Ulrike Werner für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Der Mörder
Die Tat geschah bereits in der Dämmerung. Die Straße lag verlassen im Halbdunkel des angebrochenen Abends. Hier und dort zeigte sich Licht in den Fenstern und die Straßenbeleuchtung warf ihren spärlichen Schein auf den schwarzen Asphalt. Nichts rührte sich. Aus der Ferne war die Sirene eines Rettungswagens zu hören. Dann wurde es wieder still. Der Mörder wartete in der Gasse gegenüber dem Wohnhaus, in dessen Eingang die tote Frau lag. Beim ersten Mal flüchtete er noch, so, als müsse er vor etwas davonlaufen, als müsse er sich wegstehlen aus einem Umstand, dessen Ergebnis für ihn nicht vorhersehbar, oder besser noch, nicht kontrollierbar sei. Grinsend verbarg er sich tiefer im Schatten der Hauswand. Flucht als Reaktion auf seinen Gewaltexzess war für ihn keine Option mehr. Seit einiger Zeit spürte er, dass jede Tat ein bisschen mehr dazu beitrug, sich unantastbar zu fühlen. Er wuchs über sich selbst hinaus, empfand sich als unangreifbar, ja mächtig. Niemand konnte ihn aufhalten. Deshalb stand er hier und wartete, denn sein Durst nach Beachtung und Anerkennung war unersättlich.
Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite näherten sich zwei Frauen dem Eingang des Hauses. Vertieft in ein Gespräch, hielten sie plötzlich inne. Im Lichtkegel der geöffneten Tür lugten die Beine einer Frau hervor.
Eine der beiden begann zu schreien, während die andere kopflos davonrannte. Ein Ehepaar, bisher verdeckt durch die Hausecke, eilte herbei.
Panisch, mit Entsetzen in den Augen stammelte die Frau, die die Tote entdeckte: “Das war der Frauenmörder, der hier sein Unwesen treibt.“ Anschließend lief sie davon und suchte Schutz in der Dunkelheit. Unsicher und hilflos stand das Paar vor der Tür, während sich nun der Gehweg mit Schaulustigen füllte. Zitternd vor Angst und hilfesuchend drehte sich die Ehefrau der Menge zu. Aus dem Gewimmel löste sich eine dunkle Gestalt und ging direkt auf sie zu. Schwarze Augen fixierten sie kalt und stachen in sie hinein. Danach schlenderte der frech grinsende Schatten unberührt weiter, als ob nichts geschehen wäre. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass er in der rechten Hand ein Messer hielt, von dem Blut tropfte. Die Meute drängelte an ihr vorbei zur Tür. Jeder der Anwesenden gierte danach, die tote Frau zu sehen. Im letzten Augenblick, bevor ihr die Sicht versperrt wurde, erhaschte sie noch einen letzten Blick auf die bizarre Szene. Der blutige Kopf, dessen tote Augen starr in die Menge blickten, war übersät mit Messerstichen. Aus den Wunden floss noch immer das Blut auf den schwarzweiß gekachelten Fußboden. Daneben lag ein Kinoplakat mit dem Konterfei von Hitchcock. Es hatte sich von der Wand gelöst, als der Mörder seine Tat beging. Es schien, als zwinkere der Meister des Grauens ihr zu.
Eine lange, breite Treppe führte von den Gleisen der Metro hinunter zur Empfangshalle und den Kartenschaltern. Der Mörder stand oben auf der Plattform und begutachtete von dort aus das Geschehen. Er war noch immer unterwegs und bewegte sich ungehindert in der Öffentlichkeit. Die wenigen Reisenden, die sich gerade hier einfanden, verloren sich in der riesigen Halle. Gemächlich schlenderte er die Stufen hinunter, beobachtete dabei jedoch aufmerksam jede noch so leise Bewegung und jedes Anzeichen von geänderten Routinen, die ihm gefährlich werden konnten. Doch die Gefahr drohte ihm nicht frontal. Plötzlich witterte er einen süßlichen Geruch und fuhr herum. Hinter seinem Rücken näherten sich ihm zwei Frauen, offensichtlich Freundinnen, denn sie unterhielten sich lebhaft und scherzten dabei. Eine der beiden lächelte ihn verheißungsvoll an. Irritiert von ihrem Auftreten hielt er den Atem an. Die Frau daneben griff in ihre Manteltasche. Er spürte, wie sie krampfhaft etwas mit der Hand umschloss und versuchte, es langsam herauszuziehen. Sie starrte ihn an und in ihren Augen war die Angst zu lesen. Den Mund zur Grimasse gezogen, näherten sie sich ihm, während die andere ihn weiter anlächelte. Auf einmal zog die eine, noch die Hand in der Tasche, die Freundin am Ärmel schnell mit sich fort. Er atmete auf und lächelte. Die inszenierte Bedrohung löste sich in Luft auf. Wer sollte ihn noch zurückhalten? Auf der letzten Stufe unten angekommen, betrat er die Eingangshalle. Ein kleines, elektrisch angetriebenes Fahrzeug querte die Halle und hielt direkt auf ihn zu. Diesmal wollte er sich wappnen. Entschlossen packte er das Messer, das immer griffbereit in der Manteltasche lag, mit der Faust und wartete auf die Begegnung.
