nachhinein auf. Jedenfalls wusste Julie-Ann eines Tages nicht mehr, was sie denken oder fühlen sollte, woher sie kam oder wohin sie ging, nicht einmal mehr, wofür sie leben wollte. Doch das mit Abstand Schlimmste und Herzzerreißendste war, dass sie ihren Sinn für das logisch Richtige verloren hatte. Ihre unzerstörbare Stütze in einer Welt des Irrsinns lag plötzlich in Trümmern und niemand wusste, wie man sie wieder zusammensetzte.
Nun saß Julie-Ann hilfloser als ein Häufchen Elend auf einer Bank am Rande des Parks der psychosomatischen Klinik. Immerhin durfte sie eine Stunde raus, seit sie von der Geschlossenen in die Offene verlegt worden war.
Hier und da blätterte die Farbe von der wackeligen Bank und ich fragte mich, ob es daran lag, dass sie an einem so abgeschiedenen Platz stand. Vielleicht hatte man sie vor zehn oder zwanzig Jahren hier aufgestellt und dann einfach vergessen. Für Julie-Ann war es ein Glücksfall, denn sie hasste es, wenn ständig Leute an einem vorbeiliefen. Oder zumindest hatte sie es früher gehasst. Ich war mir nicht sicher, ob diese Eigenschaft noch Geltung hatte. Vieles an ihr hatte sich verändert. So viel, dass ich mir nicht mehr ganz sicher war, ob es die Vorher-Julie-Ann überhaupt noch gab oder wenigstens eine winzige Chance, dass sie eines Tages wieder auferstehen würde.
Seit einer halben Stunde hatte die Nachher-Julie-Ann ihre Position nicht verändert. Die Vorher-Julie-Ann hätte in derselben Zeit mindestens zehnmal zwischen Schneidersitz, Lotus, halbem Lotus und Fersensitz gewechselt. Sie hatte nie still gesessen.
Nun hingen ihre Schultern seit einer halben Stunde in demselben krummen Winkel herab. Ihr Oberkörper schien nur von ihren aufgestützten Armen gehalten zu werden. Hätte sie keine Arme gehabt, wäre sie auf der Stelle nach vorne gekippt und nie wieder aufgestanden. Unbeholfen legte ich ihr eine Hand auf den Rücken.
Die Berührung schien sie eher zu ängstigen statt aufzumuntern. Vorsichtig zog ich meine Hand wieder weg und nestelte aus verzweifelter Verlegenheit an meinen Haaren. Aus dem Augenwinkel verglich ich sie mit ihren, die in platten, stumpfen Zotteln herab fielen. Die Vorher-Julie-Ann hatte ich immer um ihr strahlendes Kastanienbraun beneidet. Neben der Nachher-Julie-Ann sah meine blonde Strohmäne aus, als wäre sie dem Vogue-Magazin entstiegen.
Fieberhaft suchte ich nach den richtigen Worten, doch mein Verstand reichte für diese Situation einfach nicht aus. Ich war mir sicher, dass die Vorher-Julie-Ann die richtigen Worte gefunden hätte, säße ich jetzt auf ihrem Platz und sie auf meinem. Augenblicklich fühlte ich mich noch schlechter.
Mein Magen war so leer, dass ich mühelos zwei Jumbo-Pizzen hätte verdrücken können, doch mir war gleichzeitig so übel, dass ich sie wahrscheinlich drei Minuten später in die Böschung gekotzt hätte. Julie-Ann sah weder hungrig noch satt aus. Genau genommen hatte sie einige Kilo abgenommen, schien aber weder Hunger noch irgendetwas anderes zu spüren.
Zwei Wochen später sprach sie immerhin fünf sinnvolle Sätze und sah nicht danach aus, als ob sie noch mehr Gewicht verloren hätte. »Schön, dass du hier bist. Endlich wird es Herbst. Der frische Wind tut so gut, auch wenn ich nur zwei Stunden am Tag raus darf. Langsam wird es besser. Kümmert sich jemand um Peggy?«
Peggy war ihr Zwergkaninchen, das ich seit ihrem Zusammenbruch selbstverständlich in Pflege genommen hatte. Es war das einzig Sinnvolle, das ich für sie tun konnte. Und Peggy ging es im Gegensatz zu Julie-Ann ziemlich gut, was mich aufmunterte. So hatte ich wenigstens eine positive Botschaft, die ich ihr Woche für Woche erzählen konnte und die nicht in einer blöden Floskel bestand wie »Das wird schon wieder« oder »Kopf hoch« oder »Die Hoffnung stirbt zuletzt« oder am besten »Alles wird gut«.
Solange ich mir nicht sicher war, ob wirklich alles gut werden würde, konnte ich sowas nicht über die Lippen bringen.
Nach einem weiteren Monat hatte Julie-Ann sich dann tatsächlich soweit erholt, dass sie die Klinik verlassen und das Ganze ambulant weiterlaufen konnte. Ich war natürlich froh, dass sie wieder nach Hause konnte, aber auch ein bisschen beunruhigt. Jetzt lag es an mir, beim nächsten Mal die Zeichen rechtzeitig zu erkennen. Akribisch notierte ich mir, worauf ich zu achten hatte: Abweichungen im üblichen Erscheinungsbild, Brüche im Affekt, plötzliches Verstummen, Veränderungen oder völliges Einstellen der normalen Aktivitäten, keine Freude an sonst erfreulichen Aktivitäten, Teilnahmslosigkeit oder vorgespielt wirkende Beteiligung und so weiter.
Die Liste war drei A4-Seiten lang. Ich lernte sie auswendig, bevor Julie-Ann nach Hause kam. Bei unserer ersten Begegnung auf neutralem Boden zitterte ich, obwohl ich versuchte, meine Unsicherheit, so gut es ging, zu verbergen. Irgendwie hatte ich verlernt, mit Julie-Ann zu sprechen, der Vorher-Julie-Ann. Oder lag es daran, dass ich nicht wusste, ob sie wirklich wieder die alte Julie-Ann war? Konnte man nach so etwas überhaupt je wieder die Alte sein?
Mit allem Mut, den ich hatte, ging ich auf sie zu und schloss sie in die Arme. Es fühlte sich vertraut an. Sie sah beinahe so aus wie früher, ihre Haare waren nur ein kleines bisschen länger, glänzten mehr als meine, sodass mich wieder der alte Neid zwickte. Nein, ich würde sie nie mehr um ihre Haare beneiden, nach allem, was sie durchgemacht hatte.
»Ich hab einen Bärenhunger«, waren ihre ersten Worte außerhalb der Klinik. Ich fragte mich, ob sie etwas überspielen, in Anwesenheit ihrer Eltern etwas Unverfängliches sagen wollte und ging im Stillen meine Liste durch.
Erst als sie mit mir die ersten wesentlichen Worte gewechselt hatte, konnte ich die Liste für einen Moment vergessen. »Jetzt weiß ich, warum sich manche Menschen umbringen«, offenbarte sie mir. »Sie handeln weder logisch noch unlogisch. In einem bestimmten Zustand ist es … das Einzige, woran man denken kann. Aber es gibt Wege, wie man wieder an andere Gedanken kommt. Und für mich ist es logisch, dass ich weiter mache, solange ich die Chance auf einen weiteren sinnvollen Gedanken habe.«
Rebekka Tünker, *2002, Studentin der Psychologie, veröffentlicht regelmäßig in Ausschreibungen, https://www.instagram.com/poetry_for_free/
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