Meine große halbe Schwester und ich

Claudia Dvoracek-Iby für #kkl31 „Orientierung“




Meine große halbe Schwester und ich

Ich träume. Es ist Nacht in meinem Traum. Ich liege bequem in einer Nestschaukel und Mama schaukelt mich an. Während ich hin und herschwinge, sehe ich mal in den Sternenhimmel, dann in Mamas Gesicht. Mama lächelt mich liebevoll an. Ihre Augen strahlen, und ich sehe deutlich die vielen Lachfältchen um ihre Augen. Ich kenne diesen Traum und weiß genau, wie er weitergehen wird. Mama wird sich langsam von mir entfernen, sie wird durch die Dunkelheit hinauf zum Himmel schweben. Ihr helles Gesicht wird kleiner und immer kleiner werden, bis es einer der Sterne am Himmel sein wird.

Ich möchte unbedingt aufwachen, bevor das passiert. Und ich kann es tatsächlich steuern. Ich werde wach, bevor meine Traum-Mama zum Stern wird. Meine Augen sind noch geschlossen, als ich plötzlich registriere, dass es tatsächlich schaukelt. Sanft schaukelt mein Bett hin und her. Vorsichtig mache ich die Augen auf. Es ist dunkel um mich. Ein paar Sekunden brauche ich, dann begreife ich: Ich liege nicht in meinem Bett! Obwohl da meine Bettdecke, mein Kopfkissen und auch mein Kuscheltier sind. Ich liege auf der Rückbank in einem Auto. In Saras Auto. Und Sara sitzt vorne am Fahrersitz und fährt mit mir durch die Nacht. Ich sehe deutlich ihr blondes Haar, und ihre Hände am Lenkrad.

Das kann doch nicht wahr sein?! Ich träume wohl?

Verwirrt kneife ich meine Augen wieder zusammen, ziehe mir die Bettdecke über den Kopf, während tausend Gedanken durch meinen Kopf schwirren. Ich denke an Sara. Gestern Nachmittag ist sie bei Papa und mir angekommen. Mit dem Auto, in dem ich mich nun seltsamerweise befinde. Normalerweise besucht Sara uns nicht um diese Jahreszeit, Mitte Mai. Sondern in den Sommerferien und zu Weihnachten. Sara lebt nämlich mit ihrem Freund Jonas in der Stadt. Und zwischen dieser Stadt und unserem Dorf liegen viele Stunden Autofahrt. Deshalb versuche ich immer, mich nicht zu doll zu freuen, wenn Sara uns besucht, weil sie ja wieder wegfährt und ich sie dann lange nicht sehe. An die Zeit, als Sara noch bei uns zuhause gewohnt hat, kann ich mich kaum mehr erinnern. Ich war erst vier Jahre alt und Sara zwanzig, als sie ausgezogen ist. Das war vor fünf Jahren.

Gestern also kam Sara zu uns, obwohl weder Sommer noch Weihnachten ist. Vielleicht ist Sara gekommen, weil ich so furchtbar traurig bin. Vielleicht hat Papa Sara angerufen und gesagt: „Ich bin ratlos, Sara. Leni verlässt kaum mehr ihr Zimmer, seitdem Mama nicht mehr da ist. Sie will nicht in die Schule, will sich nicht mit ihren Freundinnen treffen. Auch nicht auf den Spielplatz oder Pizza-Essen gehen. Sie sitzt nur mehr in ihrem Zimmer herum, und will niemanden sehen. Komm bitte zu uns, ich weiß mir nicht mehr zu helfen.“

Aber Sara wird mir auch nicht helfen können. Sie kann mich ja nicht einfach aus dem Zimmer tragen. Obwohl, offensichtlich kann sie das doch, denn genau das scheint sie getan zu haben. Sie muss mich tatsächlich aus dem Zimmer getragen haben, während ich tief geschlafen habe. Und fährt jetzt mit mir durch die Nacht. Aber wohin?!

Ich werfe meine Bettdecke von mir und setze mich auf.

„Oh, hallo! Du bist aufgewacht, kleine halbe Schwester!“ ruft Sara leise.

Sofort spüre ich einen Kloss im Hals, weil ich an Mama denken muss, daran, wie sie immer gelacht hat, wenn Sara und ich uns im Scherz gegenseitig ‚Kleine halbe Schwester‘ und ‚Große halbe Schwester‘ genannt haben. „Ein Halbes und ein Halbes ergibt ein Ganzes“, hat Mama dann gesagt.

