Leben!

Julia Kohlbach für #kkl31 „Orientierung“




Leben!

Ich liege im Bett, kann die Augen kaum offen halten und bin trotz des vielen Schlafes der zurückliegenden Nacht immer noch hundemüde. Ich höre meine Tochter im Hausflur nach mir rufen. Mit stürmischen Schritten nähert sie sich dem Schlafzimmer, klopft an und öffnet die Tür. „Machen wir heute alle zusammen eine Fahrradtour, Mama?“, höre ich sie voller Freude fragen. Doch schweren Herzens kann ich wieder nur antworten: „Tut mir Leid, aber ich bin sehr schwach und müde.“ Diese Antwort muss ich meiner Familie in letzter Zeit häufiger geben. Vor sieben Monaten hat sich unser Leben geändert. Ein Leben was bis dahin ganz normal war. Ich habe als Landschaftsarchitektin gearbeitet, habe jede freie Minute mit meiner Familie verbracht und reiste gerne quer durch Deutschland. Doch dann erhielt ich eine Diagnose, die für immer alles veränderte.

Die Worte des Arztes schallen noch heute in meinen Ohren nach: „ Es tut mir Leid, Sie haben Krebs“. Die Erde blieb einen kurzen Moment stehen und die nachfolgenden Minuten, in denen mir alles erklärt wurde, zogen sich wie Kaugummi in die Länge. Am liebsten wollte ich einfach nur weg, weit weg und allein sein.

Ich verließ damals so schnell ich konnte das Krankenhaus, ging nach Hause, packte meine Koffer und setzte mich ins Auto. Ich fuhr los und fuhr immer weiter auf der Autobahn Richtung Süden. Nach einigen Stunden war ich in Italien. Ich suchte mir ein abgelegenes Hotel und nahm mir ein Zimmer. Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt hatte, schnürte ich meine Wanderschuhe an die Füße und machte mich auf den Weg um den nahen Gipfel zu erklimmen. Oben angekommen, schrie ich, schrie um mein Leben. Ich wollte die Diagnose nicht wahrhaben. Dieser bescheuerte Krebs macht alles kaputt, verändert innerhalb von Sekunden das Leben und nimmt einem die liebsten Menschen. Ich überlegte für einen kurzen Moment mich in die Tiefe zu stürzen, aber die Gedanken an meine Familie hielten mich davon ab.

Letztendlich war ich wütend auf mich selbst, warum war ich überhaupt zu diesem Routine-Checkup gegangen – ich war scheinbar gesund, hatte keine Beschwerden und war glücklich. Doch mit einem Mal war alles vorbei.

Ich verbrachte damals einige Tage ganz allein in den italienischen Alpen. Ich nahm mir Zeit für mich, zum nachdenken und zum verarbeiten. Auch wenn ich bis dahin nicht wusste, ob ich diese Zeit überhaupt noch haben werde. In den zurückliegenden Jahren habe ich mir oft Gedanken darüber gemacht, wie mein Leben mit einer schweren Erkrankung aussieht und wie es weiter gehen soll. Doch wo das Ereignis wirklich eingetreten war, stand ich einfach nur da und wusste überhaupt nichts. Das Schicksal schreibt eben seine eigene Lebensgeschichte.

Zurück in Deutschland habe ich unzählige Untersuchungen und Arztgesprächen über mich ergehen lassen. Inzwischen gibt es viele verschiedene Behandlungsmethoden, aber alle davon sind kein Spaziergang und beeinträchtigen über kurz oder lang die Lebensqualität. Aber mein größter Wunsch war LEBEN. Ich wollte Zeit mit meiner Familie verbringen und war zu jung, um einfach alles aufzugeben. Also habe ich mich den Behandlungen gestellt und den Kampf gegen den Krebs begonnen.

