Wolfram Treydte für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Macht und Ohnmacht
Das gleichmäßige Tak Tak Tak der Räder bildet mit den vorbeifliegenden Lichtern an der Decke eine merkwürdige Symbiose. Irgendetwas stört das ruhige Gleiten auf dem glatten Betonboden der Krankenhauskatakomben. Diesmal werde ich nicht im Flur abgestellt, sondern komme gleich in den OP-Bereich. Auch wenn ich mir einbilde, entspannt zu sein, schlägt das Herz bis zum Hals. Angsteinflößender Druck wechselt sich mit einem Zerren in der Brust ab. Sind das die Herzinfarktsymptome? Ich habe keine Zeit für Ängste. Mehrere Personen heben mich auf eine große kalte Metallplatte. Sie berühren mich dabei so behutsam, dass ich trotz meiner starken Schmerzen lächeln muss. Jetzt geht es gleich weiter. Die Metallplatte ist wohl nur eine Transportvorrichtung, um mich vom Bett auf den OP-Tisch zu hieven. Im OP-Saal befindet sich eine überraschend große Anzahl medizinischen Personals. Ein junger Mann, ob er ein Arzt oder Pfleger ist, lässt sich in der allgemeinen Vermummung nicht feststellen, nimmt sich meiner an und platziert mich in einer krummen Sitzhaltung auf dem OP-Tisch. Meine schmerzende Hüfte meldet sich mit aller Macht wieder. Dem Versuch, meine Sitzposition minimalst erträglicher zu gestalten, stemmt er sich mit aller Kraft entgegen. Seine starken Arme haben mich fest im Griff. Der kurzen Kühle am unteren Rücken folgt die Lokalanästhesie. Bisher hatte ich damit gute Erfahrungen gemacht. Aber diesmal bohrt sich das harte Metall der Spritze knarzend, Millimeter für Millimeter durch die Wirbelsäule. Ich stöhne auf, während sich meine Hände in den OP-Tisch krallen. Der Schmerz wird so unerträglich, dass mir übel wird. Zum Glück hält mich der junge Mann fest, sonst wäre ich vornüber heruntergefallen. Endlich beginnt die Narkose zu wirken und der Schmerz verschwindet.
Jetzt platziert und fixiert man mich unverrückbar auf dem OP-Tisch.
Um mich herum werden mehrere grüne Tücher drapiert, die mir nur einen Tunnelblick an die Decke erlauben. In meinem Gesichtsfeld taucht eine Ärztin mit einem samtweichen Timbre in der Stimme auf, die sich meiner annimmt. Kaum spürbar streichelt sie meine Wange und spricht mir Mut zu. Im gleichen Augenblick ist sie wieder verschwunden. Meine Aufmerksamkeit gilt nun den Geräuschen um mich herum. Der operierende Professor, dessen Stimme ich erkenne, bespricht wohl die letzten Details. Genaueres übertönen die Umgebungsgeräusche der zahllosen Geräte.
Obwohl mein Unterkörper vollkommen betäubt ist, spüre ich, wie meine Beine mit einer Flüssigkeit abgerieben werden. Dann wird es still. Ich kann nur Flüstergeräusche wahrnehmen, die vom Klappern der Geräte begleitet werden. Die nette Anästhesistin ist wieder da und setzt mir weiche Kopfhörer auf. Ich kann mir sogar die Musikrichtung aussuchen. Klassik finde ich am besten. Also bekomme ich klassische Musik zur Entspannung. Doch das Herumruckeln und Gezerre an meinem Bein erzeugt ein absurdes Gefühl, das zwar frei von direktem Schmerz aber nicht frei von bedrohlichem Unbehagen ist. Etwas passiert mit meinem Körper und ich bin mir nicht sicher, ob die zweite OP diesmal gut wird. Von der OP-Luft wird mein Hals trocken. Ich würge krampfhaft mit der Zunge herum, um etwas Flüssigkeit im Mund zusammen zu bekommen. Zum Glück ist die hilfreiche Anästhesistin schnell zur Stelle, die meine Verrenkungen mit dem Kopf richtig gedeutet hat. Bisher war mir nie bewusst, wie wohltuend in paar Tropfen Wasser sein können.
Das Hämmern und Zerren wird immer lauter. Vor meinem geistigen Auge schlagen sie die Kapsel für das Gelenk ein.
