Der Handel

Simon Sterz für #kkl32 „Keime des Sinnvollen




Der Handel

An einem heißen Julitag ging ein Reisender eine Landstraße entlang. Die grelle Nachmittagssonne fiel unbarmherzig auf das umliegende, ausgetrocknete Land. Zu seiner Rechten wie zu seiner Linken sah er nichts als gelbe Weizenfelder, ockerfarbene Wiesen und vereinzelte Bäume, deren Blätter sich vor Hitze herbstlich zu verfärben begonnen hatten.

In dieser sommerlichen Steppenlandschaft fiel ihm in der Ferne – dort, wo die Luft von der Hitze zu flimmern begann – ein außergewöhnlich großer, grauer Felsbrocken auf. Als er weiter darauf zuging, bemerkte er, dass jemand in dessen Schatten stand.

Je näher er dem riesigen Stein kam, desto besser erkannte er die Person daneben. Es war ein verschwitzter, staub- und schmutzbedeckter Arbeiter mit Sonnenhut. Hinter der Umzäunung eines brachliegenden Felds lehnte er neben Schaufel, Spitzhacke und einigen Seilen an dem Felsen. Als der Reisende nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, nickte der Arbeiter ihm freundlich zu und tippte sich an den Strohhut.

Für gewöhnlich wechselte der Reisende bei derartigen Begegnungen die Straßenseite, doch dieser Unbekannte hatte sein Interesse geweckt. Er konnte sich nicht erklären, was dieser Mann mitten im Nirgendwo mit diesem großen Stein zu suchen hatte.

»Guten Tag«, sagte der Reisende freundlich.

»Ebenso«, antwortete der Arbeiter ein wenig außer Atem, während die Schweißperlen auf seiner Haut glänzende Bahnen über die Staubschicht zogen, die ihn bedeckte. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich wüsste gern, was es mit diesem Stein auf sich hat. Warten Sie auf ein Fahrzeug, das ihn fortbringt? Was ist so Besonderes an ihm, dass man keinen aus einem gut angebundenen Steinbruch hätte nehmen können?« Er schaute über die weite Ebene und lauschte dem kraftlosen Wind. Kein Motor war zu hören. »Er ist ja viel zu groß, um ihn irgendwo hinzuschaffen.«

Der Arbeiter reckte leicht sein Kinn in die Höhe und schien konzentriert auf einen Punkt über ihm zu starren, während er in geschäftlichem Ton antwortete: »Das ist richtig. Ich habe aber auch nicht vor, mich um seinen Transport zu kümmern, denn meine Arbeit hier ist getan. Nun will ich ihn verkaufen. Haben Sie Interesse?«

Der Reisende runzelte die Stirn. Was sollte er mit einem dermaßen großen Stein? Wie sollte er ihn transportieren? Selbst wenn er ihn mit aller Kraft vor sich her rollen würde, würde sich seine Weiterreise um viele Tage in die Länge ziehen – von der Anstrengung einmal ganz abgesehen. Doch da er ein Geschäft witterte, antwortete er stattdessen skeptisch: »Was ist denn nun das Besondere an diesem Stein? Enthält er ein seltenes Erz oder Mineral, das sich vor allem hier finden lässt?«

»Nein«, antwortete der Mann mit dem Strohhut und klopfte leicht auf die harte Oberfläche des Felsbrockens. »Abgesehen von seiner Größe ist nichts Besonderes an ihm. Er stammt auch aus keiner Mine, und obwohl ich kein Geologe bin, bezweifle ich, dass er irgendetwas Wertvolles enthält.« Die enttäuschenden Informationen, mit dem der Arbeiter ihn versorgte, passten nicht recht zu seinem selbstbewussten, geschäftigen Tonfall. »Dort«, sagte er und zeigte auf ein vom Reisenden bisher unbemerktes, halb zugeschüttetes Loch im brachliegenden Feld hinter ihm. »Da habe ich ihn her. Vier Stunden habe ich mich in dieser Hitze damit abgeplagt.«

Dem Reisenden taten sich immer mehr Fragen auf. »Hat denn der Bauer, dem dieses Feld gehört, Sie nicht schon für die Entfernung des Steins aus seinem Ackerland entlohnt?«

»Tatsächlich nicht, aber er war auch viel zu tief vergraben, um ihn bei der Aussaat zu stören. Ich habe ihn aber auch nicht auf mein Vorhaben hingewiesen.« Verärgert runzelte der Arbeiter die Stirn. »Wollen Sie den Stein nun kaufen oder nicht?«

Überrascht dachte der Reisende für einen Moment darüber nach, kam aber schnell zu dem Schluss, dass er keinen Vorteil von dem Erwerb eines Felsbrockens mitten im Nirgendwo hätte. »Ich denke nicht, entschuldigen Sie.«

Enttäuscht schaute der Arbeiter vom Reisenden zum Stein und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Nun gut. Wenn Sie sich das wirklich ausreichend überlegt haben, kann ich wohl nichts daran ändern. Trotzdem denke ich, dass ich für meine Arbeit entlohnt werden sollte. Und sie ja wohl auch. Schließlich haben Sie sich selbst vorhin verwundert danach erkundigt.« Lautlos bewegte er die Lippen und starrte konzentriert vor sich hin, als würde er etwas berechnen oder zählen. »Ich will mal nicht so sein und berechne Ihnen allein die vier Stunden Arbeitszeit, ohne den Wert des Steins hinzuzuziehen, den ich dann selbstverständlich behalte.«

»Wieso soll denn ausgerechnet ich für Ihre Arbeit bezahlen? Habe ich Sie denn damit beauftragt, ihn aus dem Feld zu holen? Überhaupt kann es sich nur um einen Zufallsfund handeln. So einen Stein erahnt man schließlich nicht beim ersten Spatenstich.«

