Asphalt-Gespräche

Michaela Golser für #kkl31 „Orientieurng“




Asphalt-Gespräche

Es donnerte in der Ferne. Das Neonlicht der Anzeige färbte die Straße pink.

Gutenacht Silver.

Gutenacht Joe.

Das Klackern der Absätze auf dem Gehweg hallte an den Wänden wider. Eine angenehm warme Brise durchzog die Gasse und fuhr mir in die Haare. Um die Ecke zündete ich die Zigarette an, atmete tief ein, ließ den Geschmack des Tabaks durch meine Lungen wandern und stieß den weißen Rauch aus, der in die dunkle Nacht stieg.

Meine Augen brannten, die Uhr auf dem Handy leuchtete auf.

03:00

Es war zu früh, um nach Hause zu gehen und schlafen konnte ich nicht um die Zeit. Ich würde also wie immer, wenn in der Bar nicht viel los war, zu Hause auf meinem Sofa in den Röhrenkasten glotzen, durch die Kanäle schalten und so tun, als würde mich interessieren, was die Figuren sprachen. Die Balkontür offen, damit der Rauch der Zigaretten fliehen konnte, auf dem Couchtisch eine Tüte Chips und daneben eine Dose Cola oder Ottakringer. Je nachdem, was der Kühlschrank hergab.

Es war wenig los um die Zeit. In meiner Straße schalteten die Menschen sittsam nach den Abendnachrichten, um zehn nach Zehn, ihre Lichter aus, um Strom zu sparen, zogen ihre fleckenfreien Vorhänge zu und legten sich zu ihrem Partner ins Bett. Wenn sie noch vögelten, dann nur er oben, während sie das Nachthemd anbehielt und an die Decke starrend die Einkaufsliste durchging. Wenn sie, aber vermutlich eher er, dabei stöhnte, hörte man das nicht, denn die Fenster wurden vorher geschlossen, die Schlafzimmertür ebenfalls, und man achtete darauf, dass die Hausordnung nicht verletzt wurde.

Wenn sie könnten, hätten sie mich schon längst vor die Tür gesetzt, aber die Wohnung gehört mir. Der Wichser, der meine Mutter für eine Zwanzigjährige verlassen hat, versuchte, mit diesem Geschenk bloß sein Gewissen zu beruhigen.

Du kannst dort wohnen, Medizin studieren. Es wird dir in Wien gefallen.

Es gefielt mir in Wien. Auch wenn ich das Studium schon längst an den Nagel gehängt hatte. Ich würde bleiben und meine Nachbarn würden sich auch weiterhin mit lauten Sexgeräuschen, wilden Partys und einer Menge leerer Bierdosen am Balkon zufriedengeben müssen.

Ich überquerte die Ampel und bog in eine Seitenstraße ein, als ich plötzlich vor mir am Boden, mitten auf dem Asphalt einen Körper liegen sah. Drogentote waren hier in der Nähe des Suchtmittelzentrums nichts Ungewöhnliches, doch normalerweise hatten sogar diese verlorenen Seelen Anstand genug, sich wenigstens zu einem Häusereingang zu legen. Es konnte ein Student sein, der seinen Rausch in diesem komatösen Zustand ausschlafen wollte, auch das kam häufiger vor, jedoch verhielt es sich mit Studenten so, dass man einen allein selten zu Gesicht bekam.

Ich näherte mich und ließ meinen Blick über die Figur wandern. Blut sah ich nicht. Meine Augen hatten sich bereits so sehr an die Dunkelheit gewohnt, dass ich eindeutig einen Mann erkannte.

„Hey, alles gut bei dir?“, rief ich ihm zu. Ich wollte nicht näher treten, als unbedingt notwendig. Es war nicht die Angst vor dem Unbekannten, die mich zögern ließ. Wenn man in meinem Milieu arbeitete, war man es gewohnt mit rauen Männern umzugehen und es gab wohl nichts, was ich noch nicht gesehen, oder erlebt hatte.

„Ich habe die Orientierung verloren.“

Die sanfte Stimme löste meine Vorsicht in Luft auf und ich trat noch einen Schritt näher. Der Mann starrte mit offenen Augen in den Himmel. Er lag auf seinem Rücken, hatte Arme und Beine weit von sich gestreckt.

„Wenn du mir sagst, wo du hinwillst, kann ich dir vielleicht helfen.“

„Das weiß ich nicht.“

„Du wirst wohl wissen, wo du hinwillst? Soll ich dir helfen, nach Hause zu finden?“

Der Mann trug eine Jeans, ein schwarzes T-Shirt und weiße Sneakers. Er wirkte weder wie ein Obdachloser, noch wie ein Drogensüchtiger. Vermutlich also ein Student. Was mit seinem Alter aber nicht hinkommen konnte, er wirkte zu alt, um noch die Schulbank drücken.

„Nein. Mein Zuhause habe ich nicht verloren. Nur meine Orientierung.“

Ich starrte ihn einige Sekunden mit offenem Mund an, zuckte schließlich mit den Achseln und drehte mich weg. Er wollte nicht, dass ich ihm half. Auch gut.

Doch ich kam keine zwei Schritte, da drehte ich wieder um.

„Hör mal. Menschen, die sagen, sie haben ihre Orientierung verloren, möchten normalweise, dass man ihnen hilft, die Orientierung wieder zu finden.“

Keine Ahnung, warum ich ihm helfen wollte, aber ich konnte ihn ja kaum hier seinem Schicksal überlassen. Die Straße wurde nachts zwar so gut wie nie befahren, doch ich wollte nicht morgen in der Zeitung von einem lesen, der unter die Räder gekommen ist, weil ich ihm nicht helfen wollte.

