Hinter dem Vorhang

Samantha Witt für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Hinter dem Vorhang

„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“

„Wissen Sie’s?“

„Sehr witzig. Also, was haben Sie gesehen?“

„Wo?“

„Hören Sie auf damit?“

„Womit?“

„Fragen mit Gegenfragen zu beantworten. Ich dachte, Sie wissen alles?“

„Behaupten Sie.“

„Auf jeden Fall wissen Sie mehr, als irgendein Mensch auf diesem Planeten. Was haben Sie gesehen?“

„Wo?“

„Gut, ich lasse mich auf Ihr Spielchen ein. Nicht, weil ich Sie mag oder Ihnen entgegen kommen möchte. Sondern, weil ich keine andere Wahl habe. Also, alle unsere Wissenschaftler sind sich einig, dass so ein Vorgang nicht noch einmal wiederholt werden kann. Alles Wissen der Menschheitsgeschichte. Kumuliert auf einen Punkt. Und ein kleines Arschloch wie Sie…“

„Na.“

„… stolpert zufällig da rein und bekommt die Ehre auf den Ursprung des Universums zu blicken, hinter den großen kosmischen Vorhang. Auf das, was alle großen Fragen beantwortet. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es einen Gott? Und aus irgendeinem Grund beschließe Sie, niemanden zu erzählen, was Sie da gesehen haben. Es für sich zu behalten. Finden Sie das nicht auch… irgendwie unethisch?“

„Ich glaube nicht, dass diese Frage mit Ethik zu tun hat.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Reine Wortklauberei. Es ist gemein. Millionen, ach was, Milliarden Menschen, alle Menschen stellen sich im Grunde die gleichen Fragen. Und Sie haben die Antworten darauf. Oder zumindest Teile der Antwort. Warum wollen Sie uns nicht erzählen, was Sie da drüben gesehen haben? Was ist hinter dem Universum?“

„Ich erzähle es Ihnen nicht, weil es keine Rolle spielt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nehmen Sie die Frage nach Gott. Gläubige wollen glauben, was sie glauben. Würde ich anfangen jetzt einen Gott zu beschreiben, würden mir nur diejenigen glauben, deren Vorstellung sich ohnehin schon weitestgehend mit meiner Beschreibung deckt. Alle anderen würden mich als Ketzer oder Scharlatan betrachten. Im Grunde wäre ich wie jeder andere Prediger, dessen Anhänger glauben, dass er oder sie warum auch immer die eine Wahrheit kennt.“

„Vergessen Sie die religiösen Spinner, was ist mit dem Rest der Menschheit?“

„Es geht Ihnen doch nicht um die Menschheit. Sie wollen es selber wissen. Weil Sie glauben, ich könnte etwas gesehen haben. Weil Sie an das Experiment glauben. Aber woher wollen Sie wissen, dass es funktioniert hat? Was ist, wenn ich nichts gesehen habe? Bedeutet es, dass da wirklich nichts ist? Oder das ich es einfach nicht gesehen habe?“

„Unsere Messdaten sagen, dass es funktioniert hat. Sie waren zehn Minuten weg, schwangen über Zeit und Raum. Ja vielleicht sogar über sämtliche Paralleluniversen, fünfte Dimension, existierten gleichzeitig überall. Taten Sie das? Gibt es ein Multiversum? Oder mehrere?“

„Und Sie glauben mein Gehirn könnte all dies in zehn Minuten verarbeiten, wenn ich alles auf einmal gesehen hätte?!“

„Das wissen wir nicht. Deswegen fragen wir Sie ja. Im Grunde wollen wir nur wissen, was Sie gesehen haben. Die Auswertung, wer was mit welcher Information anfängt, ist dann ein anderer Prozess. Im Grunde genommen ist es sogar der normale wissenschaftliche Prozess. Jemand findet irgendwas heraus, und unterschiedlichste Menschen aus verschiedensten Ländern und Kulturkreisen debattieren über Jahrzehnte, ob es so oder so zu deuten wäre. Manchmal sogar über Jahrhunderte bis Jahrtausende. In Ihrem Fall und was Sie uns zu erzählen hätten, ganz sicher sogar Jahrtausende.“

„Und ich versuche Ihnen zu erklären, dass es egal ist, was ich da gesehen habe.“

„Wieso lassen Sie es nicht uns entscheiden, ob wir das egal finden?“

„Vielleicht hat mich das, was ich da drüben gesehen habe, ja so gleichgültig gemacht?!“

„Jetzt machen Sie sich lustig über mich. Gut, ich lasse mich auch jetzt auf Ihr Spiel ein. Warum ist es egal, was Sie gesehen haben?“

„Sie redeten gerade von Wissenschaft. Sie könnten meinen Bericht jedoch nicht verifizieren. Ich könnte mir irgendwas ausdenken, Sie würden es schlicht niemals wissen. Niemals wirklich. Es ist wie mit dem lieben Gott gerade. Wem meine Erzählung ohnehin passt, der wird mir glauben. Und wer nicht, der halt nicht. Daher ist es völlig egal, was ich gesehen habe.“

„Nun, vielleicht gelingt uns irgendwann ja trotzdem nochmal so ein Sprung? Die Logik sagt, dass alles, was einmal passiert, auch ein zweites Mal passieren kann.“

„Dann schicken Sie das nächste Mal doch einfach nicht so ein kleines Arschloch wie mich dahin.“