Ja, Sara und ich haben verschiedene Väter und dieselbe Mama. Dieselbe Mama gehabt. Bis vor dreizehn Wochen und fünf Tagen. Da ist Mama gestorben. Das Flugzeug ist abgestürzt, in dem Mama drinnen gewesen ist. Und viele andere Menschen auch. Papa und ich haben noch zugesehen, durch eine Glaswand am Flughafen, wie Mamas Flugzeug sich von der Rollbahn abgehoben und wie es weggeflogen ist. Richtung Himmel. Und seitdem habe ich immer wieder diesen Traum, in dem Mama ein Stern wird.

Ich räuspere mich, dann frage ich endlich: „Was soll das, Sara? Warum bin ich nicht zuhause? In meinem Bett?“

„Sorry, Leni. Ich musste dich einfach entführen, es ging nicht anders.“

„Entführen?!“

„Ja, entführen. Denn ich hätte bestimmt Tage gebraucht, dich zu überreden, mitzufahren. Und ich wollte unbedingt jetzt sofort fahren. Darum habe ich dich entführt. Zum Glück schläfst du wie ein Stein. Es war babyleicht, dich ins Auto zu tragen. Du hast nichts mitbekommen, stimmts?“

„Du spinnst ja“, sage ich empört. „Und wohin? Wohin fahren wir?“

„Wir fahren ans Meer, Leni.“

„Ans Meer?“ Ich schnappe nach Luft „Ich will nicht mit dir ans Meer. Ich will nie wieder ans Meer. Ich will nicht ohne Mama ans Meer.“

„Aber Mama will, dass wir fahren“, sagt Sara. „Ich habe von ihr geträumt. Und sie hat im Traum zu mir gesagt: „Sara, fahre bitte jetzt sofort mit Leni ans Meer.“

Ich muss schlucken. Träume haben in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Beim Frühstück hat uns Mama immer gefragt: „Was habt ihr heute geträumt?“ Und wir haben uns gegenseitig unsere Träume erzählt, Papa, Mama, ich. Und Sara und Jonas, wenn sie bei uns waren.

Ich sehe aus dem Fenster in die dunkle Nacht, sehe den Mond und ein paar Sterne am Himmel leuchten.

„Wie hat Mama ausgesehen in deinem Traum?“ frage ich. „Was hat sie angehabt? Erzähle mir alles, Sara.“

Und Sara erzählt. Dass Mama ein buntes, weites Sommerkleid angehabt hat in ihrem Traum. Dass sie gelächelt hat. Dass sie ihr langes Haar offen getragen hat. Ich höre zu und kuschle mich auf der Rückbank in meine Bettdecke. Schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, scheint mir die Maisonne seitlich durchs Autofenster ins Gesicht und Sara sagt:

„Guten Morgen, kleine halbe Schwester, sieh mal, da vorne!“

Und ich setze mich auf, reibe mir die Augen, und da sehe ich einen breiten glitzernden blauen Streifen. Das Meer!

Kurze Zeit später steigen wir aus. Wir sind an dem wunderschönen Ort, an dem wir vorigen Sommer einige Tage verbracht haben. Mama, Papa, Sara, Jonas und ich. Es ist eine kleine versteckte Bucht, von der offensichtlich nur wenige Menschen wissen. Ich sehe das tiefblaue Meer und massenhaft Sand vor mir liegen. Sara öffnet den Kofferraum und gibt mir meine bunte Strandtasche. Sie hat an alles gedacht, an meinen Badeanzug, Strandtücher, Sonnenbrille, meine rosa Kappe, Sonnenöl. Sogar ein aufblasbarer Wasserball befindet sich darin. Sara hängt sich ihre Tasche um, nimmt einen Picknickkorb und schließt den Kofferraum.

„Komm, Leni“, sagt sie fröhlich.

Es fühlt sich unwirklich an, soeben aufgewacht zu sein und kurz darauf barfuß über einen weichen Sandstrand zu gehen, das Rauschen des Meeres in den Ohren. Angenehm warm ist es und ein leichter Wind zupft an meinen Haaren. Ich muss lachen, weil ich tatsächlich in meinem Snoopy-Pyjama durch den Sand laufe.

