Ein ohnmächtiger Gott

Simon Mühlberger für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“




Ein ohnmächtiger Gott

Wäre Mutti erst morgen abgereist, wäre er rechtzeitig aufgestanden. Nach all den Jahren wurde Muttis Antrag auf Rehabilitation doch gewährt. Ihrer Meinung nach musste sie den erstbesten Termin wahren, der ihr die Reha Vortuna angeboten hatte. Rene bezweifelte, ob das so sein musste. Was er aber mit Sicherheit wusste, war, dass er nie freiwillig in eine Klinik wegen Ausweglosigkeit, wie sie es genannt hatte, gehen würde. Unter keinen Umständen. „So einer bin ich nicht“, dachte er und war gleichsam froh, für eine Woche Abstand von Mutti zu haben. Rene rieb sich die Augen und erfreute sich am Anblick der  dunklen Vorhänge mit Sonne, Mond und Sternen. Seine erste Maßnahme war gestern, als Mutti die Haustür hinter sich zugemacht hatte, im ganzen Reihenhaus die Vorhänge feierlich zuzuziehen.

Seine noch schweren Gedankengänge überlagerten sich noch einmal mit vi­suellen Nachbildern der durchzockten Nacht. Von seinem Videospielhelden Kratos, dem Gott der Macht und der rohen Gewalt, den er aus der Third-Person-Perspektive auf ewig langer Reise quer durch die griechische Mythologie begleitet hatte. Von massenhaft untoter, grauhäutiger Draugr, die er mit Kratos´ Axt namens Leviathan zu verdorbenen Fleischbergen verarbeitet hatte – das neue God of War für die Playstation 4 war einfach endgeil. Rene ertappte sich, wie er beinahe von den Bildern im Kopf zurück ins wortwörtliche Land der Träume befördert wurde. Im letzten Moment riss er die Augen auf.

Rene deckte das Display seines Handys auf. Kratos blitzte ihn vom Screen her an und hielt Leviathan drohend über seinem Kopf. Rene drückte ihn mit dem Daumen zur Seite und schrieb über What´s App: „Mutti, ich habe verschlafen und gehe heute nicht zur Schule. Bitte informiere meinen Klassenvorstand.“ Rene scrollte die Kontaktdaten rasch runter wie ein Fahrstuhl bei gerissenen Aufzugseilen und wählte Vortuna an. Keine Minute später poppte eine Nachricht am Dis­play auf. „Habe Prof. Suez über School­Fox geschrieben, dass du krank bist. Wird schon passen, weil morgen die Ferien beginnen. Geld liegt am Küchentisch. Bussi, Mutti.“

Erleichtert bettete Rene den Kopf aufs Kissen und schloss die Augen. Eine Sekunde später traf ein heller Lichtstrahl mitten auf Renes geschlossene Au­gen, als wollte der Gott Apollon ihn geflissentlich malträtie­ren. Das helle Rot hinter den Lidern nervte und verhinderte ein geruhsames Weiterschlafen. „Echt jetzt? Ich schaff´s nicht, nochmal aufzustehen. Wäre ich doch früher pennen gegangen. Ich wünschte es wäre noch Nacht.“ Irgendwann schlief er doch ein.

Mit einem brummenden Schädel, der erbitterlichen Schlachten in seinen Träumen geschuldet, und einem synchron dazu verebbenden Sirrton erwachte er einige Stunden später.

„Zuerst einmal Milch“, dachte er und nahm, neben dem Kühlschrank stehend, einen ersten kräftigen Schluck direkt aus der Flasche. Dann griff er nach dem Einmachglas mit Honig, das am Tisch stand.

„Nichts geht über Milch. Und Honig“, sagte er und sammelte Honig aus einem Glas am Tisch mit einem gedrechselten Holzlöffel auf. „Ein Getränk der Götter.“ Theatralisch steckte er sich den Löffel in den Mund.

Einmal den Knopf an der PS4-Konsole gedrückt, lief diese nonstop.

Rene erhob sich ein einziges Mal mühsam aus dem Stuhl, in den er förmlich eingewachsen zu sein schien, um auf die Toilette zu gehen.

