Sigune Schnabel für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“
Wir trinken Regenwasser im Wald.
Vor lauter Bäumen sehen wir
uns nicht mehr,
flackern zwischen Lebensentwürfen.
Mit den Augen tasten wir
Fanggebiete ab, in denen Lieder
auf Grund laufen.
Kinder spielen mit Ankern und wühlen
im Sand, wickeln Zukunft um die Finger.
Wir kauen am Licht,
bis es bricht oder zäh wird,
begehen Mundraub an unseren Fragen,
jagen Spürhunden nach,
schulterfrei und neben der Spur.
Sobald die Stimme wegbleibt,
nehme ich mir einen Falken.
Den Winter habe ich herbeigesungen
Ich träumte, dass ich
auf die Erde fiel.
Sie drehte mich und ich
veränderte mein Angesicht.
Mein Rücken ruhte auf einem Schutzgebiet
für Wasservögel, und ich lernte von ihnen
zu singen: alle zwölf Lieder der Meere,
eins für den November,
der dunkel war und kalt.
Die Sommer vergaß ich bei seinem Klang,
und ich sah, wie die Erde Frostnächte gebar.
Tagelang hatten sie in ihrem Körper geschlummert.
Jetzt wollten sie ans Licht.
Mein Gesang verstummte,
und als ich erwachte, lag Schnee.
Gedächtnis
Ich kenne ein Lied, es bewacht die Geschichte
der Welt, hält sich zitternd an Land.
Abends singen sie aus den Zeitungen,
es knistert und raschelt zum Glockenklang.
Einer Seeschwalbe hat es gehört,
doch sie stieß es ab
mit dem Schnabel
und ließ es am Strand.
Ich höre ein Lied, es zählte die Schuhe
der Männer, wenn einer fehlte,
verlor es den Ton.

Sigune Schnabel, geb. 1981 in Filderstadt, Diplomstudium Literaturübersetzen in Düsseldorf. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, z. B. Jahrbuch der Lyrik 2022und2023, Seitenstechen, Krautgarten, Sprache im technischen Zeitalter und mosaik. Verschiedene Preise, u. a. Thuner Literaturfestival Literaare und Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2017, postpoetry-Wettbewerb 2018, Landschreiber-Wettbewerb mit Aufenthalt in Neuharlingersiel sowie Wiener Werkstattpreis 2022. Finalistin beim Lyrikpreis Meran 2022. 2021 erhielt sie ein Merck-Stipendium der Darmstädter Textwerkstatt. 2023 erschien ihr vierter Gedichtband „Die Zeit hat ihre Farbe verloren“ im Geest-Verlag, gefördert durch ein Projektstipendium der Kunststiftung NRW sowie durch ein Arbeitsstipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Mehr unter www.sigune-schnabel.de.
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