Frederik Durczok für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“
Anna über Neumarkt
Anna Schmitz wurde im Jahr 1331 in Lyskirchen geboren. Wobei, halt. Wir finden lediglich eine wahrscheinlich passende Taufe für diese Zeit. Wobei diese für Christen ja als bedeutsamer als die biologische Geburt galt. Anna wuchs in regelrecht geordneten Verhältnissen auf. Ihr Vater konnte trotz des spürbaren Klimawandels – eine Erkaltung des globalen Klimas, die auf astronomische Phänomene zurückgeführt werden kann – der zu extremen Einbrüchen in der Getreidewirtschaft führte, mit dem Handel von Stockfisch aus frühhansischen Partnerorten den Reibach seines Lebens machen. Das Haus Jopp Schmitz blieb aber trotzdem maßhaltend und fromm. Man war seit Generationen notorisch gottesfürchtig, wobei die größte Anbetung meist seiner Mutter und weniger dem Herrgott selbst galt.
Et Ännchen wurde zu Bescheidenheit und Güte erzogen, sodass sie es gar nicht recht bemerkte, dass der halbe Hafen und die gesamte junge Generation der aufstrebenden Kaufmannschaft auf sie stand. Wobei freilich mehr als die Hälfte der jungen Hipster auf Anna stand und die andere größere Hälfte sie beneidete. – Und so wurden die enttäuschten jungen Kölner immer zahlreicher, die Taschen des braven Jopp Schmitz immer voller und die Liebe von Anna Schmitz zu den Armen und der Natur immer inniger.
Es hätte wohl noch viele ähnliche Jahre mit Kabale und Liebe in den besseren Köllschen Kreisen gegeben. Doch in jenem Sommer des Jahre 1349 nach der Geburt des Herrn durch die selige Jungfrau Maria erreichte der Schwarze Tod auch die Heilige Stadt Köln.
Die Schmitz holten sich die Pest im Hafen, wobei solche Details bei der Wucht der Ausbrüche schnell an Bedeutung verloren. Jopp starb zuerst nach Stunden bei einem erschreckend unansehnlichen und todbringenden Erstickungsanfall durch einen Blutschwall. Bald folgten seine ehrbare Gattin und nach und nach die anderen Familienmitglieder. Das Personal. Bekannte. Nachbarn. – Lediglich die schöne Anna blieb wie durch ein Wunder von der Seuche verschont. Am Dienstag war sie noch die beste Partie in Lyskirchen und darüber hinaus. Donnerstags galt sie bereits als die reichste Frau in Lyskirchen. Und eine Woche später war die komplett verwaiste junge Frau eine der reichsten Personen am Rhein, da dem Hause Schmitz bereits Erbschaften von verbündeten und entfernt verschwägerten Familien zufielen.
Lange konnte es so freilich nicht gehen und bei solch einer Kapitalanhäufung rückte natürlich die liebende Mutter Kirche auf den Plan, die es nur schwerlich zulassen konnte, dass solch eine einsame Seele so viel weltlichen Ballast als ihr Kreuz trägt. Jedenfalls war da dieser sehr verschmähte und, wie wir heute sagen würden, toxisch männliche Gereon Fischer, der nun nicht mehr heiraten konnte, weil er seine Verlobte Marie aus anständigem Deutzer Hause bereits in weniger weiser Voraussicht geschwängert hatte. Es blieb ihm, bei dem in seiner Sicht verwehrten Reichtum, auf Rache zu sinnen. Dann war da dessen Beichtvater, Bruder Pankratius, der im Dienste seiner Karriere viele Botendienste und mancherlei Schweinerei für die höhere Geistlichkeit unter der Hand durchführte. Dann noch Pilgrino, der Kutscher, der ein mehr oder weniger geheimer Spion des Mainzer Erzbischofs war. Und sagen wir noch der geläuterte Raubritter Konrad von Brakenfels, der Zuhälter Kuno, der Pelzhändler Lado und die Magd Käthe.
Bauer auf C4, Läufer lange Diagonale und ein Pferd geopfert – und schon stand die offizielle Anklage wegen Hexerei gegen die schändliche Anna Schmitz, die ihre ganze Familie verflucht hatte, alle ehrbaren Mannen verschmähte, weil sie es mit dem Teufel trieb und vielleicht auch noch die Brunnen in Lyskirchen und Deutz vergiftet hatte.
Da waren aber auch die gewitzte Dirne Anna, die den gesamten hohen Klerus kannte, der bucklige Wärter Andras und die kräuterkundige Greisin Susa. Sie ermöglichten Annas letzten Aufstieg von den üblen unterirdischen Folterkammern der heiligen Mutter Kirche bis hinauf auf die Höhen der Fassade von Sankt Aposteln.
Anna sprang. Sie starb, womit das Gottesurteil gefällt worden war, dass sie keine Hexe gewesen. Die Kirche kümmerte sich in Zeiten von Massengräbern um eine würdige Bestattung, was Gereon missfiel. und auch das gesamte nie dagewesen große Erbe der jungen Anna ging versöhnlich und leise in den Schoß der Kirche ein.
Erzählen konnten die Geschichte nur wenige, da Gereon, Andras, Susa, Marie und auch der Henker Grob‘bert in wenigen Wochen vom Schwarzen Tod geholt wurden. – Und überhaupt war die ganze Geschichte frei erfunden.
Frederik Durczok
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