Macht oder Ohnmacht – Die Welt im Wandel

Andreas Roß für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“




Macht oder Ohnmacht – Die Welt im Wandel

Kargheit und Leere umgeben mich. Das ist mein neues Leben. Ich sitze in einem kleinen Raum und stiere vor mich hin. Die Vergangenheit ist vergangen und dennoch wirkt sie nach. Sechs Quadratmeter gefüllt mit einer harten Liege, einem hölzernen Stuhl, einem schmalen Tisch und einer Kloschüssel ohne Brille. Warum diese fehlt, kann ich nicht verstehen. Lange habe ich darüber nachgedacht, Zeit ist derzeit nicht das Problem, und ich bin zu folgender Erkenntnis gekommen: Ein Klo ohne Brille erscheint mir wie ein Auto ohne Türen.

Diese Erkenntnis brachte mich zwar nicht weiter, warf mich aber zurück in diesen Raum, in dem noch ein kleines Waschbecken an der Wand befestigt ist und eine kratzige Wolldecke auf der harten Pritsche liegt.

Mein Aufenthalt hier soll eine Strafe sein, sagte man mir, für mich ist es dies nicht, für mich birgt er eher die Möglichkeit einer inneren Einkehr, ein Besinnen über mein vergangenes Leben. Momentan genieße ich die Zeit mit mir allein und die Ordnung in meinem Hirn, die ich ganz langsam wieder herstellen kann. Es kommt mir so vor, als defragmentiere ich meine innere Festplatte. Vieles wird an den Ort zurückgeschoben, wo es hingehört, Raum wird frei und Klarheit kann nach und nach einkehren. Zwei Dinge sind mir jetzt schon bewusst: Ich bin ein guter Vater und ich war ein guter Abteilungsleiter. Meine Familie und meine Arbeit sind und waren mir wichtig. Ich arbeitete gern und verdiente das Geld, dass man mir gab, jeden Monat aufs Neue. Ich hatte meine Abteilung selbständig aufgebaut und groß gemacht. Immer mehr Mitarbeiter kamen im Lauf der Jahre hinzu. Ein klarer Führungsstil war mir eigen, damit meine ich: Struktur, Regeln und eine gesunde Konkurrenz zwischen den Mitarbeitenden. Wir verkauften Gebrauchtwagen und ich wusste, gerade bei den kleineren Fahrzeugen sind die Gewinnchargen minimal, da kommt es auf die Menge an. Es muss verkauft werden, was das Zeug hält, da darf man nicht lange um den heißen Brei herum schwätzen. Wenn ein Käufer den Köder, den man ausgeworfen hat, neugierig inspiziert, muss man im richtigen Moment das richtige tun, um den potenziellen Käufer letztendlich zum tatsächlichen Käufer zu machen, damit er zwar noch ein wenig zappeln kann, aber den Wagen kaufen wird, und zwar für genau den Preis, den wir vorgegeben haben. Tja, so ist das. Das ist die Realität. So tickt die Welt und so sollten auch meine Mitarbeiter ticken. Wir Verkäufer müssen uns als Künstler der Manipulation sehen und unsere Kunst tagtäglich anwenden. Darin liegt unser Erfolg. Zwei meiner Untergebenen haben das verstanden und konnten meine Vorgaben so gut umsetzen, dass sie regelmäßig belobigt und mit Bild im Aufenthaltsraum öffentlich ausgehängt wurden. Andere bemühten sich wenigstens redlich. Einer allerdings weigerte sich inständig. Er war mir schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Ich hatte mir eine Woche vor meinem letzten Meeting überlegt, ob und wann ich ihm kündigen sollte. Ein Mitarbeitergespräch hatte ich angesetzt. Da darf man nicht zimperlich sein. Da muss man schnell handeln. Das war immer mein Bestreben. Meist hatte ich Erfolg damit. Diesmal war es allerdings ganz anders gekommen.