Die PS4 rauschte wie ein mit einem Haarballen zuge­pfropfter Fön und wurde von Stunde zu Stunde immer heißer. Dramatisch heißer. Renes Augenlidern wurden schwerer. Dramatisch schwerer. Da genügte auch kein Kneifen und hektisches Blinzeln, um dieses Problem zu beseitigen. Ein kurzer Blick auf seine analoge Icewatch an seinem Handgelenk verriet ihm, dass es bereits Viertel nach zwei war. Nachts.

„Gut – eine wirklich letzte Nebenquest noch“, beschloss er mit einem Faustschlag auf die Tischplatte.

Rene schloss vier weitere Quests ab, bis ihm der Controller aus der Hand glitt und auf den Boden krachte. Rene schreckte hoch. Mit letzter Kraft wie nach einer physikalischen statt virtuellen Schlacht schleppte er sich ans Bett heran und ließ sich in voller Garnitur hineinfallen.

Der Handywecker läutete, weil Rene vergessen hatte, ihn für die ganze Woche zu deaktivieren. Er machte das Licht an, weil die Vorhänge so bleiben sollten wie sie waren und torkelte schlaftrunken in die Küche.

„Erst mal Milch“, dachte er und zog die Flasche aus dem Kühlschrank. „Na super, leer. Und dank Mutter auch kein Nachschub.“ Er durchforstete sämtliche Küchenregale und fand auch keine Haltbarmilch.

„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich muss mir Milch besorgen gehen“, sprach er mit schwerem Unterton. Rene langte nach dem Geld am Küchentisch. Bevor er losging, wollte er noch einen kurzen Blick vom Küchenfenster auf die Dorfstraße werfen. Er schritt zum Fenster über der Spüle auf der gegenüberliegenden Seite und zog den Vorhang ruckartig ein kleines bisschen auf. „Ich glaub´ich spinn´! Wieso ist es draußen stockdunkel? Das darf nicht wahr sein.“ Schnell lief er zur Haustür, um sich zu vergewissern, was ihm soeben widerfahren war. Rene riss die Tür auf, und mittägliche Sonnenstrahlen blendeten ihn. „Und ich dachte, ich würde verrückt werden.“

Just aus einer Eingebung heraus stellte sich Rene vor, er hätte einen Controller in der Hand. Er drückte mit dem Daumen in die Luft. Natürlich ohne jede Erwartung. Einfach aus Doofheit vor lauter Daddeln, welches seinem Hirn schon zugesetzt zu haben schien. Mit salbungsvoller Stimme sagte er: „Welt, ich befehle dir Nacht zu werden.“

Sie wurde es.

Wie wenn ein Schalter umklickt.

Mit heruntergefallener Kinnlade stand er staunend da. Entweder war er verrückt geworden, oder … „Unfassbar. Ich bin ein Gott“, flüsterte er mit einem Anflug von Wahnsinn gepaart mit Übermut. Sein nächster Gedanke war der, wozu ihm die Fähigkeit ermächtigte. Weil ihn das aufgrund der Aufregung überforderte, begnügte er sich in der gegenwärtigen Lage, den Himmel ein paar Mal umzuswitchen.

Dann konzentrierte er sich aufs wesentliche, denn obgleich er gottgleich war, dürstete es ihn – oder gerade deshalb – nach Götternahrung. Milch!

In weniger Entfernung vorm Ares, dem einzigen Dorfladen. blieb er abrupt stehen. Rene erspähte einen Tumult. Die Tür stand offen, und fast soviele Leute wa­ren angestellt wie am Erscheinungstag des neuesten iPhone. Rene hörte die Leute bis hierher lautstark miteinander streiten. Vorsichtig schlich er sich an den parkenden Autos Deckung nehmend bis kurz vor den Laden. Im Schatten des großen Ares Logos mit der lachend comichaften Einkaufstüte, in die Obst, Gemüse und Hühnerkeulen auf positivierte Weise hineinprasselten als wäre die Tüte ein liebenswerter Nimmersatt statt anwidernder Gierhals; wenn es nach Renes Meinung ging. Im Inneren zankten sich unter anderem zwei Männer, die sich immer näher auf die Pelle rückten. Die acht weiteren Kunden sparten den Türbereich aus und hielten sich auf Abstand.

