Angelika Zick für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“
Grünes Satinkleid
Ich sah die Verzweiflung in deinen Augen, du wusstest nicht wohin mit dir. Wie eine Topfpflanze suchtest du nach der Sonne, nach einem Wegweiser. Der Raum, in dem du standest, hatte jedoch keine Fenster, es war stockdunkel. Ich wollte deine Hand nehmen und dich hinaus führen, doch sie entglitt mir, als ich daran zerrte. Du fielst zusammen in eine Pfütze, die sich in den Boden zog. Zurück blieben nur dein dunkelgrünes Satinkleid und ein goldglänzender Rosenkäfer. Ich hob den Käfer in meine Hand und er fing an, zu leuchten. Sein Brummen verteilte melodisch Farben in das Zimmer, honiggelb und smaragdgrün. Im Rhythmus meines Herzschlags flackerten Lichter auf, so hell und strahlend, sie riefen die sanften Züge deines Grinsens in mein Gedächtnis. Ich setzte den Rosenkäfer wieder dort ab, wo du versickert warst. Ich beobachtete ihn, folgte seinen kleinen Beinen mit meinem Blick. Er krabbelte einige Momente umher, bis er plötzlich anfing zu stampfen. Der Boden bebte unter mir. Er riss auf, entblößte die Welt darunter, die Welt, in die du verschwunden warst. Chaos. Blaue Violen brachen die Wände entzwei, unausgesprochene Worte schwebten in der Luft, es roch nach Lavendel. Schwarze Schatten von Händen ergriffen meinen Körper und schleiften mich hinein in den Spalt unter mir. Die Hände ließen mich daraufhin los und ich hing schwerelos zwischen Schleierwolken und ruhigen Tönen. Ich schob einen Windzug lieblichen Tannendufts beiseite, folgte dem Geräusch von Meeresrauschen vor mir und gelangte zu einem offenen Feld. Stille setzte ein. Deine Verzweiflung war greifbar, so ruhig war es geworden. Vor mir sichtbar war nichts als Schnee. Weißer, meterhoher Schnee. Große Flocken tanzten seicht umher und setzten sich leise auf die unberührte Landschaft vor mir. Mir war nicht aufgefallen, wie kalt es geworden war. Mein Atem hing schwer in der Luft. Ich schaute umher und entdeckte einen grünen Farbflecks inmitten der Fläche. Ich bewegte mich darauf zu, durch den Schnee watend, das Knistern meiner Schritte unter mir. Als ich näher kam, verwandelte sich das Gebilde vor mir in die Form einer Gestalt. Du lagst im Schnee, dein tiefgrünes Satinkleid umspielte deine Figur, Arme und Beine hattest du ausgestreckt wie ein Schneeengel. „Ich finde keine Antwort“, sagtest du, ohne mit irgendjemand Bestimmten zu sprechen. „Es spannt mich in jede Richtung. Ich will hier liegen bleiben. Ich will dem Klang der Honigbienen folgen. Ich will die weißen Tulpen ausreißen“. Ich dachte einen Moment nach, bevor ich meine Gedanken teilte. „Vielleicht ist es in Ordnung, dich nicht sofort zu entscheiden“. Schwarz. Ich war wieder zurück im düsteren Raum, du warst verschwunden. Etwas war jedoch anders als zuvor. Vor mir stand ein Spiegel. Ich hob den Kopf, um hineinzusehen. Ich sah mich in meinem grünen Satinkleid, umringt von Chaos. Ich kehrte den Blick ab und ging auf eine der Ecken im Zimmer zu. Ich schob den Vorhang beiseite und ließ etwas Tageslicht hinein.
Angelika Zick, geboren 1998, ist Masterstudentin der Literaturwissenschaft. Mit der Hoffnung, Inspiration für ihr Schreiben zu finden, verließ sie mit 18 Jahren ihr Elternhaus, zog nach Paderborn, danach München und befindet sich derzeit in Erfurt. Sie ist bestrebt, sich einen permanenten Ort durch ihre Geschichten zu schaffen und ihrer Rastlosigkeit Raum in ihren Texten zu geben.
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