Bernd Watzka für #kkl30 „Macht & Ohnmacht“
Post-anthropozentrische Tiergedichte
Der Eisbär oder Crowdfunding am Polarkreis
„Ich brauch dringend, hört mir zu,
vierzigtausend Euro, dann ist Ruh!“,
brummt der Eisbär aufgeregt,
als ob es um sein Leben geht.
Doch wie bekommt man so viel rein?
Der Eisbär lädt zum Crowdfunding ein.
„Ich fleh euch an, macht mit beim Projekt.
Was hör ich, mein Plan ist euch suspekt?
Ihr fragt euch, wofür in aller Welt
braucht ein Eisbär so viel Geld?
Nun, ich verrat’s euch voll Verdruss:
So viel kostet ein tödlicher Schuss.
Mit Vierzigtausend kauf ich mich frei,
rette mein Leben vor der Jägerei“,
erklärt das hoffnungsfrohe Tier.
Ein Jäger hat es längst im Visier.
Isegrim auf Instagram
Wolf Isegrim, der heult vor Gram,
seit er sich sah auf Instagram.
Er ist erschüttert und entsetzt,
sieht seine Rechte grob verletzt.
Fotos von ihm gehn um die Welt,
ein anderer macht damit Geld.
In Isegrim erwacht der Zorn,
schon hat er Rache sich geschwor‘n.
Er läuft zum Insta-Firmensitz,
sagt: „Zuckerberg, das ist kein Witz!“
Er packt den Chef und frisst ihn auf –
ist alles schon auf Insta drauf!
Der Schneeleopard
Ich bin der Schneeleopard,
der letzte meiner Art.
Schlepp mich über Felsgestein,
die Hitz‘ ist meine größte Pein.
Ein Sturm tobt dann und wann,
fühlt sich nicht wie früher an.
Träume, die versiegen,
haben verlernt zu fliegen.
Ein Schmerz packt meine Brust,
längst vorbei ist jede Lust.
Hab keine Kraft zu weinen,
will mit den Ahnen mich vereinen.
Doch niemand ist hier, o weh,
dem ich noch sagen könnt: Ade.
So lausch ich endloser Stille,
dies ist mein allerletzter Wille.
Das Angorakaninchen
Ich leb auf einer Kaninchen-Farm
in Blut und Tränen – Gott erbarm.
Im Drahtkäfig vegetier ich dahin,
kein Sonnenstrahl kommt zu mir hin.
Viermal im Jahr, das sollt ihr wissen,
wird mir das Fell hier ausgerissen.
Dann frier ich, furchtbar entstellt,
mein Pelz geht derweil um die Welt.
Der Geldmacherei gilt euer Streben;
nur dafür hält ihr mich am Leben.
Mein Schicksal lässt euch völlig kalt,
solange mein Fell wärmt jung und alt!
Der Dürer-Hase
Seit mehr als fünfhundert Jahren
hock ich hier und warte drauf,
dass irgendwann mal was passiert.
Vielleicht strahl ich Ruhe aus;
doch Leute, bitte irrt euch nicht –
in mir brodelt ein Vulkan.
Der Rahmen ist mir viel zu eng;
nicht mal ein Quadratmeter Platz!
So viel zum Thema artgerecht.
Doch heut ist es soweit: Ich spring raus,
verlass das Aquarell. Warum?
Meines Zornes Grund verrat ich gern:
Ich sah Millionen Europäer,
Chinesen, Amis und Japaner,
auch Russen, Inder und Araber.
Das ist ja alles gut und schön –
doch ich möcht ein Mal im Leben
einen anderen Hasen seh‘n.

Bernd Watzka
lebt und arbeitet in Wien als Lyriker, Dramatiker und Kulturjournalist. Studium Germanistik, Mag.phil.
Aktuelle Lese-Termine, Fotos und Videos: facebook.com/bernd.watzka
LYRIK / VERÖFFENTLICHUNGEN
2023
Tiergedichte in der Anthologie „Damals … auf der Arche Noah“ (2023) von Martina Meier (Hrsg.)
