Christiane Spooren für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“
Kampf gegen den Keim
Sie schaut auf die Uhr. Dreiunddreißig Minuten sind vergangen. Die Küche stinkt nach Chemie. Und das, obwohl sie die Terrassentür weit geöffnet hat.
Dreiunddreißig Minuten müssen reichen. Sie krempelt die Ärmel hoch, schnappt sich einen Schrubber und tritt nah an die Spüle heran. Wollen wir doch einmal sehen, wer hier das letzte Wort hat.
Sie schrubbt, bis die gesamte Spüle unter Schaum steht. Da KANN kein Fleckchen Kalk mehr überleben. Alles hat sie schon probiert: Entkalker, Natron, Zitronensäure. Nichts wirkte. Warum hat sie sich überreden lassen, eine anthrazitfarbene Spüle zu wählen? Darauf sieht man jeden noch so kleinen Fleck.
Sie spült alles mit reichlich Wasser ab und geht noch einmal mit einem trockenen Lappen drüber. So, jetzt muss sie warten, bis es getrocknet ist. Denn sie hat schon einmal geglaubt: Ha, alles blitzt und glänzt, sie hat es geschafft. Und nach ein paar Minuten sah es wieder so ranzig aus wie vorher.
Sie schaut auf die Uhr. Gleich muss sie die Kinder abholen. Erst die Kleine, dann den Großen. Sie könnte eben die Waschmaschine anschmeißen. Oder den Müll rausbringen. Oder fix die Toilette putzen.
Aber sie will das Ergebnis sehen. Wenn sie als Siegerin aus diesem Kampf hervorgeht, will sie von Anfang an dabei sein. Sie lässt die Fingerkuppen über die Arbeitsplatte trommeln und geht in Gedanken die heutige To-Do-Liste durch:
Kinder abholen.
Bei der Mutti von der Kleiderbörse anhalten. Die hat ein paar gebrauchte Jogginghosen für den Großen.
Kurz in den Supermarkt. Dabei dafür sorgen, dass die Kinder weder sich noch andere Mitmenschen um den Verstand bringen.
Nach Hause kommen, Einkäufe wegräumen. Alles auffangen und einsammeln, was die Kinder durch die Gegend werfen.
Oh, richtig: Auf keinen Fall im Supermarkt vergessen, Kekse für den Kindergarten zu holen, morgen ist da Frühlingsfest. Für mehr als Kekse reicht ihr Nervenkostüm nicht. Mit dem schlechten Gewissen wird sie leben müssen. Sie setzt sich eine Erinnerung ins Handy, vielleicht bekommt sie ja ausnahmsweise mit, wenn der Alarm angeht.
Was noch?
Mit dem Hund Gassi gehen. Samt Kindern, die darauf mit Sicherheit keine Lust haben und vor Müdigkeit nörgelig sein werden. Was muss, das muss. Notfalls mit medialer Hilfe.
Abendessen kochen.
Abendessen wegschmeißen, weil die Kinder es nicht oder nur anteilig essen werden. Vorher einen Teil einfrieren, für später.
Kinder ins Bett bringen. Heute alleine, Max ist beim Kegeln.
Vermutlich doch einen Kuchen backen, weil ihr schlechtes Gewissen siegt oder sie den Alarm überhört hat.
Sie ist so in Gedanken, dass sie glatt vergisst, auf die Spüle zu stieren. Das gibt’s doch nicht, da sind immer noch weiße Wasserflecken und ein Rand unter dem Wasserhahn. Dieser miese, kleine …
Sie schnappt sich den Schrubber und bearbeitet die Ränder erneut. Sicher könnte sie die Zeit sinnvoll für andere Sachen nutzen. Aber sie möchte wenigstens diese eine Sache zu Ende bringen. Sie weiß schon, selbst wenn die Reinheit ihren Ansprüchen genügen würde, sähe es in einer Woche wieder so aus wie vorher. Diese Penetranz ist absolut unsinnig. Aber darum geht es ihr nicht: Sie braucht dringend das Gefühl, dass sie sich nicht immer mit Halbgarem zufriedengibt. Dass sie nicht zu schnell aufgibt, abwinkt und hinnimmt, was ihr nicht gefällt. Nur diesen einen Kampf möchte sie gewinnen.
Und deshalb greift sie jetzt nach dem Stahlschwamm und schubbt, was das Zeug hält. Bis ihr der Schweiß auf der Stirn steht, die Fingerknöchel weiß anlaufen und das Haar wirr ins Gesicht hängt.
„Argh!“, stöhnt sie und atmet kraftvoll aus. Sie schluckt herunter, was ihr schon lange auf der Seele brennt, und pfeffert den Schwamm in die Ecke.
Hastig geht sie zum Kühlschrank, nimmt sich eine Dose Cola – scheiß auf die Kalorien, bestimmt hat sie gerade eine Million davon verbrannt – und kippt die Hälfte in einem Zug hinunter.
So. Wenn jetzt noch Kalk übrig ist, dann ist sie einfach … unfähig. Muss sich geschlagen geben und hinnehmen, dass das nun ihr Leben ist: Eine Anreihung von Niederlagen.
Sie trinkt die andere Hälfte und geht zur Spüle. Sie wäre gern so cool, die Dose mit der Hand zu zerknüllen und in den Müll zu feuern, aber da ist ja Pfand drauf. Also dreht sie sie um, lässt die restlichen Tropfen in das Spülbecken laufen und da sieht sie es:
Tiefe Kratzer im dunklen Grau, kreuz und quer.
Geboren 1986 in der Lausitz, lebt Christiane Spooren mit ihrem holländischen Mann, zwei kleinen Kindern und einer Hündin am Niederrhein. Sie hat Literaturübersetzen studiert und arbeitet jetzt als Sprachprozessberaterin in Düsseldorf. Seit mehreren Jahren publiziert sie in Anthologien und Online-Magazinen über Partnerschafts- und Familienthemen.
Über #kkl HIER