Die Operation liegt nun sechs Monate zurück. Dabei wurden der Tumor und die angrenzenden Lymphknoten entfernt. Im Anschluss war ich zur Rehabilitation und hatte engmaschige Kontrollen. Vier Monate lang war alles gut. Wir haben als Familie viele Unternehmungen gemacht, waren im Urlaub und ich habe sogar eine Wiedereingliederung als Landschaftsarchitektin begonnen. Es waren Monate der Hoffnung, dass die Krankheit besiegt ist und wir unser altes Leben nach und nach zurück erhalten. Leider kehrte der Krebs zurück und vor zwei Wochen musste ich eine Strahlentherapie beginnen. Seit dem gibt es Gute und Schlechte Tage. Es gibt Tage da könnte ich Bäume ausreißen, den ganzen Tag voller Freude singen oder sogar einen Marathon laufen. Und dann gibt es eben Tage wie Heute. Tage an denen ich müde bin, an Übelkeit und Fieber leide und keine Kraft habe. Doch egal was für ein Tag gerade ist, meine Familie steht hinter mir, ist für mich da und gibt mir die notwendige Unterstützung. Ich bin so stolz auf sie. Leider kann ich meine Dankbarkeit nicht immer zeigen, bin manchmal unfair zu Ihnen, fahre schnell aus meiner Haut und verletze sie. Ich bin einfach nicht mehr die Person, die ich einmal war. So wie sich unser Leben verändert hat, habe auch ich mich verändert.

Trotz des Leides der vergangenen Monate gab es gute Momente. Momente, in denen ich lachen konnte. Momente, ohne Schmerzen. Momente die, das Leben prägen. Mein Ehemann und ich durften unsere Silberhochzeit feiern, ich konnte meiner Tochter zum bestandenen Abitur gratulieren, ich habe begonnen eine neue Sprache zu lernen und ich habe das Wandern für mich entdeckt. Es sind kurze Augenblicke mit einem Gefühl der Wiedergeburt, als wenn alles so ist wie vor sieben Monaten.

Meine Zeit der Krankheit habe ich genutzt um jeden Monat einen Brief zu schreiben – Briefe an mich selbst. In diesen sieben Briefen lese ich in den guten Zeiten was ich noch alles im Leben machen möchte – in den schweren Zeiten erinnern sie mich an meine Stärke, geben mir Kraft und zeigen mir, wer ich wirklich bin. Auch habe ich darin festgehalten, wie lange ich kämpfen möchte. Denn nur solange ein „normales“ Leben in Aussicht ist und meine Lebensqualität nicht zu weit sinkt, werde ich mich den Therapien und Behandlungen stellen. Aber wenn mir alles zu viel wird und ich kein Mensch mehr sein kann, ziehe ich einen Schlussstrich unter die ärztliche Hilfe und nutze die restliche Zeit, die mir noch bleibt. Ich möchte selbstbestimmt und in Würde gehen, möchte Abschied nehmen können und bis zum Ende als Frau und Mutter für meine Familie da sein.

Aber schlussendlich hoffe ich, dass der Krebs nun für alle Male besiegt wird.
Nun schließe ich meine Augen, gehe ins Land der Träume und tanke Kraft. Wer weiß, vielleicht wird Morgen ein guter Tag werden, wo wir als Familie eine Fahrradtour machen können.

Julia Kohlbach wurde 1995 in Thüringen geboren. Nach erfolgreichem Studium der Bibliotheks- und Informationswissenschaft arbeitet sie als Bibliothekarin. Wenn sie sich nicht gerade dem Kreativen Schreiben widmet, geht sie wandern, arbeitet im Garten oder fertigt Handarbeiten an. Erste Veröffentlichungen erfolgten in Anthologien und im Online-Magazin KKL.

2021: Bücher, die uns bewegten

2022: Liebesgrüße aus Napoli

2022: Das Rad der Zeit … ein Stück Ewigkeit

2022: 8. Bubenreuther Literaturwettbewerb

2023: Wenn der letzte Baum gerodet – Umweltgeschichten

2023: Mein Garten … und ich

2023: Und was ich dir noch sagen wollte…

Interview für den #kkl-Kanal HIER






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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