„Kannst du mir helfen meine Orientierung wieder zu finden?“, fragte er mich, rührte sich aber nicht von der Stelle.

„Keine Ahnung. Wir werden sehen. Wir sind hier im siebten Bezirk. Wenn du diese Straße da lang gehst, kommst du zur Mariahilfer. In dieser Richtung liegt der Westbahnhof und … Es ist schwer, wenn ich nicht weißt, wo du hinwillst.“

„Weißt du denn, wo du hinwillst?“

„Nach Hause. Es ist spät, also werde ich nach Hause gehen, mich in die Falle werfen. Und nein, du kannst nicht mit zu mir!“

Obwohl er nicht der Erste gewesen wäre, der mich nach einer langen Schicht nach Hause begleitete, wollte ich heute nur noch meine Ruhe. Außerdem wusste ich nicht, ob Helli sich nicht mit dem Zweitschlüssel eingelassen hatte und ich konnte gut auf meinen eifersüchtigen Ex und seine Szenen verzichten, wenn ich mit einem anderen da auftauchte. Genau so eine Geschichte war nämlich der Grund, warum er überhaupt mein Ex war. Er hielt es für unangebracht, wenn ich die Arbeit mit nach Hause nahm und ich hielt es für unangebracht, dass er mir irgendetwas vorschreiben wollte.

„Nein, ich meinte … Wo willst du hin im Leben?“

„Das wird das hier also? Hast du deine Midlife-Krise? Junge, das könntest du doch viel bequemer irgendwo in einer Bar haben, mit einem freundlichen Cocktail in der Hand, als hier am Boden.“

Warum auch immer, aber ich ging neben dem Typen in die Hocke, zog meine Pumps aus und legte mich neben ihn. Ich erkannte einzelne Sterne, dunkle Wolken zogen über den Himmel, es würde bald regnen.

„Keinen Plan. Hab noch nie darüber nachgedacht.“

„Noch nie?“

Ich holte aus der Tasche die Zigaretten raus, steckte mir eine in den Mund und hielt sie meinem Asphalt-Kollegen entgegen, der eine nahm, ehe ich sie anzündete.

„Ich denke, oft ist es besser, nicht zu viel darüber nachzudenken. Sonst endet man noch mitten in der Nacht auf einer Straße.“ Ich stieß ihn sanft mit dem Ellbogen und schmunzelte. „Und nachdenken hat ja noch nie was an der Situation geändert. Wenn du nicht happy bist, dort wo du bist, dann musst du was anderes tun.“

„Bist du happy?“

„Boah, du stellst mir Fragen! Keine Ahnung, ich denke schon.“ Ich nahm einen Zug. „Es könnte besser sein, klar. Alles passt nie. Aber so im großen Ganzen. Ich hab eine Arbeit, ok mein Chef ist ein Arsch und eigentlich hatte ich nicht vor mein Leben lang zu strippen, aber die Bezahlung ist ganz gut. Woran erkennt man überhaupt, ob man glücklich ist? Da fängt es ja schon an. Ich hab Medizin studiert, fünf Semester, geile Zeit, wirklich, aber war ich da glücklich? Vielleicht weiß man das erst, wenn man stirbt. Dann denkt man zurück und ist dann so, ja damals war ich glücklich.“

„Das ist traurig.“

Ich schnaubte. „Ja dachtest du, das Leben ist lustig?“

„Ich hatte gehofft, es hätte mehr Sinn. Aber ohne Ziel, ohne Orientierung, ist es ziemlich sinnlos.“

Ich ließ seine Worte auf sich wirken. Ein erster Regentropfen klatschte neben mir auf den Asphalt. Sofort verbreitete sich dieser typische Geruch, nach nassem, heißen Asphalt, gemischt mit Erde und Staub.

„Da hast du recht. Das Einzige das du tun kannst, ist ein Ziel zu finden.“

„Das versuche ich ja gerade. Du meintest, du würdest mir helfen.“

Ein Tropfen erwischte mich genau auf der Stirn und ich wischte ihn weg.

„Du bist mir lustig. Sobald ich mein Leben im Griff habe und herausgefunden habe, wie man das macht, sage ich dir Bescheid.“

Er schnippte die Zigarette durch die Luft über die Straße und rappelte sich auf. „Ok, cool.“ Er sah auf mich herunter und lächelte. „Kommst du noch mit?“

„Mhm… nein danke. Ich glaube, ich bleibe noch etwas hier.“

Er nickte, stand auf und ging die leere Straße entlang, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Was sollte denn das? Natürlich stellte ich jetzt jede meiner Entscheidungen infrage.

Die Wassertropfen, immer mehr werdend, prasselten um mich und auf mich nieder. Ein Schirm und ein freundliches Gesicht einer Blondine schoben sich in mein Blickfeld.

„Hey alles gut bei dir?“ Ihre Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden, sie trug Lederboots und einen schwarzen Cardigan, trotz der Wärme. Ich sah starr geradeaus und seufzte.

„Ich habe die Orientierung verloren.“

Verdammt.




Michaela Golser ist eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin aus dem malerischen St. Lorenzen in Südtirol. Schon als Kind tauchte sie gerne mit einem Buch in fantastische Welten ab. Nach einem Biologiestudium und einem Job in der Automotivebranche spürte sie, dass ihr etwas fehlte. Deshalb beschloss sie, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und Geschichten zu verfassen. Ihr Ziel ist es, ihre Leserinnen und Leser zu verzaubern und ihnen die Flucht aus dem Alltag zu ermöglichen.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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