Plötzlich wird mir die Luft knapp. Ich ersticke! Sich aufbäumende Panik steigt in mir hoch. Ich muss hier weg! Jetzt sofort! Ich versuche zu fliehen, kann aber nichts an mir bewegen. Selbst die Arme sind unverrückbar fest. Mir wird bewusst, dass ich absolut ausgeliefert bin. Ausgeliefert sein, meine größte und bedrohlichste Todesangst. Hilfe! Die Luft ist weg. Mein Innerstes bäumt sich wild gegen die Gefahr, als wollte mein Körper aus mir herausspringen. Ich sterbe! Mit dem Kopf wühle ich wild herum, was die Panik in mir weiter verstärkt. Ich will raus aus der Falle! Ich will hier weg! Schluss! Aus! Aufhören!! Ein tonloser Schrei, der den Mund nicht mehr verlassen kann, zeichnet Verzweiflung in mein Gesicht, als die Anästhesistin wie von Zauberhand auftaucht. Endlich! Meine Befreiung aus der Ewigkeit der Angst. Sofort legt sie mir etwas Kaltes ins Gesicht und schiebt mir ein Stück Schlauch in die Nase. „Sie sind sehr tapfer. Ich gebe Ihnen etwas Sauerstoff, das wird Sie beruhigen.“ Tatsächlich fühle ich mich sofort besser. Der überdimensionale Krake der Todesangst entlässt mich aus seinen eiskalten Tentakeln und die erlösende Luft kommt zurück. Trotz des Fröstelns spüre ich Schweißperlen auf der Stirn, die mir weggetupft werden. Erleichterung stellt sich ein, sodass ich meine Umgebung wieder wahrnehmen kann. Über die Tücher hinweg bewegt sich ein riesiger Monitor in mein Gesichtsfeld. Eine, gefühlt, dreißig Zentimeter lange, und mindestens zehn Zentimeter breite Wunde klafft über mir. Aus dem rohen Fleisch, mit gelblich hellen Hauträndern umgeben, schimmert vom Blut bedeckt ein Stück Metall heraus. Normalerweise macht es mir nichts aus, offene Wunden zu sehen. Aber diese geballte Macht an Blut und Fleisch, als Teil meines Körpers, das ist zu viel. Ich drehe mich weg. Im gleichen Moment wird der Monitor wieder aus meinem Sichtfeld gedreht. Die Musik beginnt zu nerven. Ich scheine schon ewig hier liegen. Übelkeit kehrt zurück. Ob es Hunger ist? Aber etwas zu essen wird es hier wohl nicht geben. Meine Augen suchen die nette Anästhesistin, meine einzige Verbindung zu Menschen in dieser ohnmächtigen Situation des Gefangenseins. Durch mein Herumgewackel mit dem Kopf verschiebt sich irgendetwas an den Gerätschaften, die an mir befestigt sind, und es wird eng am Hals. Wie lange dauert das noch? Mir bleiben nur die Gedanken, die mir die Möglichkeit geben, wenigstens für Bruchteile einer Sekunde der allumfassenden Realität zu entfliehen.
Plötzlich beginnt sich die Stimmung zu lösen. Ich werde aus meiner Fixierung befreit. Rettung! Freiheit! Auch das Atmen wird wieder leichter.
Das Entfernen der Tücher verschafft mir endlich freie Sicht auf das Geschehen um mich herum. So kann ich sehen, wie mein Bein zum Verbinden angehoben wird. Man unterhält sich und der Professor hat den OP-Saal bereits verlassen.
Nachdem ich in dicke Verbände eingewickelt bin, kommt erneut der Kraftakt, mich vom OP-Tisch ins Bett zu hieven. Ich stöhne leise auf. Die Betäubung scheint langsam nachzulassen. Zu meiner großen Überraschung bekomme ich eine weiche warme Decke, in die man mich einhüllt, bevor ich in den Aufwachraum geschoben werde. Die Absurdität einer solchen Situation macht es möglich, dass ich mich glücklich fühle. Es ist vorbei. Wieder einmal vorbei. Hoffentlich hält diesmal die Prothese, sodass ich nicht ein drittes Mal operiert werden muss.
Die Schwester im Aufwachraum ist ebenso nett, wie die Anästhesistin im OP. Nach kurzer Zeit bringt sie mir eine neue warme Decke. In meiner Situation ist dies ein Geschenk des Himmels.
Die Erinnerung an die Paniksituation jagt mir einen kalten Schauer über die Haut. Ich denke darüber nach, welche Macht die hingebungsvolle Zuneigung einer Person in der Not haben kann.

Wolfram Treydte
Derzeitige Tätigkeit: Dozent für Deutsch als Fremdsprache/ Zweitsprache
Bisherige Buchveröffentlichungen:
2007 Für immer mit Dir… Ich gehe auf Weltreise!
2012 SchokoladenSaiten des Lebens
2020 RunaMania Zeitsprung im Dom (Teil 1 der Trilogie)
2023 VERFANGEN (Thriller)
