Im Labyrinth gefangen

Medienwerkstatt der LebensGroß GmbH für #kkl31 „Orientierung“




Im Labyrinth gefangen

Michelle Pagger

Langsam öffnete er die Augen. Der junge Mann bemerkte, dass er auf einem steinigen Boden lag. Vorsichtig und voller Angst richtete er sich auf. Seine Augen begutachteten die meterhohen grünen Hecken, die ihn umgaben. Unzählige Gänge mündeten in andere. Ein ungutes Gefühl quälte ihn. Sein Puls wurde schneller, als er panisch einen Ausweg suchte. Hektisch trugen ihn seine langen, dünnen Beine immer tiefer in den unübersichtlichen Irrgarten. Grün. Grün und nochmal Grün. Nach gefühlten Stunden hasste der junge Mann die Farbe. Er bog ab, drehte sich im Kreis und wusste nicht mehr, welche Abzweigung eine gute Option gewesen wäre. Seine Beine schmerzten. Sein Hals war trocken. Die aggressive Sonne trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn. Sein Shirt klebte an seiner verschwitzten Haut. Er wollte nicht aufgeben. Jede Hecke sah gleich aus. Ihm wurde schwindelig. Was würde der Unglückliche jetzt nur für ein Glas Wasser geben? Vor diesem Erlebnis hatte er es für selbstverständlich gehalten, nach einer Flasche greifen zu können. Ab diesem Tag würde der Durstige dankbarer dafür sein. Er nahm sich vor, jeden Schluck zu genießen, wenn ihm hoffentlich bald ein Glas Wasser zwischen die Finger kommen sollte. Dröhnende Kopfschmerzen ließen sich nicht einfach ignorieren. Sie verschluckten konstruktive Überlebenspläne. Der junge Mann sah zum Himmel, um sich an der Sonne zu orientieren, aber seine Konzentrationsfähigkeit, ließ zu wünschen übrig. Lange könnte der Verzweifelte diesem Stress nicht mehr standhalten, ehe er den Verstand verlor. „Verdammt nochmal, reiß dich zusammen“, murmelte der Suchende, der fieberhaft nach einem Ausweg Ausschau hielt. Stunden, die sich für den Unglückspilz wie Jahre anfühlten, vergingen und die Nacht brach über ihn herein. Obwohl keine Sonne mehr am Himmel war, wurde es nur leicht kühler. Erschöpft ließ sich der junge Mann auf dem sandigen Boden nieder. An seinem geistigen Auge zog seine Zukunft an ihm vorbei. Er hatte viele Träume. Doch der richtige Zeitpunkt, sie zu realisieren, war noch nicht gekommen. Jedenfalls ließ sich, mit solchen Sätzen, das schlechte Gewissen ganz gut beruhigen. Wie aus dem Nichts flog etwas Leuchtendes an ihm vorbei. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er realisierte, dass es sich bei dem hellen Licht um ein Glühwürmchen handelte. Immer mehr Leuchtpunkte umkreisten den Geschwächten. Damit er sie nicht verscheuchte, bewegte er sich, ab diesem Zeitpunkt langsam und ruhig. Der Mann erhob sich in Zeitlupe. Die kleine Schar aus kleinen, leuchteten Käfern, umkreiste ihn kurz und formierte sich zu einer Kette. Nach kurzem Zögern, beschloss der, der vom richtigen Weg abgekommen war, ihr zu folgen. Er fragte sich „Was habe ich jetzt noch zu verlieren, wenn ich es einfach versuche? Man kann schließlich nur Dinge bereuen, die man nie gemacht hat.“ Sein neu gewonnener Optimismus entfachte in ihm ein Feuer und verlieh ihm seine Kraft zurück. Schritt für Schritt folgte er der Spur unter dem großen Vollmond. Endlich konnte der, der die Hoffnung schon aufgeben hatte, erleichtert aufatmen. Begleitet von dem Gefühl von Dankbarkeit, erreichte er den Ausgang des Labyrinths.

Medienwerkstatt der LebensGroß GmbH







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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