Bernhard Horwatitsch für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Im Auge des Phönix
(Der Pfau ist das Vorbild des mythischen Vogels Phönix)
Der Elefant
ist ganz entspannt
im Gegensatz
zur Katz
die saß nur stumm
in der Gegend rum
und hörte wie der Pfau
laut schrie: Miau
auch einem kleinen Fohlen
hat der Pfau den Ton gestohlen
und auch der Leu schien ganz verloren
brüllte – vergeblich – stumm aus allen Rohren
der Pfau, das eitle Huhn
begann auch noch zu muhen
da kippte aus den Schuhen
die alte Kuh und auch die fette Sau
oink oink, machte jetzt der Pfau
wenn alle Tiere leise werden
nennt man das heute Artensterben
ja der Pfau, ein Vogel voller Leidenschaft
hat am Schluss die Welt hinweg gerafft
doch aus seiner Asche – singen alle Barden Lieder
kommt der Phönix wieder
Wie jede Blüte welkt
Ein Rentner ist eine nicht mehr oder überwiegend nicht mehr erwerbstätige Person (Wikipedia)
Vor ein paar Wochen spürte ich, dass ich allmählich das nötige Alter erreichen würde, das mich zum Rentner qualifiziert. Daher füllte ich am Abend bei einem Glas Bier schon mal probehalber einen Rentenantrag auf der Internetseite der Deutschen Rentenversicherungsanstalt aus. Das dauerte dann doch deutlich über eine Stunde, all die Fragen zu beantworten, die mir der Algorithmus stellte. Darunter waren viele Fragen, die ich nicht beantworten konnte. So probierte ich verschiedene Antworten aus, solange bis der Algorithmus die Antwort akzeptierte und mich so für weitere Fragen als geeignet einstufen würde. Die Wahrheit war für den Algorithmus eine andere, als für mich. So wurde ich jedes Mal bei der Frage nach meinem Arbeitgeber zurückgestuft, als ich Freiberufler eingab. Einen Freiberufler gibt es für die Rentenanstalt wohl nicht. Also gab ich eine Antwort, die der Algorithmus akzeptierte und war nun Angestellter. Ich war sicher schon beim zweiten Glas. Immer noch wurden mir Fragen gestellt. Das nennt man einen guten Lauf. So dachte ich zumindest. Immerhin war ich zu meiner eigenen Überraschung weiter gekommen, als ich mir erhofft hatte. Das honorige Spiel „Wer wird Rentner“ hatte mich richtig gepackt.
Zwischenzeitlich wollte ich mein Vorhaben dennoch abbrechen. Ich gehöre nicht zu den sehr ehrgeizigen Menschen, verlange nichts Unmögliches von mir. Aber ich war so weit gekommen! Diesmal wollte ich mir selbst etwas beweisen und blieb dran. Früher hätte mich der Algorithmus schon beim Geburtsdatum aus dem Programm geworfen. Also machte ich tapfer weiter. Und ich kam tatsächlich zum Ende. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Nun war nur noch ein Fragebogen übrig. Den musste ich ausdrucken, denn den gab es nur als PDF Datei. Es ging dabei um meine Gefühle. Also wie ich mich fühle, was die Rentenversicherungsanstalt für mich tun könnte, damit ich nicht in Rente müsse und solche Dinge. Das fand ich alles recht absurd und komisch. Ich füllte den Fragebogen dennoch komplett aus. Ich fühlte mich an dem Abend – trotz des überraschenden Erfolgs – nicht so besonders gut, und kreuzte das im Fragebogen an. Bei der Frage, was die Rentenanstalt tun könnte, damit ich nicht in Rente müsse, schrieb ich „nichts“ rein. Das war wahrheitsgemäß. Was sollte die Rentenanstalt tun können? Mir fiel nichts ein. Jungbrunnen gibt es nicht. Diesen Fragebogen schickte ich dann mit einem Anschreiben per Post an die Rentenversicherungsanstalt nach Berlin. So war es Vorschrift. Nach drei Wochen – ich hatte das längst vergessen und abgehakt, es war ja nur ein Spiel für mich – bekam ich Post von der Rentenversicherungsanstalt. Einen dicken Brief mit weiteren Fragebögen. Hatte ich das Spiel – wider Erwarten – gewonnen? War ich jetzt tatsächlich Rentner? Doch ein erster Blick auf die Fragebögen zeigten mir, dass ich nur eine Runde weiter gekommen war. Auf das digitale Spiel folgte nun das analoge Spiel mit neuen Regeln. Daher warf ich den Papierstapel ohne die Fragebögen auszufüllen in den Papierkorb. Ich hatte mir ja selbst bewiesen, dass ich es kann. Ich kann Rentner – zumindest online. Eine Woche später kam wieder ein Brief der Rentenanstalt mit weiteren Fragebögen. Aber diese waren nicht für mich, sondern sollten von meinen Ärzten ausgefüllt werden. Die Rentenanstalt ging davon aus, dass sich ein Heer von Ärzten um mein