Dennoch bin ich noch immer stolz auf meine ehemalige Abteilung, nicht so stolz wie der städtische Mitarbeiter auf seinen Laubbläser im Herbst, den er gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, eher verspürte ich einen kurzzeitigen Stolz, wenn ich es aufs Neue geschafft hatte, die Verkaufszahlen des Vormonats zu toppen. Dieser Stolz und meine Arbeit waren allerdings nur ein Teil meines Lebens, ein anderer, weitaus wichtigere Teil ist und bleibt meine Familie. Ich bin glücklicher Vater einer Achtjährigen, die nun schon in die zweite Klasse geht und hervorragende Fortschritte im Lesen, Schreiben und Rechnen macht. Ganz besonders stolz bin ich darauf, dass sie jetzt schon viel besser rechnen kann, als ihre Mitschüler. Sara ist mein Augenstern. Ohne sie wäre ich blind. Ohne sie gäbe es keine Motivation und keinen Sinn in meinem Leben.

Den Job als Abteilungsleiter bin ich jetzt los. Vater bin ich noch immer und werde es immer sein. Ich werde das Beste daraus machen und wieder aufsteigen, wie der Phönix aus der Asche. Ich werde bald schon meine Tochter in meinen Armen halten und meine Frau wird mich verstehen und wird mir vergeben, da bin ich mir ganz und gar sicher.

Eines muss ich allerdings bekennen. In meinem alten Leben war ich ein Getriebener und stand mir häufig selbst im Weg, zwei Eigenschaften, die nicht so recht zusammenpassen wollen. Darüber bin ich wohl gestolpert.

Begonnen hatte alles bei diesem Meeting am vergangenen Freitag. Die Zusammenkünfte, die ich anberaume, haben klare Abläufe und es gibt Regeln, die meine Mitarbeitenden einzuhalten hatte. Eine Regel war, kein Smartphone am Konferenztisch, und wenn doch, dann sollte es ausgeschaltet sein. Es gibt nichts Ärgerliches als ein krakeelendes Gerät, während ein Kollege einen Vortrag hält. Ich empfinde dies nicht nur als störend, sondern als unverschämt, unkollegial und obendrein zeigt es mir das Kontroverse der neuen Technik. Jeder möchte allzeit und überall erreichbar sein, achtet gleichzeitig aber nicht auf seine unmittelbare Umgebung, reagiert auf jeden Piep-Ton, ist unkonzentriert und fahrig. Das Smartphone-Verbot ergibt also Sinn und meine Mitarbeiter hielten sich daran. An diesem Freitagmorgen ärgerte ich mich maßlos, denn ausgerechnet ich hatte mich nicht an meine eigenen Regeln gehalten. In meiner Jackentasche erklang das Geräusch einer eingehenden Mail.

Ich habe kein WhatsApp, beteiligte mich nicht an diesem Facebook-Freundschafts-Gemogele, noch will ich mich auf irgendwelchen Filmchen in Instagram oder TikTok sehen. Ich vertraue auf anständig formulierte E-Mails. Das ist meine Verbindung zu anderen in diesem alles überspannenden Word-Wide-Web. Früher versuchte ich noch, meine Kontakte telefonisch zu pflegen, damals gab es weniger Missverständnisse, aber es war auch sehr zeitaufwändig und wenn ich als Abteilungsleiter eines nicht mehr hatte, dann war es: Zeit.

Am letzten Freitag bei diesem verfluchten Meeting meldete sich mein Smartphone. Ich grapschte danach und schaute auf das Display. Die E-Mail war kurz und prägnant. Das wird dich sicher interessieren, stand dort geschrieben. Nichts weiter sonst. Allerdings gab es einen Anhang mit mehreren Bildern. Reflexartig tippte ich das erste Bild an und schreckte zurück, als mein Hirn wahrnahm, was die Millionen Pixel zeigten. Am liebsten hätte ich das Smartphone sofort aus dem Fenster geworfen, wäre geflohen und hätte Gott einen guten Mann sein lassen, aber leider war das Fenster nicht offen und ich war eingeschlossen in diesem Konferenzraum mit diesen Mitarbeitenden, die schlagartig zur Nebensache verkamen. Ich war paralysiert, nicht mehr anwesend in dieser Welt. Nichts anderes war wichtig, als dieses Bild und die Konsequenz, die es beinhaltete. Es durfte nicht sein, was ich gesehen hatte und, wenn es doch real war, dann musste es so schnell wie irgend möglich beendet werden, und zwar jetzt! Sofort!