Die Fahrerin stoppte das Gefährt knapp vor ihm und blickte ihm dabei auffordernd ins Gesicht. Sekunden vergingen, ohne dass einer von ihnen sich bewegte. Wortlos maßen sie ihre Kräfte mit entschlossener Miene. Dann gab er ihr das Messer. Das stumme Duell war entschieden. Ausdruckslos nahm sie es entgegen und öffnete langsam ihren Mund. Sie wusste was zu tun war. Langsam schob sie die Spitze des Messers in den Hals.
Einzelne Passanten wurden auf das Schauspiel aufmerksam, blieben kurz stehen, um dann gleichgültig weiter zu gehen.
Der Mörder bestätigte ihr Tun mit leichtem Kopf nicken und forderte sie gleichzeitig auf, damit weiter zu machen. Er starrte auf das Messer, während es allmählich im Hals der Frau verschwand. Jeder Zentimeter, den es tiefer glitt, glich einem Schlag. Jeder Schnitt, mit dem es trennte, erzählte von seinem Schmerz und seiner Qual. Geboren in Dunkelheit und Düsternis, existierten sie im Schatten weiter.
Gefangen in der Erinnerung, nahm er das Ehepaar, das auf seiner Flucht nun hier angekommen war, zuerst nicht wahr. Beide eilten die Treppe herunter. Die Frau erstarrte beim Anblick des Opfers, das, den Kopf weit nach hinten gebogen, in starrer Körperhaltung mit dem Messer im weit geöffneten Mund an der unteren Treppe stand. Vom Gewaltexzess der Szenerie überwältigt, verlor sie das Gleichgewicht, stolperte am Stufenabsatz und fiel vornüber auf den Fußboden der Halle. Ein lautloser Schrei drang aus ihrem geöffneten Mund, während sich die entsetzten Augen hilflos am verschwindenden Messer festklammerten. Sie ahnte, was anschließend mit ihr geschehen würde und rechnete mit dem Schlimmsten. Einzig die Anwesenheit ihres Gefährten gab ihr die Hoffnung, mit dem Leben davonzukommen.
Langsam kam der Täter auf sie zu. Eilfertig lief ihm sein Schatten voraus.

Ulrike Werner, Jahrgang 1956, lebt seit 1985 in Reutlingen, wo sie heiratete und ein Sohn geboren wurde. Als gelernte Heilerziehungspflegerin arbeitete sie dort 30 Jahre in der Behinderten Werkstatt einer großen, diakonischen Einrichtung. Nach dem Abschluss des BWL /FH Studiums und Case Managements erstellte sie in freiberuflicher Nebentätigkeit in ihrer Einzelfirma „genoson“ Marktanalysen für die Einrichtungen der Behindertenhilfe. In dieser Eigenschaft war sie auch bundesweit als Referentin und mit Messeauftritten unterwegs. Während dieser Zeit arbeitet sie ehrenamtlich in diversen Organisationen als Schriftführerin, Organisatorin für Messeauftritte, Fachpublikationen u.a. mit.
In ihrer Freizeit interessiert sie sich neben der Vorliebe des Gärtners vor allem für Mythologie, Märchensymbolik, analytische Psychologie nach C.G.Jung, und Traumanalyse. Beginnend mit der Frage …“ sind Märchen noch zeitgemäß?“… entwirft sie Kurzgeschichten, die sich inhaltlich mit der Darstellung von „verzerrter Wahrnehmung“ und Komplexität auseinandersetzen.
Das Genre der Phantastik, Cyberpunk und Gothik Novel eignet sich hierzu besonders. Durch die literarische Schilderung eines „Risses“ in der Realität, bietet dieses Genre den Ansatz, „Wirklichkeit“ in unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Phantastische Elemente und/oder nicht greifbare Zustände, die Komplexität als Grundbaustein von Wirklichkeit interpretieren, vermitteln dem/der Leser/in den Eindruck, vor einer Entscheidung zu stehen.
Über die Jahre entstand eine Anzahl von Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen in der Rohfassung, die nun, vertieft durch eine intensive Recherchearbeit, in verschiedenen Anthologien u.a. Veröffentlichungen einem interessierten Publikum vorgestellt werden sollen. Weiterhin dienen die Arbeiten der Vorbereitung zu einem SF Roman, der sich (kritisch) mit dem Thema KI, Bewusstsein und/oder Bewusstseinsveränderung auseinandersetzt.
Als Synonym trägt sie den Namen U.P. Iron 8 , der aus dem Titel der Kurzgeschichte oder „Die eiserne Acht“ entstand.
Eine eigene Webseite befindet sich im Aufbau.
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