Der Ort

Simon Mühlberger für #kkl31 „Orientierung“




Der Ort

„Vergiss es Gabs, das kann nicht unser Moped sein. – Ich sag´s dir, die letzte Runde von Pat hätten wir uns schenken sollen. Captain Morgan. Wenn ich nur dran denke, kommt mir das Kotzen. Hätten wir doch lieber vorher das sinkende Schiff verlassen und lieber ein paar Austrianern aufs Maul gegeben, die kurz ins Shamrock reinschneiten“, sagte Marius und klopfte nervös mit der Rapid Wien Kappe auf die Handflä­che seiner Linken.

„Mir geht´s nicht viel anders. Aber sag mal, was war das, was du mir unbedingt noch zei­gen wolltest. Vorm Shamrock hast du mir hundert Mal gesagt, dass wir uns das unter allen Umständen nachher noch ansehen müssten“, sagte Gabs.

„Ich stehe grad auf der Leitung“, sagte Marius, der im Dunkeln damit zu Kämpfen hatte, keinen falschen Schritt zu machen.

„Marius Mann, sag nicht, du kannst dich nicht mehr erinnern. Ich kauf dir nicht ab, dass du einen Filmriss hast. Du weißt schon, die Sache mit dem Platz, wo du in der Dämme­rung nach der Arbeit immer vorbeikommst. Mit dem kranken Shit, den du keinem erzählt hast, damit dich keiner für kaputt halten würde“, sagte Gabs.

Den Ort meinst du. Ja natürlich. Ich war nie direkt dort. Jeden Abend auf dem Nachhau­seweg seit dem Winter sehe ich es. Und es stimmt: Ich kann es niemandem erzählen. Also fühl dich geehrt, Dude. Wie auch immer, die Sache sieht so aus, dass ich das immer schon aus sehr weiter Entfernung bemerke. Und wenn ich dann in einem speziellen Winkel vor­beikomme, kann ich jedes Mal ein rot blinkendes Gesicht erkennen, das zu mir herüber­grinst. Fast wie ein verschissener Smile“, sagte Marius.

Wie aufs Schlagwort entdeckte Marius das rote Blinken. Augenblicklich folgten sie die­sem, bis der direkte Weg abbrach. Auch die letzte Straßenlaterne befand sich bereits zehn Meter hinter ihnen. Ab hier würde es in dunkles Terrain der Wiener Au führen.

„Scheiße mein Handy. – Mach mal deine Handy-Taschenlampe an. Ich habe meins schein­bar beim Moped liegen lassen; hoffe ich zumindest“, bemerkte Gabs.

Marius konzentrierte sich. „Jetzt reiß dich zusammen“, sagte er an sich selbst gerichtet. So schlimm war er auch nicht beinander. Er konnte noch gerade gehen, ohne zu schwanken. Und doppelt sah er auch nicht. Aber dennoch griff er erneut ins Leere. Gut, er zitterte. Aber das Handy lag direkt vor ihm auf dem Baumstamm. Unmöglich, dieses zu verfeh­len. Er versuchte es noch einmal. Wieder erfolglos. Wie er es auch anstellte, er konnte das Scheißteil einfach nicht packen. Wie die Automatenkräne im Wiener Prater, die auf halber Strecke nach oben den ersehnten Artikel wieder freigeben. Oder direkt nach Münzeinwurf bereits unten ins Leere greifen, obwohl man sowas von überzeugt ist, dass man sich dies­mal den Scheiß fix krallen würde.

„Mein Akku ist leer“, blaffte Marius, denn er wollte sich und Gabs nicht eingestehen, dass er gerade eben zu blöd war, sein Handy zu fassen.

„Bist du sicher, dass wir hier nicht schon mal vorbeigekommen sind? Da steht wieder die­ses Moped, soweit ich das erkennen kann. Es sieht aber seltsam aus“, sagte Gabs und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Er sah gerade noch seine eigene Hand vor den Augen und musste höllisch aufpassen, wo er auf dem Waldweg auftrat. „Ich könnte schwören, dass mir das bekannt vorkommt.“

„Rede keinen Quatsch. Der Captain hat dir wohl echt dein Schiff versenkt. – Jetzt schau, da vorne, links! Das rote Blinken ist ganz nah“, sagte Marius und bog auf Teufel komm raus ab.

„Warte auf mich!“, rief Gabs und folgte seinem Kumpel ungestüm trippelnd.

Hier in der Dunkelheit hatte der Wald nichts mehr natürliches. Er war das verruchte Zins­haus mitten im städtischen Ballungszentrum. Marius und Gabs mimten Taubstumme, in­des die Bäume ringsum dünkelhafte Mieter verkörperten, von denen jeder einzelne sich zu jeder Zeit als potenziell übel wollender Mitmensch herausstellte, wenn man nur einen Moment nicht aufpasste.

Endlich erreichten sie den Zielort. „Und, hab ich dir zuviel versprochen? Das rote Blinken sieht doch aus wie-„, sagte Marius und hielt inne, als er bemerkte, dass zwar das Blinken von einer ordinären roten Lichterkette ausging, die um einen Baumstamm gewickelt war, jedoch das um und auf fehlte: das Gesicht! Im Hintergrund stand eine einsame, schwach lichtspendende Laterne wie ein verfrühtes Maiglöckchen im Januar. Im Lichtschein wäre etwas ähnliches wie eine Visage nicht zu übersehen gewesen, auch wenn man schon den einen oder anderen Captain intus hatte.

„Siehst du Gespenster, oder was ist los mit dir?“, sagte Gabs.