leibliches und seelisches Wohl kümmert. Eine wesentliche Voraussetzung, um in Deutschland Rentner zu werden ist es, täglich drei bis vier verschiedene Ärzte aufzusuchen. Was hat ein Arzt damit zu tun? Außerdem bin ich nicht in einer ärztlichen Behandlung, weder körperlich noch seelisch werde ich von einem Mediziner betreut. Ein kurzer Blick zeigte mir, mein Zahnarzt (der einzige Arzt, der mir hilft und den ich vergöttere) könnte die Fragen nicht beantworten. Also warf ich auch diese Fragebögen ohne große Notiz davon zu nehmen in den Papierkorb zu den anderen verworfenen Fragebögen. Vermutlich wartet die Rentenanstalt nun auf all die Fragebögen, die ich in den Papierkorb geworfen hatte. Und ich warte auf weitere Fragebögen, die ich in meinem Papierkorb entsorgen werde. Nun, in meinem Alter und nach so vielen Berufsjahren wäre ich reif dafür, weniger zu arbeiten, oder sogar gar nichts mehr zu arbeiten, hatte ich jedenfalls angenommen. Ich würde dann in Ruhe meine Memoiren schreiben und die Bücher lesen bzw. wiederlesen die ich noch lesen und wiederlesen wollte, aber nie dazu gekommen bin, weil ich eben noch arbeiten muss. Leider ähnelt die Rentenanstalt mehr einer Quizveranstaltung. Also stelle ich mich darauf ein, an der Arbeit zu sterben. In unserer neumodischen Zeit ist das Sklavendasein erträglich. Ich muss weder Steine schleppen, noch klopfen. Der Stein, den man heute auf den Berg rollen muss, immer wieder und immer wieder, besteht aus digitalen Flächen auf denen wir immer und immer wieder das ankreuzen müssen, was zutrifft bzw. wovon der Algorithmus durch Programmierung überzeugt ist, es müsse zutreffen. An diesem ewigen multiple choice werde ich für den Rest meiner Tage meinen digitalen metaphorischen Stein schleppen. Er ist nicht schwer. Er ist nur wie der Stein des Sisyphos: Kaum auf den Berg gerollt, rollt er wieder runter. Auf den letzten Fragebogen folgt wieder ein neuer Fragebogen ad infinitum ad nauseam. Mein von mir erhofftes rein analoges Rentnerdasein, so dachte ich, kann ich vergessen. Das gibt es nicht mehr. Doch die Rentenanstalt vergisst nicht.
Und vor ein paar Tagen rief die Rentenanstalt bei mir an. Ich sah eine fremde Nummer auf dem Display und meldete mich mit: „Zollbehörde Bogenhausen, wie kann ich Ihnen helfen?“
Schweigen in der Leitung. „Äh, ich hätte gerne einen Herrn Howatschisch gesprochen.“
„Moment, ich sehe mal nach…“, ich tat so als tippte ich. „Nein, tut mir leid, ein Herr Hlawisch arbeitet nicht bei uns. Mit wem spreche ich denn?“
„Äh, ja, hier ist Fr. Demel von der Rentenversicherung. Es geht um den Rentenantrag von Herrn Howatschisch.“
„Hm“, sagte ich. „Hier ist die Zollbehörde Bogenhausen.“
„Ja, wohnt hier nicht Herr Howatschisch?“
„Frau Demel? Hier wohnt niemand.“
Sie legte auf, rief kurze Zeit später wieder bei mir an.
„Zollbehörde Bogenhausen, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Also, sind Sie Herr Howaschitsch?“
„Nein, Sie sprechen mit Herrn Alfons Weber von der Zollbehörde Bogenhausen. Sie hatten doch eben hier angerufen.“
„Also ich weiß ja nicht“, sagte Frau Demel. Ich hörte sie atmen. „Ich weiß ja nicht. Verarschen Sie mich jetzt?“
„Wie meinen Sie das?“
„Das wäre Beamtenbeleidigung!“ Sie sagte es einen Ton lauter.
„Oh“, sagte ich, „tut mir leid, womit habe ich Sie verärgert?“
„Ja, sind Sie Herr Howaschitsch?“
„Nein“, sagte ich nun, spielte den leicht verärgerten. „Zollbehörde Bogenhausen, Alfons Weber. Ist das hier ein Telefonscherz?“
Dann legte sie auf. Rief bisher nicht mehr an.
Heute war ein Brief der Rentenanstalt in meinem Postfach. Ich öffnete den Brief. Mein Rentenantrag wurde abgelehnt. Was zu erwarten war. Nun bin ich wieder Freiberufler.
Bernhard Horwatitsch Der Münchner Autor und Dozent schreibt seit vielen Jahren für deutsche und österreichische Literaturzeitschriften. Seit 2004 gibt er Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Literaturgeschichte“ an der Münchner Volkshochschule und dem Münchner Bildungswerk. Gemeinsam mit Arwed Vogel arbeitet er seit 2008 als Dozent und Coach für das „freie Literaturprojekt“ (www.literaturprojekt.com). „Schreibt seit vielen Jahren dies und das und wird es auch weiter tun. Warum er das tut, hat er längst vergessen.“
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