Jochen Stüsser-Simpson für #kkl31 „Orientierung“
Irrgarten
Verwirrung
gabelt sich die Straße
ein Weg wo zweigt er ab
ein Ausweg
war ich schon einmal hier
erinnere ich sie
die Kreuzung
geh ich rechts, lieber links
kreise ich vergeblich
im Raum
ist die Welt ein Laufrad
die Zeit läuft sie zurück
und immer
immer immer wieder
find ich nicht mehr als mich
am Wegkreuz
fällt mich die Leere an
was wiederkehrt bin ich
die Wendung
ich bin mein Labyrinth
bin immer noch immer
noch da
Hundertachtzig-Grad-Wendung
Schleudern und Schlingern mit quietschenden Reifen
umgesteuert einen neuen Drehpunkt gefunden
für seine Wendetechnik hat er nachgedacht
vorgedacht umgedacht neugedacht sein Leben
seine Werke müssen wir umschreiben
neu deuten radikal von Gewohntem
trennt er sich verkauft Fußballschuhe und Geige
der Wendehammer verdunkelt den Himmel
und alles wird peinlich zum Geburtstag
wird gegrillt der Vegetarier
wünscht sich Nackensteaks
er wird Fünfzehn
Falschrum Welt
Draußen Regen, Regen, Regen
graue Wolken ohne Ende
Anna ist nass ebendeswegen
dreht sie eine scharfe Wende
zurück nach Haus und in ihr Zimmer
da ist sie gerne, da spielt sie immer
und ihren Schritt gediegen lenkt
obwohl sie nicht ans Liegen denkt
direkt zum Bett, zum Hüpfen Schütteln
der Kissen und Wörter, zum Reimen und Rütteln
abwärts, aufwärts, seitwärts springt sie
vorwärts rückwärts singt und reimt sie
ihr Herz hüpft mit den Wörterketten
NETTE KETTEN, NETTE KETTEN
von hinten gehen auch NETTE BETTEN
und mit sich selbst, was tut sie da
sie spricht sich rückwärts, die Anna
ANNA TUT NUN, NUN TUT ANNA
in der mauer eine tür
seltener griff an die tür in den steinen
den mauermann ficht es nicht an
worte wägen schlüsselwort
knocking on heavens door
doch kein adventskalender
wir glauben mir beide nicht
sanft und sesam klopft das glück
aufspringt ein knurriger knorriger vorhänger
schwingende tür in der mauer spinnweben zwielicht über
der schwelle von vorn kalte luft wird zu wind wirbelt wolken
von klängen von überall offen weit wie ein fenster
also hüte ich mich fall nicht gleich durch die tür durch die mauer
ins haus und lass nicht mich befallen von scheu
an dieser schnittstelle dem zugang wohin ja hinter die mauer
die tür zu welchen antworten blinzelt der türsteher
provoziert meinen eintritt weltenfahrt auf die rückseite der steine
als wäre es die tiefe der eigenen seele die wichtigen fragen
stellen sich selbst wenn sie an der zeit sind leicht
gehe ich vorwärts spüre mich selbst in bewegung durch die kühle
des mauerwerks bergamott in der luft
sanft dreht die tür und mit musik
im kreis mich zurück vor die tür
wie ein wiedergänger der türhüter
er grinst und posiert ich sehe die flöhe in seinem pelzkragen
Sehnsucht nach Norden
Ruhelos zur Nacht
in Köln am Rhein grübelt der Ostfriese
über zu viele Höhen und Tiefen über
sein Leben das mit dem Umzug alles verdrehte
ihn zum Geisterfahrer machte das mit einem Mal
zuviel Geschwindigkeit aufgenommen hat.
Ruhelos zur Nacht wünscht sich der Ostfriese in
die flachen Gefühlslandschaften im Norden ohne
Berg- und Talfahrten sehnt er sich ohne Karneval mit Kölsch
und Erwachsenen in Käferkostümen die nicht einmal
Kartoffelsalat zubereiten können die ihre Nachbarn
auf der anderen Rheinseite diskriminieren – scheel Sick –
weil sie Altbier trinken und Helau rufen schlecht genährt
fühlt sich der Ostfriese bei Erpelschlot und Reibekuchen
durch Witzzwang verwirrt und unverstanden fühlt sich der
Ostfriese am Tage und in der Nacht nicht integriert
und ausgegrenzt will keine Duldungen kein Bleiberecht
studiert den Stellenmarkt
im Norden
Jochen Stüsser-Simpson lebt im Hamburger Westen, liest, schreibt und joggt gerne und freut sich immer wieder über Veröffentlichungen im KKL-Magazin und a.a.O., vergl. Internet!
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