„Bestimmt nicht, ich habe sie zuerst gehabt“, sagte ein unscheinbarer Mann mit einer Flasche Milch, die er an seine Brust gedrückt hielt, als handelte es sich um sein eigenes Kind aus Fleisch und Blut.

Der andere, deutlich größere Mann, erhob die Faust gegen den Milchträger und Rene stellte sich schon vor, wie er sie her­absausen lassen würde wie die Axt seines Möchtegern-Alter Egos Kra­tos.

„Beruhigen Sie sich. Ich bedauere die Umstände, aber wir gehen der Sache so schnell wie möglich nach, wieso es zu Produktionsausfällen gekommen ist. Wir erwarten jederzeit eine Neuanlieferung“, sprach der Ladenverkäufer respektive Besitzer.

In Rene fuhr ein Blitz wie von Gott Zeus persönlich. Er schaute auf die Icewatch und führte sie ganz nah ans Gesicht heran, um die winzige Datumsanzeige abzulesen. „Neh! Ich glaub´ ich spinne“, dachte er und schüttelte seinen Arm als würde dies irgendetwas ändern. „Soll das heißen, ich habe zwei Tage verpennt?“

Rene besann sich wieder aufs Wesentliche. „Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte“, nuschelte er und setzte ein grausames Lächeln auf. Er spannte sämtliche Muskeln an. Er wollte sie – und brauchte sie. Ohne lange zu fackeln wünschte er es dunkel. Rene wartete solange, bis er zuschlagen konnte wie ein grausamer Gott. Die Leute traten aus dem Laden und sahen verwirrt in die Dunkelheit und irritiert zum Himmel hoch. Der Mann mit der Milchflasche, trippelte einige Schritte ins Abseits. Rene nutzte die Gunst der Stunde und schlug aus dem Hinterhalt zu. Er schnappte sich die Flasche und rannte. Hunderte von Metern. Endlich in Sicherheit, hielt er hinter einem Baum versteckt an. Keuchend beobachtete er die Leute, wie sie schimpfend auseinanders­toben und auch in seine Richtung kamen. Rene entfernte sich allmählich rückwärts schreitend, ohne die Leute aus den Augen zu lassen.

Plötzlich stolperte er über eine Baumwurzel nach hinten. Die Milchflasche entglitt ihm und zerschellte am Asphalt. Die weiße Flüssigkeit er­goss sich über den Boden. Er kam sofort wieder auf die Beine und nahm diese statt der Milchflasche in die Hand. Ab durch die Dunkelheit, auf geradem Weg nach Hause.

Rene wünschte es sich dunkel. So dunkel wie im Hin­tern eines Zyklopen, der in einer stockdunklen Grotte hock­te und darauf wartete hinterlistig einem abenteuerlustigen Halbgott aufzulauern. Dann widmete er sich seinem Alter-Ego Kratos, nicht ohne vorher noch die Armbanduhr und das abgeschaltete Handy in die tiefen seines Kleiderschrankes zu verbannen.

Er schlachtete Monsterhorden und erfüllte jedes einzelne Nebenquest. Dabei suchte er je­den einzelnen Winkel in der virtuellen Welt ab als könnte er dort eine Antwort auf sich und die reale Welt finden.

Irgendwann musste es so kommen: die Playstation erstarb.

„Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren“, dachte er und legte sich unvermittelt ins Bett. Wider Erwarten fiel er auf der Stelle in den Schlaf. Einen tiefen, traumlosen Götterschlaf.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erwachte Rene mit einem nie zuvor gekanntem klaren Kopf und ging zum Fenster seines Zimmers.

Er starrte eine Zeitlang auf Sonne, Mond und Sterne. Dann betätigte einen mentalen Schalter und riss zum ersten Mal seit den jüngsten Vorfällen den Vorhang auf. Natürlich war keine Menschenseele zu sehen. Schließlich war es gerade erst Tag geworden, auf Gottes Befehl hin. Als nächstes kramte er sein Handy aus dem Kasten hervor. Rene wählte die Nummer von Vortuna. Eventuell hätten sie sowas wie Notfallplätze. Oder es ließe sich ein Schichtwechsel mit Mutti arrangieren.




Simon Mühlberger







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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