Bernhard Zilling für #kkl31 „Orientierung“
Wenn ich mir eine Zeitung vornehme
Das heißt eine, die ich gekauft habe, oder eine, die jemand auf seinem Sitzplatz im Zug liegen gelassen hat, die also auch von jemand gekauft wurde, den ich nicht kenne, aber eben gekauft worden ist und der damit seinen Beitrag dafür geleistet hat, dass auch in Zukunft weiter auf Papier gedruckte Zeitungen erscheinen werden. Der sie dann gelesen, vielleicht sogar schon einige Artikel herausgerissen und mitgenommen hat, weil die Zeit während der Fahrt nicht ausreichte, um alles Wichtige zu lesen, aber es ist noch genügend da, um das Ganze als eine Zeitung erscheinen zu lassen, dann fange ich entweder auf der Titelseite oder ganz hinten an. Oder ich nehme mir einen Teil heraus und lese diesen entweder von vorne oder von hinten. Das hängt stark von meiner Stimmung ab. Wenn ich von vorne lese, weiß ich, dass ich mir fürs Lesen so viel Zeit nehmen kann, wie ich möchte. Lese ich von hinten, springe ich unruhig von einer kleinen Meldung zur nächsten. Auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen. Aber nie fange ich irgendwo in der Mitte an. Und ich weiß nicht einmal warum.
Wenn ich bedenke, wie wenig ich mich später noch an das erinnern werde, was ich in einer Zeitung gelesen habe, dann wundert es mich, dass ich, wenn ich ein neues Exemplar vor mir habe, immer wieder diesen Anspruch fühle, alles, was in dieser Ausgabe veröffentlicht ist, zu lesen – oder zumindest alles, was mich interessiert.
Aber die Informationen, die später zu wissen wichtig wären, lassen sich leider nicht beim ersten Lesen erkennen. Sie sind sozusagen völlig unsichtbar zwischen den anderen Informationen, die ich niemals brauchen werde, verborgen. Zeitung lesen bedeutet, wenn ich es mir genau überlege, ein Suchen nach etwas, das in der Zukunft von Nutzen sein kann. Da ich aber nicht weiß, was in Zukunft an Informationen für mich von Vorteil sein werden, muss ich eben viel mehr lesen und speichern, in Form von gedanklichen Links zwischenspeichern, als ich dann schließlich benötige. Das ist das Problem, aus dem sich vielleicht auch der Anspruch auf das Alles-Erfassen-Wollen ergibt.
Meist denke ich viel zu wenig darüber nach, wie in einer Zeitung diese Texte und Bilder inszeniert sind. Und das sind sie, weil auch die ganze Politik, die Wirtschaft, die Kultur und alles andere, worüber dort zu lesen ist, von deren Protagonisten inszeniert wird. Aber die Layouts der Zeitungen machen einen Eindruck von Seriosität, von in gedruckter Form nun verbindlich gewordener Weltordnung, einer Ordnung durch redaktionelle und verkaufsorientierte Vorauswahl.
Mitten durch jedes Doppelblatt verläuft von oben bis unten ein Falz. Er ist nötig, damit die Blätter einzeln daher kommen und weil es so einfacher ist, das Papier zu bedrucken. Auf den Druckwalzen stoßen an den Kanten der beiden späteren Seiten Nachrichtenblöcke aufeinander, die nach der Faltung einer anderen inhaltlichen Ordnung folgen. Aber das wird durch die Falzung verborgen gehalten. Die Zeitung erscheint in der Formung als richtig und verbindlich, in der sie beim Händler ausliegt oder im Briefkasten der Abonennten ankommt.
Man kann auch sagen, die Welt der Nachrichten wird nach einem bewährten Prinzip aufgeklappt. Das hat eine lange Tradition, war schon bei römischen Wachstäfelchen so, nur davor bei den ägyptischen Papyrusrollen nicht. Man faltet oder bindet das Wissen gerne hinten zusammen, damit es nicht auseinander fällt (das darf es nur in der neuen deutschen Schreibweise!). Ausgenommen davon sind nur Flugblätter und Anschlagszettel. Ihr Nutzungszeitraum gilt als zeitlich eng begrenzt.