Und dann sitzen wir auf einer Decke am Strand, über uns azurblauer Himmel, vor uns das Meer. Im Picknickkorb befinden sich Brötchen und Obst, Tee für Sara, und Kakao für mich in einer Thermoskanne. Alles schmeckt mir gut, obwohl der Kakao nur lauwarm ist. Während ich esse, beobachte ich die sanft heranrollenden Wellen und die Möwen, die schreiend ihre Kreise ziehen. Dann telefonieren wir mit Papa, schicken ihm Fotos vom Meer, und von uns beiden beim Frühstücken. Obwohl, Sara trinkt nur Tee, sie meint, sie habe keinen Appetit. Blass ist sie, bemerke ich, und sie hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Sie streckt sich einige Minuten auf der großen Stranddecke aus und schließt die Augen.

Kurz darauf quietscht und lacht sie aber ebenso laut wie ich, als wir, nun beide in unseren Badeanzügen, ins Meer laufen. Wir schnappen nach Luft. Kalt ist das Wasser. Bis auf ein Paar, das Hand in Hand den Strand entlangspaziert, sind wir die einzigen Strandbesucher. Wir spritzen uns gegenseitig an und kreischen, planschen und schwimmen. Liegen dann wieder auf unseren Badetüchern und lassen uns von der schon kräftigen Maisonne trocknen.

Später dann sammeln wir Steine und Muscheln, formen ein großes Herz damit. In die Mitte des Herzes legen wir mit kleinen, runden Steinen das Wort: MAMA. Wunderschön sieht es aus. Ich blinzle rauf zum Himmel, und wünsche mir ganz fest, dass Mama Sara und mich und das Herz sieht.

Gegen Mittag gehen wir die Küstenstraße entlang und kaufen von einem Imbissstand Pommes, Würstchen und Getränke. Wir lassen uns alles einpacken, spazieren wieder zurück und essen unter einem schattigen Baum.  Plötzlich spüre ich etwas auf meinen Kopf platschen, etwas wie einen sehr großen Regentropfen. Ich greife in mein Haar und spüre Klebriges: „Äh, hat mich da gerade tatsächlich -“

„Ja, dich hat eine Möwe angekackt!“, lacht Sara.

„Eine Möwe?“

„Ja, eine Möwe oder –“, Sara macht große Augen.

„Du glaubst doch nicht, dass Mama etwas damit zu tun hat!“

„Na ja, es würde schon zu Mama passen, solche Scherze zu machen.“

Sie kichert. Ich muss auch kichern. Und dann kriegen wir uns gar nicht mehr ein vor lauter Lachen. Sara säubert mein Haar, und ich spüre plötzlich, wie gut es mir tut, hier mit ihr zu sein. Ich fühle mich wohl. Es ist gar nicht schlecht, von seiner großen halben Schwester mitten in der Nacht entführt und ans Meer gebracht zu werden. Ich lächle Sara an. Sie ist wieder sehr blass im Gesicht, bemerke ich, so wie schon am Morgen beim Frühstückspicknick.

„Ist dir nicht gut, Sara?“, frage ich. „Was ist denn mit dir?“

Sara sieht mich nachdenklich an.

„Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt“, sagt sie dann geheimnisvoll. „Ich möchte dir etwas sagen, Leni.“

Sie lächelt. Sie lächelt, obwohl sie kreidebleich ist?! Da stimmt doch was nicht. Eine dunkle Ahnung steigt in mir auf. Sara lächelt bestimmt nur, um mich zu beruhigen. Sie wird mir sagen, dass sie krank ist, aber dass es keine schlimme Krankheit sei, und ich mir keine Sorgen machen solle, und dann, dann wird sie –

„Du wirst sterben“, schreie ich. „Du bist krank und wirst sterben!“

„Was sagst du da?“ Sara sieht mich fassungslos an. „Leni, wie kommst du – “

„Das ist doch das, was du mir sagen wirst!“

„Nein, Leni, ganz und gar nicht. Das Gegenteil ist der Fall.“

„Wir müssen alle sterben! Mama! Du! Ich!“ Ich kann mich nicht beruhigen, Tränen strömen nur so über mein Gesicht. Sie schmecken salzig wie das Meerwasser.

