Lesen

Michael Eschmann für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Lesen

In meinem Elternhaus gab es wenig Bücher. Erinnern kann ich mich an drei: die Bibel, das Telefonbuch und ein Lexikon für Kreuzworträtsel. Darüber hinaus gab es eine kleine Bücherwand, eigentlich nur eine Bücherreihe, die im Wohnzimmer meiner Mutter in einer hässlichen und offenen Schrankwand stand. Was hier in Reih und Glied sich befand, war ein merkwürdiges Sammelsurium an Romanen, die monatlich von einem Buchclub uns zugeschickt wurden. Meine Mutter selbst las nie in den Büchern, weil sie lesen eigentlich gar nicht mochte, fand jedoch die Kunstlederbuchrücken in den unterschiedlichen Farben umso schöner und stellte die Buchreihe fast wöchentlich nach neuen optischen Kriterien um. Die Bücher selbst bestellte sie aus einem diffusen Gefühl heraus oder wie sie es nannte nach der Schönheit der Titel. Oft war etwas mit „Liebe“, „Sehnsucht“ oder gar „Verdammnis“ dabei. Diese kleine Buchreihe wurde schnell zu einer Tabuzone für meinen Bruder und mich. Gerne sagte sie: „Ich möchte nicht, dass ihr an meine Bücher geht, das sind meine anderen Kinder.“ Wir befolgten dies jahrelang bis zu jenem Tag, als ich in mir einen Ansatz eines Keimes einer unerklärbaren Aufsässigkeit verspürte. Lesen interessierte mich zu dieser Zeit überhaupt noch nicht. Auch erschienen mir die Bücher meiner Mutter nur langweilig und nervig. Hinzu kam ihr neurotisches Verhalten. Was genau an diesem Montagmorgen mich veranlasste, die Buchreihe erneut durchzusehen, weiß ich im Nachhinein nicht mehr. Vermutlich: Neugier. Oder: Langeweile. Meine Aufmerksamkeit blieb an einem Buchtitel von Dostojewski hängen. „Schuld und Sühne“ hieß der umfangreiche Schmöker und ich zog ihn vorsichtig aus dem Regal. Davor lag eine dicke Staubschicht. Diese durfte durch das Herausziehen keinesfalls berührt oder gar verändert werden. Denn ansonsten hätte man gewusst, hier war jemand an den Büchern. Also hob ich das Buch etwas nach oben empor und zog es dann vorzeitig aus dem Regal, um es kurz darauf in meinen Händen halten zu können. Es gefiel mir sofort. Der pathetische Titel passte situationskomisch zu der morgendlichen Situation meines „Vergehens“. Am Fenster unseres Wohnzimmers stand ein Sessel. In ihn setzte ich mich und fing an zu lesen. Es war ein Wintermonat und mein Blick aus dem Fenster verfolgte draußen die zahlreichen Schneeflocken, die langsam zu Boden fielen. In der Schule meldete ich mich krank. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass ich zu dieser Zeit mich fast alleine im Haus meiner Großmutter befand und deshalb niemand mich bei der morgendlichen Lektüre stören konnte. Meine Mutter selbst ging ihrer Arbeit als Verkäuferin nach, mein Bruder war in der Schule und meine Großmutter widmete sich in einem anderen Stockwerk der Hausarbeit. Ich war für mich und ich las! Knapp zwei Tage brauchte ich für die über vierhundert Seiten. Zuvor hatte ich eigentlich nur ein paar Kinderbücher und einige Karl- May-Ausgaben gelesen. Zum ersten Mal war ich nun an ein Buch geraten, das mittels eines Icherzählers in einer Art von Innenschau dem Leser eine Geschichte erzählte. Es war faszinierend, ich befand mich im Kopf von Dostojewski und seines Protagonisten. Dieses Leseerlebnis wurde mein persönlicher Wendepunkt. Die Hauptfigur Raskolnikow, bettelarmer Student und späterer Mörder, wurde mir von Seite zu Seite vertrauter. Und ähnlich einer Halluzination erschien er mir auch irgendwie sympathisch und körperlich derart nah, dass ich glaubte, ich könne meine Hand auf seine Schulter legen. Das kalte Zimmer in Sankt Petersburg war nun auch mein kaltes Zimmer geworden. Er fror, ich fror. Er verliebte sich in Sonja und ich verliebte mich in Sonja auch (ironischerweise lernte ich Jahre später tatsächliche eine Frau namens Sonja kennen und verliebte mich in sie). So ging das immer weiter. Fast alles aus dem Buch war in mir (außer, dem Mord) und langsam wurde Raskolnikows Geschichte zu meiner Geschichte. Eine Verwandlung geschah. Eine Lektüre wurde zum Erweckungserlebnis. Ich wurde ein zweites Mal geboren und diesmal als enthusiastischer Leser.

Und damit entwickelte sich gleichzeitig ein Interesse für Literatur und für alles, was dazugehört. Dieses Interesse hält bis heute an. Mein Heißhunger verschlingt Literarisches vieler Nationen. Seit über fünfzig Jahren bin ich nun Antiquar, Autor und Buchhändler und natürlich Leser in einer Person. Lesen und Schreiben bleiben wertvolle (Lebens-) Quellen für mich, aus denen täglich etwas Sinnvolles und Schönes sprudelt.  




Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim. Er schreibt neben journalistischen Beiträgen über Literatur und Kunst auch Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. 2015 Veröffentlichung des Dramas: „Dantons Tod in Weiterstadt“. *** Ferner Veröffentlichungen in Online-Magazinen, Blogs und Literaturzeitschriften. *** Letzte Veröffentlichungen: „Meine Wohnung“ und „Klaustrophobie“ („Drecksack“. Lesbare Zeitschrift für Literatur. Herausgegeben von Florian Günther. Heft 3, Juli 2023). *** Er betreibt in Griesheim bei Darmstadt ein Versandantiquariat.









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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