Alle Zeitungen leben von ihren Headlines. Daraus lässt sich schließen: Es stecken nicht nur Köpfe, sondern sogar ganze Körper in den Zeitungen, in jedem Artikel mindestens einer. Aber Fußnoten gibt es hier nicht. Für Marginalien, die korrespondierend zu Fußnoten vielleicht besser „Handränder“ heißen sollten, wäre dagegen genügend Platz vorhanden. Deshalb frage ich mich umgekehrt, warum wird eigentlich nicht bis an den Rand geschrieben und gedruckt? Ich habe noch nie jemand Notizen an den Rand einer Zeitung schreiben sehen, höchstens Hervorhebungsstriche. Ist das also der Grund für diese Platzverschwendung?
Papier hat den Vorteil, zwei Seiten zu haben. Also kann auch hinten was drauf stehen. Daraus ergibt sich jedoch ein Problem: Denn so könnten die beiden Texte – Rücken an Rücken gedruckt – einen inneren Zusammenhang erhalten, könnten so zu einer gegenseitigen Kommentierung werden. Denn immerhin ist von den Redaktionskonferenzen diese Aufteilung entschieden worden, sicher nicht ohne Grund. Denn alles in einer Zeitung hat seine Ordnung. Deshalb ist Seite 2 nicht Seite 1 und Seite 7 kann nur hinter 6 und vor 8 stehen. Da macht sich eine Wertung der Welt der Informationen breit, die nur dadurch ausgeglichen werden kann, dass behauptet wird, auf Seite 11 gehe es angeblich um ein ganz anderes Thema, Wirtschaft zum Beispiel. Aber das stimmt nicht. Zeitungen haben in ihrer Zwanghaftigkeit zur Ordnung der Dinge etwas Lehrerhaftes. Da wird jeder Satz bewertet und benotet. Nicht von eins bis sechs, versteht sich, sondern von der ersten bis zur letzten Seite. Kultur kommt üblicherweise immer nur irgendwo weit hinten vor. Und wenn es um die Verteilung öffentlicher Gelder geht, ist das genauso. Man könnte deshalb den Zeitungen den Vorwurf machen, dass sie dazu beigetragen haben, die Kultur in die hinteren Ränge zu verweisen, kurz vor die Unterhaltung und die Seite mit den kuriosen Meldungen, die wie ein wilder Haufen Gemüse daherkommt, den eine Hausfrau gerade für einen Eintopf aus dem Garten geholt hat. Hier landen aber in Wahrheit alle Nachrichten, die sich nicht so einfach einordnen lassen. Nach der ganzen Ordnung von vorne bis kurz vor Schluss also eine Seite wildes Leben, Chaos, Anarchie.
Nur zeigt sich beim Lesen leider, dass diese Damen und Herren Buchstabenökonomen mit dem richtigen Leben nicht umgehen können. Ich finde, jede dieser Meldungen hat verheerende inhaltliche Mängel und die meisten sind angesichts der vielen anderen gedruckten Worte auf den vorherigen Seiten einfach auch zu kurz. Nicht einmal die wirklich wichtigsten Fragen beispielsweise nach den genauen Umständen beim Sturz eines betrunkenen Autofahrers in den Krater eines erloschenen Vulkans, oder nach der Vorgehensweise einer Frau, die jahrelang und schließlich erfolgreich ihren verschwundenen Ehemann gesucht hat, werden erklärt. Ich erfahre nicht, warum ein Flohzirkus, der seinem Eigentümer vom Zoll eines kleinen Landes beschlagnahmt wurde und wie er dann doch noch zu seinem Herren zurückfand, oder warum ab nächsten Monatsanfang Elefanten in Indien das Autofahren verboten sein wird. Auch nicht, warum gerade in Neuseeland die ersten Schafe mit Schwimmhäuten zur Welt gekommen sind, warum ein Kind mit seinem Handy Signale aus dem Weltall empfangen hat.
Da, wo es interessant werden würde, da hört bei den Zeitungsmachern die Phantasie auf. Die würden das Wort auch nicht so altmodisch schreiben wie ich.