Marius rieb sich gerade mit den Fingerknöcheln die Augen. „Entweder habe ich einen Knick in der Optik, oder … – Sieh selbst! Da ist so eine graue Kugel anstelle des Gesichts. Das sieht völlig weird aus. So lebendig und glatt wie Haut, irgendwie“, erklärte Marius.

„Was faselst du bitte? Du bist eine graue Kugel. – Aber ja, du hast völlig recht. Das sieht wirklich wie ein rotes Gesicht aus. Da hat sich scheinbar irgendein Lustiger einen Scherz erlaubt und eine Anonymous-Maske an den Baum gebunden“, sagte Gabs.

Marius sah wieder auf. „Interessant“, konstatierte er und kippte den Kopf leicht wie der Android Data von Star Trek. „Ich schwöre, gerade eben war da noch so ein Ding. Wie drü­bergestülpt, oder so.“

„Du bist ein Ding“, sagte Gabs und ribbelte am Rippenbogen seines Freundes, ließ ihn dann aber wieder zu Wort kommen.

„Gabs. Ich glaub, mich fickt der Captain Morgan. – Ehrlich, jetzt, wo wir es gesehen ha­ben, bin ich schon etwas enttäuscht, dass dies eine stinknormale Erklärung hat. Ich hätte mit etwas mehr Mystik gerechnet“, gestand Marius und winkte ab.

„Ich zeige dir gleich etwas mehr Mystik“, antwortete Gabs kurz angebunden. Sind wir nicht mindestens zehn Minuten zu Fuß gegangen, vom Moped bis hierher? Und jetzt schau mal da drüben!“

„Scheint, als hätten wir uns verlaufen. Ein ums andere Mal. In unserer Verfassung echt keine Kunst“, sagte Marius mit verärgertem Ton. „Wir haben es gesehen, und jetzt lass uns einfach wieder abhauen.“

Sie marschierten den kurzen Weg hinüber und hielten wenige Meter davor an.

„Gabs, das Moped! Wir haben es nicht bei einer Laterne abgestellt.“

„Bist du dir sicher?“, sagte Gabs.

„Ich weiß es nicht. Was fragst du mich?“, sagte Marius schon deutlich enerviert.

Gabs blieb stumm.

„Wieso hast du mich nicht einfach abhalten-“ Marius hielt inne. Beide standen da, als hät­ten sie einen Geist gesehen.

„Das Moped. Das Moped. Das Moped …“, stotterte Gabs.

„Siehst du es auch? Wer zum Geier hat es da verkehrt herum an den Baum genagelt? Ich finde das gar nicht mehr lustig.“

Vorsichtig schritten sie noch etwas näher heran. Gabs schluckte so laut, dass Marius es hörte. Auch für ihn fühlte es sich an, als würde es sich um den Weg zum Schafott handeln. Im nächsten Moment erkannten sie etwas im Gestrüpp verborgenes. Auf der Erde. Das stark alkoholhaltige Blut in ihren Adern gefror.

„Was zum Teufel?“, sagten beide zugleich.

„Der Kerl sieht aus wie du! Sag mir, dass ich einfach zuviel gesoffen habe, und dass ich halluziniere“, wimmerte Marius und biss sich just die Lippe blutig.

„Scheiße. Kacke. Nein! Nein, nein, bitte Gott, das kann nicht sein!“

Der zu einem wirren Knäuel gewaltsam ineinander verschränkte Mensch vor ihnen hatte, abgesehen von einer Rapid Wien Kappe, dieselben Gesichtszüge wie Gabs. Ein zweiter daneben war kaum noch als Mensch zu klassifizieren.

„Pass auf! Hinter dir!“, schrie Gabs plötzlich.

Unweit der beiden schob sich ein seltsames Ding heran. Im schwachen Lichtschein konn­ten die beiden es sogleich erkennen. Sie trauten ihren Augen nicht.

„Das graue Ding“, flüsterte Marius.

Das graue Ding – um nicht genau zu sagen: asphaltgraue Ding – schleppte sich träge wie eine utopische Nacktschnecke dahin. Marius und Gabs flüchteten mit trommelnden Her­zen hinter einen umgefallenen Baumstamm in gut zehn Metern Entfernung. Sie beobach­teten das Ding. Dieses hatte das Aufwirbeln der jungen Männer offenbar bemerkt und robbte nun erschreckend schnell – vergleichsweise wie ein Teenager mit medizinisch eti­kettiertem Adipositas per magna auf dem Weg zum letzten Bonbonladen der Stadt bei Sperrstunde mit Wochenende – in Richtung des verkehrten Mopeds. Dort angelangt defor­mierte es seine Oberseite zu einem Schlund. Mit einem Satz stülpte es sich über das Mo­ped samt den beiden Elenden am Erdboden. Es rülpste und stürzte wenige Sekunden darauf in sich selbst zusammen wie ein kurz zuvor aus seiner Form befreiter kippliger Wackelpudding. Ekelhaftes Rumoren und widerwärtige Verdauungsgeräusche ertönten in der nächtlichen Stille. Marius und Gabs sahen alles stillschweigend und voller Unglauben mitan. Dann blickten sie einander an.

„Marius, du wirst grau“, sagte Gabs. Aber eigentlich sah er schon nicht mehr genau. Es war mehr ein Fühlen. Als hätte er eine asphaltierte Fläche nur wenige Zentimeter vor sei­nem Gesicht.

„Du auch Gabs. Ich kann sogar durch dich hindurchschauen.“




Simon Mühlberger aus Vitis, Österreich






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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