Verwirrt schaute der Reisende dem Arbeiter in die Augen und suchte dort nach einem Hinweis, ob dieser verrückt geworden war. Doch er fand lediglich eine Mischung aus Ärger und Traurigkeit darin. »Ich dachte, da Sie ja immerhin selbst der Ansicht waren, ich müsse für meine Arbeit bezahlt werden, würden Sie dieses durchaus nicht unvorteilhafte Angebot annehmen. Die Tatsache, dass es sich hierbei um einen Zufallsfund handelt, vergrößert den Wert dieses Steins schließlich nur noch – bedenken Sie nur, wie unwahrscheinlich diese Entdeckung ist! Außerdem gibt es einen derartig großen Stein in keinem Geschäft zu kaufen!«

Daraufhin überlegte der Reisende einige Sekunden lang, ob er sich nicht tatsächlich ein Geschäft entgehen ließ, wenn er den Kauf ablehnte. Sollte er wirklich zu dem Schluss kommen, dass er den Stein erwerben wollte, sollte dies natürlich zu einem möglichsten niedrigen Preis geschehen. Daher antwortete er so desinteressiert wie möglich: »Das ist durchaus möglich, zumindest fällt mir kein einziges Geschäft ein, indem ich jemals einen solchen Stein zum Verkauf sah. Wie viel soll er denn kosten?«

»Der Preis des Steines stellt in der Tat ein Problem dar. Sehen Sie, würde es sich um einen gewöhnlich großen Stein handeln, der auch sonst wo zu erwerben ist, könnten wir vergleichende Preise hinzuziehen. Dann hätten Sie aber auch keinerlei Grund, Interesse an einem Kauf hier an dieser Landstraße zu haben. Man kann sich bei diesem Fels auch nicht an entsprechend vielen kleineren Steinen orientieren. Diese sind zwar leichter von der Stelle zu bewegen, allerdings erfordern sie besondere Transportmöglichkeiten oder sehr viel Laufarbeit. Deshalb mache ich Ihnen ein Angebot: das doppelte des Preises, den dieselbe Menge Kies hätte, soll es sein, denn schließlich ist Kies sehr viel feiner, und bedenken Sie nur, dass Sie sich mit dem Kauf dieses großen Steines immer noch die Möglichkeit offenhalten, ihn zu Kies zu verarbeiten – umgekehrt geht dies selbstverständlich nicht!«

Beim letzten Satz hatte der begeistert plappernde Arbeiter belehrend den Zeigefinger gehoben, als wollte er damit sichergehen, dass der Reisende seine soeben geteilte Weisheit auch verinnerlichte. Obwohl sich der Reisende die Begeisterung für diesen Stein immer noch nicht ganz erklären konnte, erschien sie ihm beständig nachvollziehbarer.

»Das Doppelte halte ich aber doch für zu viel, so fair Ihnen dieses Angebot auch erscheinen mag. Verarbeite ich den Stein zu Kies, ist der Felsbrocken als solcher schließlich nicht mehr vorhanden. Das Offenhalten der Möglichkeiten ist mir allerdings durchaus die Hälfte des Steins an sich wert.« Er ertappte sich dabei, wie er den Arbeiter zufrieden anlächelte, und schob dann schnell hinterher: »Ich meine natürlich nur, wenn ich überhaupt ein Interesse daran entwickeln sollte, diesen Fels zu erwerben.«

Ein leichter Schauer fuhr ihm den Rücken herunter, als er darüber nachdachte, dass er sich fast verraten hätte. ›Außerdem‹, dachte er und glaubte den Arbeiter überlistet zu haben, indem er einen weiteren Nutzen entdeckt hatte, ›kann man ja auch darauf sitzen.‹

»Also gut, dann soll es so sein«, antwortete der Arbeiter, hob seine Schaufel auf und begann, mit der Spitze Zahlen in die staubige Erde zu schreiben. »Für den Wert von vier Arbeitsstunden und der anderthalbfachen Menge an Kies, zu der dieser Stein verarbeitet werden könnte, soll er Ihnen gehören.« Freundschaftlich streckte der Arbeiter dem Reisenden die Hand entgegen. Schon nach einem flüchtigen Blick auf die Rechnung schlug der Reisende ein und überreichte ihm das Geld.

Der Arbeiter tippte sich an den Hut, packte seine Werkzeuge zusammen und kletterte über den Zaun. »Dann kann ich ja jetzt endlich nach Hause gehen. Auf Wiedersehen!«

Ungeduldig schaute der Reisende zu, wie der andere in die Richtung die Landstraße entlang ging, aus der er gekommen war.

Als der Arbeiter nur noch zu erahnen war und der Reisende sich sicher sein konnte, dass er ihn nicht mehr erkennen würde, wenn er von der übersehenen Funktion Gebrauch machen würde, setzte er sich oben auf den Stein. Aus seinem sonnenbeschienenen Gesicht strahlte ein triumphierendes Lächeln.




Simon Sterz, geboren 1990, arbeitete nach einem abgeschlossenen Game-Design-Studium in Berlin einige Jahre in dieser Branche, bevor er sich selbständig machte und sein Schreibtalent zunächst als Übersetzer professionalisierte. Seit Ende 2021 arbeitet er freiberuflich für verschiedene Spieleentwickler als Lektor und Autor für Spiele. Im Dezember 2022 erschien sein Debütroman „Der Fall Zossner“, den er in seinem Wohnort Limburg verfasste. Dort leben er und seine Frau auch heute noch mit ihren beiden Kindern.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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