Dann liegen sie da, die Zeitungen, meist geviertelt und türmen sich auf. Ich weiß, wenn ich sie wegwerfe, bin ein braver, recyclingfreundlicher Bürger, der für den Nachschub an Küchenrollen und Toilettenpapier sorgt. Das heißt, ich kaufe die Zeitung dann noch einmal, nur in anderer Form. Alle Informationen sind garantiert chlorfrei herausgebleicht. Es ist der reine Stoff, die Zeitung pur, etwas dicker als zuvor, aufgeschäumt oder wie man das nennt, mit Luft drin, damit das ehemalige Zeitungspapier jetzt gut saugen oder leicht zerfallen kann und nicht den Abfluss verstopft.
Fragt sich nur, wie lange wir uns das mit den Wassertoiletten noch leisten können… Und was geschieht dann mit den alten Zeitungen – und den neuen, die sich nicht verkaufen ließen? Werden auch Zeitungen an die „Tafeln“ geliefert, damit die Armen nicht ganz auf gedruckte Informationen verzichten müssen? Ich weiß es nicht. Mancher von den Obdachlosen nutzt Zeitungen als Schutz gegen Kälte. Das ist vielleicht die beste Aufgabe, die so ein Blatt haben kann.
Frisch gedruckt riechen sie nach Überraschung. Oder ich verknüpfe in meinem olfaktorischen Gedächtnis Überraschung mit Druckerfarbe. 50, 80 Cent, 1,20 Euro oder noch mehr für eine Stunde Besuch auf dem Jahrmarkt der globalen Besonderheiten. Aber schon bald folgt die schmerzliche Ernüchterung. Die Zuckerwatte schmeckt nach Korruption, am Schießstand darf nur auf bestimmte, schon von den Redakteuren zum Abschuss freigegebene Politiker gezielt und nicht geschossen werden. Denn die Meinungsgewehre enthalten in befriedeten Demokratien üblicherweise keine echte Munition. Die Achterbahnfahrt durch die Informationen hat in den Tälern nur Hunger und Seuchen zu bieten und auf den Höhen ausschließlich für die Reichen unter den Mitfahrenden Shareholder-value-Profite. Die Geisterbahn bietet das stets gleiche Spektakel aus Klimaverschlechterung und Weltuntergang. Das klapprige Gespenst in Weiß, das so Furcht erregend apokalyptisch erscheinen will, bietet in seiner nostalgischen Aufmachung nur Anlass zum Spott. Die gesamte vorgeführte Horror-Staffage ist so alt wie das Zeitungsgewerbe selbst. Durch die neuen, schon wieder zerschlissenen Bezugsstoffe lassen sich die alten Schichten früherer Klischees der Nachrichtengeschichte erblicken: Hochwasser, Brände, Sprengstoffexplosionen, Raub und Überfälle, Mord, Geldverschwendung, Aufrüstungspläne, Ehekräche.
Da sage ich nur: Willkommen in dem, was sich der Zirkus des Lebens nennt. Sehr geehrtes Publikum, Ihr habt dieses Blatt doch nur gekauft, um Euch Eure Vorurteile bestätigen zu lassen. Oder warum seid Ihr danach süchtig wie andere nach Bier und Zigaretten? Ist im Grunde egal, was da steht, Hauptsache, es wird wieder voll tönend auf der Klaviatur der Sensationen gespielt?
An Deck mit Euch, Matrosen aller modernen Narrenschiffe! Zeigt her Eure Zeitungen! Jetzt und hier ist die beste Möglichkeit, sich schuldig zu bekennen, den Journalisten in der Vergangenheit ihre Lügen geglaubt zu haben! Jetzt und hier ist Zeit und Gelegenheit, beim Blick übers echte Meer die eigenen Augen von den gedruckten Zeilen zu lösen und die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist. Schwört ab dem Geist der Nachahmung des Vorgedruckten! Bekennt Euch wieder zu Eurem wahren Dienstherrn: Immanuel Kant! (Und vergesst nicht, dazu einen guten Schluck Hegelwein zu trinken, damit sich auch der antithetische Körper mit den zwei Beinen und den zwei Armen und dem Labyrinth der Verdauung an eigenen neuen Erkenntnissen erfreuen kann!)
Bernhard Zilling
„Zu mir und meiner Arbeit finden Sie mehr auf meiner website
bernhard-zilling.de „
