Schöne Hinterlist

Martin A. Völker, für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Schöne Hinterlist

Die List hinter einem gelungenen Leben besteht in jenen Listen, die wir immerzu schreiben. Wie unbefriedigend bleiben Einkäufe ohne Einkaufsliste? Welchen Grad von Urlaubsreife hinterlässt ein Urlaub ohne vorherige Pack- und Checkliste, ohne Sightseeing-Hitliste? Wie misslich beginnt, verläuft und endet eine Beziehung, die nicht über dem heiligen Grund einer Pro-und-Kontra-Liste errichtet wurde? Unser Lebensglück ist in Wahrheit ein Listenglück. Alles steht in Reih und Glied, wobei die Profis immer gleich zwei Listen für jede noch so kleine Aktion anlegen: eine Liste, die als Exerzierplatz unserer Gedanken dient, wo noch hier und dort umgestellt, gestrichen, hinzugefügt wird; die andere Liste als Reinschrift der ersten Liste, versehen mit Durchnummerierung und durchnummerierten Unter- und Unterunterpunkten. Die Schönheit von Listen ist in der Tat betörend. Wer will sich Urlaubsbilder zeigen, wenn man sich gegenseitig die dafür erstellten und dabei geführten Listen zeigen kann? „Du hast dich für die alphabetische Sortierung entschieden. Kann man machen, sieht auch toll aus!“ „Dir steht die römische Bezifferung ausgesprochen gut!“ „Bloß vorsichtig, Bulletpoints tragen immer etwas auf!“ „Wow! Lange Liste vor Sonnenuntergang!“ Gleich nach dem Diaabend hat sich der Listenabend in der Champions League der Beschäftigungen festgesetzt. Niemand stört sich daran, dass Ereignisse sich nicht ereignen, wenn nur die Planung dafür stimmt. Die Liste wird zum Selbstzweck. Die Selbsterkenntnis ist der Selbstauflistung gewichen. Es ist ein Zeichen der Zeit, das dumpfe Gefühl mit sich herumzutragen, dass wir uns irgendwie verzetteln, untergehen könnten im Wust der Altlisten und ständig neuen Gelegenheitslisten. Größtes Erstaunen bis hin zum Argwohn kommt über uns, wenn wir Kindern beim Spielen zusehen. Ohne Absichtsfestlegung und Strategie sitzen sie auf dem hölzernen Rand der Buddelkiste, greifen in den Sand hinein, lassen ihn durch die Finger rieseln und rutschen, graben tief, türmen auf, formen Häufchen und Kugeln. Warum so tief? Warum so hoch? Was das sein soll? Was das einmal werden soll? Egal! Ganz ohne Plan und Zweck entstehen aberwitzige Tunnelsysteme, bizarre Bauwerke, Nirgendwohinstraßen, Zeichen ohne Empfänger. Manchmal entsteht im Sandkasten nicht einmal das, und trotzdem ist die anhaltende Freude der voraussetzungslosen wie folgenlosen Aktivität spürbar. Wäre die Würde des Menschen an Bedingungen geknüpft, wäre sie antastbar, was sie nicht sein soll. In ihrem scheinbar sinnlosen Tätigwerden bringen Kinder sich selbst, die Fülle ihres Seins, hervor, während die Erwachsenen scheinbar sinnvoll zur Tat schreiten und bloß Listen hervorbringen. Solche Menschen stellen sich ihren Schöpfer als Listen schreibenden Generalplaner vor. Am Anfang war das Wort, sein Wort, vermutlich als Wort auf einer langen Liste von Wörtern. Die alten Griechen wussten und erdichteten es besser. Ein Blick in die Theogonie des Hesiod überzeugt dich davon: Aus dem Chaos ist alles entstanden. Wer hätte ein solches Chaos mit Checklisten planen und beherrschen können? Kann das, was aus dem Chaos entsteht, einen Keim des Sinnvollen in sich tragen? Welchen Sinn sollten die aus dem Chaos entstandenen Götter und Ungeheuer haben? Zum Glück keinen. Alles erhält und behält seine Würde, wenn es keinem dienen und keinerlei Zweck erfüllen muss, wenn es existieren darf, weil es existiert. Nutze also die Zeit sinnvoll, um Sinnloses zu tun. Säe die Keime des Sinnlosen, und du wirst das Achtbare ernten, das zu dir selbst zurückführt. Übe dich in der Kunst der schönen Hinterlist.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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