Oliver Fahn für #kkl31 „Orinetierung“
Das Mehr im Schlafzimmer
Wellen durchzucken neuerdings meine Nächte. Seit ich mich durch meine Träume bewege wie ein Aal durchs Wasser, habe ich Schwierigkeiten einzuschlafen. Ich wälze mich in meinem Ozean aus Laken. Nach geraumer Zeit werde ich still und döse irgendwann ein. Erwache bald in Bauchlage, schnappe mit seitwärts ausgerichtetem Kopf nach Luft. Mein verzogener Mund erinnert an den eines Kraulers, der seine Lungen – durch einen Atemzug im Wellental – für den nächsten Zyklus stärkt. Sie für eine Phase bereitmacht, die keine Sauerstoffaufnahme zulässt. Fürchte auch ich mich davor zu ersticken, zu wenige Möglichkeiten zu haben, Sauerstoff zu tanken und in diesem Mangel nicht rechtzeitig zu erwachen? Mein Schlaf ist zu einem Albtraum geworden, zu einer Dystopie möglicher Atemversäumnis. Ich liege da und fürchte, jemand könnte mich in meinen Mangel zusätzlich noch unter eine abstrakte Oberfläche drücken. Mir graut vor dem Moment, in dem ich um Atem ringe, man mir den Sauerstoffhahn abdreht, mehr noch aber graut mir vor dem Augenblick, in dem ich mein Bewusstsein verliere und hilflos dem Diktat eines bedenklichen, eventuell gar totbringenden Akutzustands ausgeliefert bin. Meine Glieder schwappen in der soeben beinahe nahtlosen Finsternis. Frühmorgens werde ich erwachen, ermattet von einer Seekrankheit, die ich bis vorgestern noch nicht mal kannte. Die Nächte seither sind Nächte der Wogen, der Wellen, die ich lediglich bezwingen kann, sofern ich sanft mit ihnen gleite, mich nicht mit meiner lächerlichen Gewalt gegen sie stemme. Mit Sanftmut, das hat schon mein damaliger Schwimmlehrer gesagt, bezwingt man das Meer. Man muss seine Gesetze verstehen und sie befolgen. Wasser wäre kein Element, das sich ungeahndet verprügeln lässt, meinte er. Vielleicht war der Verkäufer, der mir nicht nur die Matratze anbot, sondern auch die Tücken ihres eigentümlichen Charakters vermittelte, in seinem Nebenberuf tatsächlich Coach, etwas ähnliches wie ein Schwimmlehrer. Ich erinnere mich noch genau, wie er mein aufgewühltes Gemüt beruhigte: Noch nie sei jemand vom Wasserdruck der Matratze in die Tiefe gerissen worden und dabei ertrunken. Einer, dachte ich mir jetzt in schwarzer Nacht, muss ja der Erste sein. Ich fasse einen Entschluss: Von meinem Geist heraufbeschworene Schreckensszenen werden mich nicht kleinkriegen. Selbst wenn mein neu erworbenes Wasserbett auslaufen sollte, was im Lichte der Vernunft betrachtet, ohnehin äußerst unwahrscheinlich ist, sein Inhalt wäre nicht zuvörderst angetan, mich zu ersaufen. Auslaufen würde es, über das Leck ablaufen, den Boden besudeln, in ihn teilweise hineinsickern, doch mein Leben würde es mir unter allen Umständen lassen. Ermattet von jenen gedanklichen Rundgängen schlummerte ich abermals ein, ruderte und paddelte bald heftig, schreckte durch den Lärm meiner eigenen Schreie hoch. Meine Frau hielt meine Hand fest und ich versprach ihr so unmittelbar nach dem Erwachen: Ich werde Fortschritte machen. Der Aal in mir werde im Laufe meiner hinzugewonnenen Wasserbettroutine fortwährend kürzer zittern, der Schwimmer in mir wird allmählich ein Gespür dafür bekommen, wo es Wellentäler hat, in die hinein man atmen kann. Aber eigentlich werde ich erfahren dürfen, dass all jene Vorkehrungen überflüssig sind. Nur meine inneren Widerstände hindern mich gerade noch daran, den Komfort des Wasserbettes ohne Vorbehalte zu genießen.

Oliver Fahn,*1980, Pfaffenhofen an der Ilm, verfasst regelmäßig Kurzgeschichten für Kulturmagazine und Anthologien.
Seine jüngsten Erfolge:
„An der Pforte zur Teilhabe“ bei Poems of Liberty Projekt Europa 2050 von der Friedrich Naumann Foundation (einer der beiden Sieger in der Kategorie „Europe of its Citizens“)
„An der Seite des sonderbaren Mannes“ für die Anthologie „ungebunden“ der Stadt St. Pölten (eine von 20 ausgewählten Geschichten)
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