„Sehr witzig, Ihre Beteiligung war Zufall und das wissen Sie auch. Das Problem ist eher, dass selbst wenn sich diese Experiment mit Singularitäten wiederholen lässt, es streng genommen vielleicht sogar gar keine Singularitäten sind, es höchstwahrscheinlich Jahrhunderte oder vielleicht sogar Jahrmillionen dauert, bis sich so etwas wiederholen lässt. Wenn man etwas über unser Universum sagen kann, dann, dass es unendlich Zeit hat. Zumindest nach menschlichen Maßstäben. Es ist davon auszugehen, dass niemand von uns so einen zweiten Sprung miterleben wird. Auch nicht unsere Kindes Kinder Kinder. Und da erscheint es mir schon fast bösartig von Ihnen, es einfach zu verschweigen, was Sie da gesehen haben.“

„Wieso gehen Sie eigentlich so fest davon aus, dass ich etwas gesehen habe? Vielleicht habe ich ja auch nur gefühlt? Oder gerochen? Die Entstehung des Universums gerochen und weiß jetzt alles.“

„Ach, kommen Sie. Und selbst wenn, Wortklaubereien. Sie wissen genau, was ich meine und von Ihnen hören möchte! Was haben Sie drüben erlebt? Was ist in diesen zehn Minuten passiert? Was haben Sie gefühlt, gerochen oder sonst wie wahrgenommen?“

„Ich habe in den Maschinenraum des Universums geblickt. Und eines kann ich Ihnen dazu immerhin sagen: Begriffe wie unethisch, gemein oder bösartig existieren dort nicht. Warum verschwenden Sie Ihre kostbare Zeit mit mir? Vielleicht hätte ich Ihnen gleich irgendwas erzählen sollen und es dann völlig Ihnen und allen anderen nach Ihnen überlassen, ob Sie mir glauben wollen oder nicht. Aber jetzt habe ich schon zu lange gezögert. Wenn ich Ihnen jetzt etwas erzähle, wäre der Verdacht um so stärker, dass ich Ihnen einfach nur etwas erzähle, um meine Ruhe zu haben.“

„Wieso lassen Sie es nicht einfach darauf ankommen?“

„Ich habe riesige Gummibärchen gesehen, die würfeln.“

„Kommen Sie.“

„Vielleicht ist ja das, was ich gesehen habe so groß, oder auch einfach so banal, dass es unglaubwürdig erscheint? Vielleicht bin ich zu desillusioniert, um mir jetzt noch irgendwas tolles auszudenken?! Vielleicht habe ich in den großen göttlichen, universalen Thronsaal geblickt und einen leeren, verwaisten Thron vorgefunden? Vielleicht ist Gott ja wirklich tot, das Universum gewürfelt, kein großer Plan, nicht mal eine alles überspannende Physik, die nach einem festen, erklärbaren Muster verläuft?!“

„Wieso formulieren Sie alles in Fragen? War das so? Haben Sie einen verwaisten Thron gesehen? Würfelnde Gummibärchen oder den Weihnachtsmann auf Koks? Warum sagen Sie nicht einfach, was sie gesehen haben? Oh, oder lassen Sie mich raten, weil es keine Rolle spielt.“

„Jetzt haben Sie es begriffen.“

„Ha ha, sehr witzig. Gut, dann erzählen Sie es eben nicht. Aber was ist mit, wie haben Sie das eben genannt? Den Leuten, die nach mir kommen? Sie werden doch wohl einsehen, dass das Interesse an Ihrer Erfahrung immens ist?! Nicht nur wissenschaftlich, auch medial. Es ist sogar nicht völlig auszuschließen, dass sich jemand mit Gewalt versuchen wird Ihre Informationen zu holen.“

„Da haben Sie mich ja gut darauf vorbereitet. In dem Fall erzähle ich irgendwas. Was hätte Sie denn gefreut, was ich hätte zu Beginn erzählen können, was sich hinter dem kosmischen Vorhang befindet?“

„Ich? Ich weiß nicht. Irgendein Plan, etwas, das erklärt, warum Sachen so sind, wie sie sind.“

„Reichlich kryptisch. Vielleicht fange ich ja an zu malen.“

„Malen?“

„Ja. Abstrakte Kunst. Unbestimmte Formen, Farben. Und sage dann, dass ist das, was mir das Universum erzählt hat. Mache Millionen. Und die Bekanntheit dürfte mich dann auch vor den möglichen Übergriffen schützen, die sie eben angedeutet haben.“

„Toll. Ein Mensch bekommt das einmalige Glück hinter das Universum zu blicken. In dessen Maschinenraum wie Sie sagen. Und diesem Menschen fällt dann nichts anderes ein, als erst ein Riesengeheimnis daraus zu machen und dann Geld.“

„Vielleicht habe ich ja das gesehen? Geld.“

„Hmpf. Wissen Sie was? Ich will es gar nicht mehr wissen.“

„Nein?“

„Nein. Beantworten Sie mir nur diese Frage. Waren Sie vorher auch schon so ein Arsch? Oder sind Sie nur so geworden, wegen dem, was auch immer Sie da drüben gesehen oder erlebt haben?“

„Sie zeichnen dieses Gespräch doch sicher irgendwie auf. Vielleicht habe ich Ihnen die Antwort ja schon gesagt? Zwischen meinen Zeilen, wenn Sie so wollen. Wieso analysieren Sie die nächsten Jahre nicht das? In zwanzig Jahren oder so können Sie ja noch mal nachfragen und mir erzählen, zu welchem Schluss Sie gekommen sind. Vielleicht erzähle ich Ihnen ja dann etwas.“

„Vielleicht haben Sie ja gar nichts gesehen?“

„Vielleicht.“




Samantha Witt

Veröffentlichung, Ego (Novelle 2023, self published)






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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