Ich suchte nach einem Ausweg und mir fiel lediglich die Toilette ein. „Ich habe wohl zu Mittag etwas Falsches gegessen“, warf ich in die Runde. „Bitte diskutiert TOP 4“, gab ich als Aufgabe. Dann verließ ich eilig die Runde und starrte auf der Toilette sitzend lange Zeit auf das Display. Die Neugierde zwang mich, auch die anderen beiden Dateien zu inspizieren. Die Bilder, die sich in meine Netzhaut eingebrannt hatten und das daraus resultierende Gefühl, kann ich auch heute nicht loslassen. Sie sind ein Teil von mir geworden und quälen mich täglich und vor allem nachts. Es ist schon eigenartig, wie real seelischer Schmerz körperlich wahrnehmbar sein kann. Würde ich körperlich gefoltert, könnte ich mich vielleicht noch befreien, dem Folterknecht das glühende Eisen aus den Händen schlagen und ihm das antun, was mir angetan wurden, bei der seelischen Folter bin ich allerdings mein eigener Folterknecht, ohne Aussicht auf Besserung.

Auf den Bildern ist mein Nachbar zu sehen, der erst vor ein paar Monaten in das Haus neben unserem gezogen ist. Erst war er mir gar nicht aufgefallen, dann hatte ich es in der Zeitung gelesen. Anfänglich war es mir egal. Ich hatte wenig Kontakt zu ihm, er selbst trug dazu bei, denn er versteckte sich in seinem neuen Zuhause wie ein geschlagenes Stück Vieh und das hatte seinen Grund. Lange Zeit konnte sich die Gesellschaft vor ihm schützen, sie hatte ihn mit einem rechtsgültigen Gerichtsurteil weggesperrt. Das war auch gut so, aber irgendwann geht jede sinnvolle Phase vorbei. Die Justizvollzugsanstalt musste ihn gehen lassen, seine Sozialprognose war gut und er hatte sich erfolgreich auf den Vollzugsprozess und den damit verbundenen Resozialisierungsmaßnahmen eingelassen. Das stand zumindest in den Akten, die mir vor Kurzem vorgelesen wurden. Herr Meyer habe den größten Teil seiner Strafe verbüßt, er sei geständig und reumütig. Sein Anwalt habe einen Antrag auf Entlassung nach zwei Drittel der verbüßten Haftstrafe gestellt. Die Voraussetzungen für eine vorzeitige Entlassung lägen dann vor, wenn die Entlassung unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit, der Tat, der Persönlichkeit und der Entwicklung des Täters während des Strafvollzugs verantwortet werden könnte. Diese Bedingungen seien erfüllt, entschied ein Gericht und so wurde die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt. Herr Meyer verhielt sich unauffällig, was mich nur anfänglich beunruhigte, später dann vergaß ich ihn, was bestimmt in seiner Absicht lag und fatale Folgen brachte. Ich hatte genug mit meiner Abteilungsleitung und meiner Familie zu tun. Herr Meyer war für mich unsichtbar geworden, bis zu diesem verdammten letzten Freitag. Da war er wieder aufgetaucht, auf dem Display meines Smartphones und mit ihm, meine – über alles geliebte – Tochter, schreiend und …

nackt.

Weitere Details kann und will ich weder heute noch irgendwann in Worte fassen. Was ich auf den insgesamt drei Bildern sah, ist lediglich erfühlbar und das Gefühl bereitet mir auch heute noch mehr Schmerzen, als Herdplatten, Zangen, Schrauben, Nägel und Dornenkronen es tun könnten.

Als ich die Bilder anschauen musste, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es war, als würde ein Sack über meinen Kopf gestülpt und ein Strick um meinen Hals gelegt werden. Ich war gefangen und hatte mich erst einmal aus der Enge der Toilette befreien müssen. Aus meinem inneren Gefängnis konnte ich nicht fliehen, keine Chance, aber dieses verdammte Klo, das musste ich verlassen, das war mir klar. Warum waren diese Büroklos so unverschämt eng? Mit jeder Bewegung stößt man an einer der vier Wände und kann kaum die Tür öffnen, wenn man hektisch und kopflos ist. Endlich schaffte ich es und stürmte nach draußen. Mir war es egal, was meine Mitarbeitenden dachten oder worüber sie sich anschließend ihre Mäuler zerreißen würden. Ich wollte mit niemandem reden, ich brauchte Bewegung und ich musste den Plan verfolgen, der sich mir aufgedrängte. An diesem Freitagmittag gab es keine andere Möglichkeit, keinen anderen Gedanken. Es war ein Tunnel, indem ich mich bewegte, ein Tunnel mit nur einem Ausgang. Ich fuhr zu meinem Nachbarn und klingelte. Einmal, zweimal, mehrmals. Dann schlug ich gegen die Tür, solange bis mir geöffnet wurde. Nackte Füße in Slipper, Jogginghose, faltig und verkrustet im Schritt und ein ehemals weißes Unterhemd aus Feinripp erschienen vor mir. Ich schrie nicht sofort los. Ich streckte lediglich mein Smartphone in seine Richtung und somit auch das Bild auf dem Display. Sein Blick fiel kurz darauf, dann schüttelte er mit dem Kopf. Seine Augen wirkten traurig, seine Lider hingen, aufgedunsen war sein Gesicht, wahrscheinlich zu viel Alkohol, dachte ich mir und warte auf irgendetwas, vielleicht Worte, Erklärungen, vielleicht auch ein Gesichtsausdruck des Ertappt-worden-Seins, ein Fluchtversuch, ein Verstecken vor der Realität. Nichts. Nichts von all dem geschah. Er bat mich in seine Wohnung, was vielleicht ein Fehler gewesen war, ein Fehler, den er letztendlich mit dem Leben bezahlen musste. Er führte mich durch einen langen Flur, vorbei an der Küche. Mein Blick verhakte sich an dem riesigen Messerblock, der dort neben der verschmierten Mikrowelle stand. Ein Film lief in meinem Kopf ab, ein Film mit einem grausamen Soundtrack. Mein Nachbar führte mich ins Wohnzimmer. Er fragte, was in trinken wolle. Ich wollte nichts trinken. Ich wollte ihn zur Rede stellen. Er sagte, es sei ein Missverständnis, er hätte nicht … .

Genau das wollte ich nicht hören. Ich ließ ihn stehen, wollte das Haus verlassen, konnte nicht an der Küche vorbeigehen, bin hineingegangen, zog das größte Messer aus dem Block und rammte ihm den Stahl der Klinge immer wieder in den Unterleib – und es war gut so.

Als ich nach Hause kam, blutverschmiert, aber glücklich, teilte ich meiner Tochter mit, alles sei nun in Ordnung, sie müssen keine Angst haben und nichts mehr erleiden. Sara blickte mich mit ihren großen Augen an, verständnislos und verunsichert. „Hast du dich verletzt?“, fragte sie mich erschrocken und kuschelte sich dann in meine Arme. Ich drückte sie an mich, achtete darauf, meine Hände nicht an ihr abzuwischen und ging anschließend zu meiner Frau. Auch hier Unverständnis und fragende Blicke.

An der Tür klingelte es. Die Schreie meines ehemaligen Nachbarn im Todeskampf hatten wohl irgendwelche Passanten veranlasst, die Polizei zu rufen. Ich wurde festgenommen, wurde auf das Revier geführt und verhört. Ich habe meine Sichtweise der Wahrheit dargelegt, war aufgeregt, voller Emotionen und fühlte mich vollständig im Recht und unangreifbar, solange bis sich mein Smartphone erneut meldete. Es war mir noch nicht von der Staatsgewalt abgenommen worden. Reflexartig, wie viel zu oft in meinem Leben, schnappte ich danach und schaute auf die Nachricht. Ich öffnete die Mail, trotz des hieroglyphischen Absenders, und las die Sätze, die ich nicht verstand, weil ich nichts damit anfangen konnte. Einer der beiden Kriminalkommissare nahm mir das Smartphone aus den Händen, schaute auf das Display und las: „Na, du Arsch. Wie fühlst du dich? Ich will dich nicht dumm sterben lassen. Die Bilder wurden von einer KI erstellt. Sie sind nicht echt. Ich hoffe, sie haben gewirkt und dir einen gehörigen Schreck eingejagt. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag.“





Andreas Roß, geboren 1962, verheiratet, zwei Söhne und von Berufswegen als „Mundwerker“, also Sozialarbeiter, unterwegs. Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen sind fünf Kriminalromane erschienen. Mitglied im „Syndikat“ und der Literaturgruppe „Poseidon“.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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