Tiergedichte im Poesiealbum 1/2023 („Klimawandel mit Donnerwetter“), in der Literaturzeitschrift etcetera (März-Ausgabe), auf kunstkulturliteratur.com, auf verdichtet.at und auf Radio Orange (22. 1., 11 Uhr)
Tiergedichte in der Online-Ausgabe der Zeitung Wiener Bezirksblatt
2022
Tiergedicht „Zwei Amseln“ im Wandkalender 2023 des Krogg Verlag
Tiergedichte in der 8. Anthologie des Bubenreuther Literaturwettbewerbs
Mehrere Tiergedichte regelmäßig auf verdichtet.at
Tiergedichte „Das große Fressen“, „Die Urzeitkrebse“ und „Die Läuse oder Das Blut des Wirtes“ in der Anthologie „Das große Mahl“ der Literaturzeitschrift Podium
Tiergedichte „Das liebe Gnu“ und „Der Panther (nach Rilke)“ in der Zeitschrift der schule für dichtung „sfd & tiere“Tiergedicht „Der Kranich aus Kiew” aus dem Tiergedichte-Zyklus „Wenn Wale weinen“
in der Anthologie des Ulrich-Grasnick-Lyrikpreises
Tiergedichte in der Online-Ausgabe der Zeitung Wiener Bezirksblatt
LYRIK / LESUNGEN
2023
Das LOKal (20.4.)
Das Dorf (30.3.)
Kunstraum Stand 129 (16.3.)
GenussSpiegel Atzgersdorf (9. 3.)
Bezirksmuseum Brigittenau (23. 2.)
Amtshaus Simmering (14. 2.)
2022
Bezirksmuseum Neubau, 12. 10. 2022, „Wettrennen zwischen Schreibmaschine und Teddybär“
Bezirksmuseum Landstraße, 5. 10. 2022, „Wettrennen zwischen Schreibmaschine und Teddybär“, Doppellesung mit Wolfgang Glechner.
Read!!ing room, 2. 9. 2022, Lesung aus „Wenn Wale weinen”
Stuthe Quickie Open Stage, 12.11., 16.7. und 7. 5. 2022. Lesungen aus „Wenn Wale weinen“
Open-Stage Cafe Baharat, 24.11., 2. 6. 2022, Lesung aus „Wenn Wale weinen“
Ideenlandebahn, 28. 4. 2022. Lesung aus der Tiergedichte-Sammlung „Wenn Wale weinen“
1993: Beginn der Arbeit an Tiergedichten, Fortsetzung 1996 und 2022
1980er- und 1990er-Jahre: Lesungen und Publikationen in Literaturzeitschriften in Leoben (Stmk.)
BÜHNENSTÜCKE (Auswahl)
HÖDLMOSER, UA 2022. Teilnahme am Festival „steirischer herbst 22“
SANDLAND, 2021. Preis der Akademie für gesprochenes Wort (Ute Kutter Stiftung/PEN Zentrum)
Feuersalamander 451, UA 2018, Eingeladen zu den Heidelberger Theatertagen 2019
Penthesilea, Publikumspreis beim Dramenwettbewerb „Salz 3“ des Theaters Lüneburg (D) 2013
Penthesilea’s Pussy In Great Riot: Publikumspreis beim Dramenwettbewerb „Salz 3“ des Theaters Lüneburg (D), 8.6.2013, Aufführungen: Favoritner Kultursommer, Mimamusch 2013
Occupy Burgtheater! am 3.6.2013 (Regie: Steffen Jäger), Finalteilnahme beim Dramen-Wettbewerb „Empört euch“ (98 Einsendungen) im Theater Drachengasse.
KUNSTINSTALLATION: SCHLECHTWETTERMUSEUM, Sommer 2019 Mödling, Herbst 2019 – 2022 in Wien-Mariahilf, ab März 2023 im NONSEUM (NÖ)
AUSZEICHNUNGEN UND STIPENDIEN
Vielzahl an Arbeitsstipendien, Dramatikerstipendien, Bezirksförderungen und Förderungen
Preis beim Wettbewerb „Vinum et Litterae 2009“ für das Dramolett „Penthesilea“. Jury: Ulrike Beimpold, Gerhard Tötschinger, Cornelius Obonya. Gelesen in Krems, Oktober 2009
Preis bei der Internationalen ORF-Hörspieltagung in Rust für „Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes“ (1994, mit Nadja Maleh)
DIVERSE VERÖFFENTLICHUNGEN
Veröffentlichung des Kurzdramas „Sandland” in der Anthologie „Wächst das Rettende auch?”
(Hg.: Thomas Knubben, Uta Kutter, Hubert Klöpfer, Kröner Verlag, 2021)
Kurzdramen in den „Freiberger Leseheften” (D), Nr. 6 (2003) und Nr. 7 (2004)
Veröffentlichungen in Literaturzeitschrift „Federstiche“ 1990er-Jahre
Lyrik-Preise beim Künstlerischen Wettbewerb der Universität Leoben, 1980er-Jahre
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