Sich verirren

Bernhard Horwatitsch für #kkl31 „Orientierung“




Sich verirren

Eigentlich hatte ich vor, nach dem Besuch der Pinakothek der Moderne wieder die Gabelsberger Straße zurück zu schlendern, vielleicht in dem netten Cafe einzukehren, das ich beim Hinweg entdeckt hatte, um dort bei einer schönen Tasse Milchkaffee einen Text zu schreiben, oder gleich mit der Straßenbahn zurück nach Hause zu fahren, um einen Text ganz sachlich am heimischen PC zu erstellen. Es kam allerdings anders. Walter Benjamin schrieb einmal: „Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden – das mag uninteressant und banal sein. Unkenntnis braucht es dazu – sonst nichts. In einer Stadt aber sich zu verirren – wie man in einem Wald sich verirrt – das bedarf schon einer ganz anderen Schulung.“

Ja, das war urkomisch. Wie ich das „Reisig unter meinen Füssen“ knacken hörte, hineingezogen in einen Wald aus Beton. In einer unendlichen Warenansammlung als Flaneur herumirrend. Und so kam ich nach meinem Besuch der Ausstellung „Walter Benjamin, eine Reflexion in Bildern“ selbst zu meinen „profanen Erleuchtungen“. Plötzlich entfaltete die Stadt eine Aura, plötzlich blitzten metaphysische Bilder auf und durchbrachen mein Bewusstsein, stürzten dort in eine tiefe Dunkelheit, aus der ich sie augenblicklich nicht bergen kann. Denn was sagt uns ein singender Afrikaner? Was bedeutet es, eine tief über den Randstein eines Bürgersteigs gebeugte Frau zu sehen, wenn man nicht sieht, was sie sieht. Mir bleibt nur das Gefühl des Erleuchtetseins, und irgendwann wird das mal Text.

„In den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft. Der Text ist der lang nachrollende Donner.“

Grundlage der Ausstellung die ich damals besuchte, war das nicht vollendete „Passagen-Werk“ von Walter Benjamin, sowie eine filmische Montage unter der Leitung von Juan Barja, dem Mitherausgeber der spanischen Ausgabe der Werke Walter Benjamins. Regie führten Cesar Rendueles und Ana Useos. Es entstand ein in sechs Kapiteln bebildertes Montagewerk (Montage = Kunst, ohne Anführungszeichen zu zitieren). In sechs sehr kleinen, in die Wand eingelassenen Bildschirmen mit jeweils einem Kopfhörer dazu, konnte man jedes einzelne Kapitel des 44 Minuten dauernden Filmes ansehen. Der Mittelteil der Ausstellung war ein Labyrinth. Von der Decke herabhängende beschriftete und bebilderte Fahnen verdeckten die Sicht zum dritten Teil der Ausstellung. Hier, durch ein Labyrinth an Texten und Zitaten musste man durch. Dann wurde man mit sinnstiftenden, klugen Sätzen belohnt wie „die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sternbilder zu den Sternen“, oder „die Reklame ist der merkantile Blick ins Herz der Dinge“ und vieles mehr. Endlich kam eine Sitzgruppe, weiße Würfel und dahinter eine Leinwand auf der in Endlosschleife der Film von Juan Barja noch einmal am Stück ablief. Und erst jetzt vertiefte sich der Film zu einer größeren Aussage. Sechs Bildschirme lieferten Fragmente, zusätzlich durch das Labyrinth zerstückelt und im Film auf der Leinwand wieder zusammengesetzt. Und nun konnte man sich noch ein paar Fragmente mehr merken, wie zum Beispiel „der Faschismus versucht, die Massen zu organisieren, ohne jedoch die Produktions- und Eigentumsverhältnisse neu zu ordnen“, oder „der Faschismus versucht, die Massen zu ihrem Ausdruck, beileibe aber nicht zu ihren Rechten kommen zu lassen“, oder sehr schön auch „die Kulturgüter liegen den Menschen als Last auf dem Rücken, ohne sie je einmal abschütteln zu können um sie in die Hand zu bekommen“.
Fragmente in schwarz-weiß, und zentral der Angelus Novus von Paul Klee, der Engel der Geschichte. Ein Engel, der mit weit aufgerissenen Augen und Mund noch in die Vergangenheit starrt, dabei schon längst die Flügel gebreitet auf den Weg in die Zukunft.

Anschließend verirrte ich mich in der Stadt, bekam meine eigenen Bilder geliefert. Doch das geht ja nicht nach Plan. Man kann sich nicht mit Absicht verirren. Seinen eigenen Minotaurus an der Schaltstelle von Wachen und Träumen zu finden, das ist die Autonomie der Kunst. Und hier, in dieser seltsamen Aura der Dingwelt kommt die Verdeckung der Arbeit wieder zum Vorschein. Dass jede Spur von Arbeit aus den Waren zum Verschwinden gebracht wurde, so dass die Waren aussehen, als wären sie nie gemacht worden, diese Zauberwelt muss man sich vielleicht zurückträumen. Hier setzen Dadaismus und Surrealismus wohl an.  Und dann lässt sich sagen, dass die Klarheit eine der seltsamsten Formen des Rausches ist. Denn so klar können Träume sein, dass sie weit mehr einleuchten, als die so genannte Wirklichkeit.

So sah ich in dieser mir so bekannten Stadt als ein Verirrter, einen singenden Afrikaner auf einem Fahrrad, eine junge Frau, die in einen Gully-Deckel hinein redete, ich sah wie Amelie in ihrer fabelhaften Welt in einer Stunde mehr, als ich die ganze Woche zuvor sah.




Medium
Was aber bleibet, ging dem Dichter stiften.
Das hat sich glatt verhölderlinicht
das Schöne wurde gestern
ins Heute wie Hehlerware
eingeschmuggelt und heute
war schon gestern
morgen wird bezahlt was wir gestern
tun  ist heute eingelagert
sitzt Gott ein
Witzbold setzte ihm die Brille auf
a mist for our Eyes
im Inhalt ist ein Inhalt ist ein Inhalt
was bleibt?
ein Auge für ein Ohr




Kindertag aus dem Takt

Jeden Tag ist mitten
im Tag  Mittag und das
Tag  ein und Tag aus,
ein Tagtakt der den Takttag tacktet
mit Tick und Tack
mit Vormittag und Nachmittag
doch ist der Tag um
ist Nacht und die
kennt kein davor
und kein danach
nur mitten drin
ist Mitternacht
der Rest ist abends
oder morgens
doch morgens ist schon Tag
vor dem Mittag und abends
Tag nach dem Mittag
das hat mich schon als Kind
verwirrt und aus dem Takt gebracht
und ich zählte die Tage
die als Summe keine Mitte haben
und kein davor
und kein danach
nur Anfang und Ende.




Leader-Ship
Man muss schon sagen!
Sicher – das bestreitet niemand
wir lassen das mal stehen
denken nach und halten fest
der Gedanke ist nicht neu
wir wissen das und transformieren
stärken das Team
danke schön und wiedersehen




Bernhard Horwatitsch Der Münchner Autor und Dozent schreibt seit vielen Jahren für deutsche und österreichische Literaturzeitschriften. Seit 2004 gibt er Kurse in „kreativem Schreiben“ und „Literaturgeschichte“ an der Münchner Volkshochschule und dem Münchner Bildungswerk. Gemeinsam mit Arwed Vogel arbeitet er seit 2008 als Dozent und Coach für das „freie Literaturprojekt“ (www.literaturprojekt.com). „Schreibt seit vielen Jahren dies und das und wird es auch weiter tun. Warum er das tut, hat er längst vergessen.“

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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