„Ach, Leni“, Sara nimmt sanft mein Gesicht in ihre Hände und sieht mir in die Augen. „Ja, wir müssen alle irgendwann sterben, aber nicht jetzt, Leni, noch ganz, ganz, ganz lange nicht. Jetzt werden wir mal eine lange Zeit leben – viele, viele Jahre lang und sehr viel erleben. Viel Spannendes und Schönes.“

Sie streicht mir sanft ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Und jetzt lass mich dir bitte sagen, was ich dir sagen will. Es ist etwas sehr Schönes.“

Ich wische mir, noch immer schluchzend, die Tränen ab.

„Also, Leni, du wirst bald Tante! Ich bekomme ein Baby, kleine halbe Schwester.“ Sara strahlt mich an.

Ich brauche ein paar Minuten, um zu begreifen. Dann spüre ich wilde Freude in mir aufsteigen. Ich werde eine kleine Nichte oder einen kleinen Neffen bekommen! Bilder steigen in mir auf. Ich sehe vor mir, wie ich ein kleines Bündel Mensch auf meinem Schoß halte, wie ich stolz einen Kinderwagen schiebe, wie ich das Baby mit Brei füttere ..

„Echt, Sara?“

„Echt, Leni.“ Sie lächelt glücklich. „Und ich bin mir sicher, dass du die die beste Tante der Welt sein wirst.“

Wir umarmen uns, Sara und ich. Doch in meine Freude mischt sich plötzlich Traurigkeit. Ich muss daran denken, wie weit entfernt Sara von mir lebt. Wenn ich das Baby so selten sehen kann wie bisher Sara, kann ich auch nur selten die beste Tante der Welt sein.

„Na ja, ab und zu werde ich es ja sehen, das Baby“, sage ich, „zu Weihnachten und zum Geburtstag.“

Sara schüttelt den Kopf. „Du wirst es ganz oft sehen, Leni, so oft du nur willst. Das Baby und Jonas und mich. Weißt du, wir haben lange überlegt und beschlossen, ins Dorf zu ziehen. Jonas und ich wollen, dass unser Baby am Land aufwächst. Stell dir vor, es wird mal in denselben Kindergarten gehen, in dem du und ich waren. Und, das Wichtigste, das Baby wird ganz in der Nähe von der besten Tante der Welt aufwachsen.“

Ich bin sprachlos. Und dann muss ich schon wieder weinen, vor lauter Freude, und auch, weil ich zugleich so traurig bin, dass Mama ihr Enkelkind nicht kennen lernen kann. Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, sagt Sara: „Weißt du, Leni, ich bin überzeugt davon, dass Mama uns jetzt sieht, von irgendwo her, und sich ganz doll mit uns freut.“

Später schwimmen wir wieder ein paar Runden im Meer, liegen dann mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, und lassen uns von der Sonne trocknen. Ich höre die Möwen kreischen, höre das Meeresrauschen. Und ich denke: ‚Das Meer ist da, obwohl ich es jetzt nicht sehe, weil ich die Augen geschlossen habe. Das Meer ist da, immer. Und das winzige Baby ist da, in Saras Bauch, auch wenn ich es noch nicht sehen kann. Und Mama ist da, in meiner Erinnerung, auch wenn ich sie nicht mehr sehen kann.‘

Sara stupst mich leicht an, ich öffne wieder meine Augen.

„Komm, laufen wir noch mal den Strand entlang, kleine halbe Schwester!“

Wir spazieren den Meeresstrand entlang. Die Wellen schwappen bis zu meinen Knien. Als wir am Mama-Herz vorbeigehen, ist mir, als ob Mama da wäre, mitten in unserem Herz, und uns zulächelt. Ich nehme Saras Hand. Sie drückt sie liebevoll und hält sie fest in ihrer Hand. Ich fühle mich leicht und geborgen wie seit Monaten nicht, hier am Meer, mit meiner großen, halben Schwester an meiner Seite, mit dem Baby in ihrem Bauch, und mit Mama in meinem Herzen.





Claudia Dvoracek-Iby, *15.11.1968 in Eisenstadt, lebt mit ihrer Familie in Wien, zahlreiche Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Lyrik in Literaturzeitschriften und Anthologien, u.a. in Syltse, &Radieschen, Erostepost, Der Maulkorb

claudia.dvoracek-iby@gmx.at







Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar