Anke Meer für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“
(Un)zufrieden
In verwirrter Handschrift, Füllergedanken und Gefühlschaos schlief Marlene berührt vom Arbeitstag erschöpft ein. Der Wecker klingelte laut. Die Minute stellte die Zeit der Liebe auf jetzt. Mit Tinte auf der blau-weißen Ankerbettwäsche und auf Ihrer Haut erwachte sie. Wie die Poesietätowierung in Ihrer Seele spiegelte sich die tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit in den dröhnenden Morgen. Auf den Boden lagen zerknüllte Briefbögen. Der Moment hatte die Zweifelsfragen auf jetzt gestellt. Vielleicht war es der junge Mann in der roten Regenjacke, welcher sich in den vergangenen Freitagen die neuen Armbanduhren in der Vitrine anschaute. Anders als die Wochen zuvor kaufte er gestern Batterien und schenkte Marlene einen charmanten Augenblick. Die Sekunden folgten dem Rhythmus des Herzschlags, irritierend klar wie die Lebenszeit ausgeschlafener Uhren. Einige an den Wänden waren wirklich stehengeblieben und Marlene hatte es über die Jahre nicht bemerkt. Die Freude veränderte das Bewusstsein des Täglichen. Ein Glücksgefühl strömte durch die Pulsadern der Vergessenheit. Zum Feierabend schloss sich die Ausgangstür fröhlicher ab und nach jedem Wiedersehen mit diesem Unbekannten verkaufte sich die Zeit ohne Druck. Fest entschlossen sprang Marlene aus dem Bett und wühlte in ihren Schubladen. Auch ihre Jugenduhr brauchte dringend Batterien. Die pinke, mit dem Sekundenzeiger als Blitz und dem tiefen Einblick auf die mechanischen Teile. Die, mit der Spiralfeder und dem Herzzahnrad unter dem Glas. Die, mit dem weißen Armband. Die, mit der offenen Unruh. Vielleicht wäre genau diese Armbanduhr eine Gelegenheit mit ihm ins Gespräch zu kommen, um über die freie Sicht auf den wichtigen Antrieb zu sprechen. Lärmend zwitscherte die Kuckucksuhr aus dem Musikzimmer. An jenem Freitag der ersten Begegnung hatte Marlene die ausgestopfte Natur auf Lebendigkeit gestellt. Nachdenklich setzte Sie sich an ihr Klavier. Einige Jahre hatte Sie die Klappe nicht geöffnet. Wenn die Töne zwischen den schwarzen und weißen Tasten flogen, war die schöpferische Kraft der einzige Sinn Ihres Lebens. Ihre freien Hände, welche sich in das Wochenende musizierten, versanken in melancholische Sehnsucht. Marlene rutschte auf Ihren kleinen Drehhocker hin und her und richtete Ihrer Notenblätter, begleitet von einer inneren Hoffnung, baldmöglichst Poesie auf das Briefbogenpapier zu schreiben. Endlich schlug sie wieder die Alpensinfonie von Strauß auf. Wie in ihren ersten Übungsstunden musizierte sich der Keim der Kunst durch ihr Zimmer, bis sich plötzlich im Thema Nebel die Komposition mit Ihrem Tattoo des Erlebten vermischte und den Raum in eine wunderbare Harmonie verwandelte. Sie schloss ihre Augen und dachte ans Meer. Die Stunde hatte die Inspiration auf jetzt gestellt. Doch die Abgründe der Liebe blieben wohl verborgen. Dem Gefühl folgend ließ Marlene ihren Kopf in die Töne fallen. Gedanken an den Mann in der roten Regenjacke durchquerten ihre Fantasien. Ravel, Bach, Bruckner, Strauß und die Melodien von Haydn schwebten durch ihre Zuneigung. Der Liebeskummer von Gustav Mahler an Alma, Mozart und Konstanze, Briefideen über die Nähe von Beethoven zu seiner unsterblich Geliebten, sowie die Liebeszeilen ihrer Großeltern flatterten vom verstaubten Klavier herunter. Versunken spielte Marlene sich in ihre Träume. Goldener Glanz schimmerte an den Wänden des Konzertsaals. Die Gesichter in den barocken Bilderrahmen erzählten eine Geschichte, während die prunkvollen Kronleuchter leicht klirrten. Ein sanfter Wind hauchte durch die offenen Fenster und durchlüftete die parfümierten Perlenketten und Broschen des Vergangenen. Frauen mit dick aufgetragener Schminke schritten in ihren schönsten Kostümen mit großen Hüten kerzengerade durch die Pause der Musik, während an den Stehtischen politische Diskussionen verschiedener Meinungen den Nachklang übertönte. Auf den Boden lagen zerrissene Papierfetzen. Eilig schloss sie die Klappe und eilte zu den zerknüllten Briefbögen. Der junge Mann mit der roten Regenjacke hatte mit seiner Suche nach einer passenden Uhr einfach die Zeit in ihr wach getickt, wie ein Zeiger ihrer Sehnsucht. Marlene war gar nicht bewusst, was ihr alles fehlte. Zufrieden blickte sie auf ihre Tintenfrische Poesie. Der Grund hatte beschlossen ihre Kreativität ins Sinnvolle reifen, keimen und blühen zu lassen. Vermutlich die Liebe. Oder die Kunst. Sicher aber die Aufgabe da zu sein und sich gemeinsam mit den Anderen für eine bessere Welt zu verbinden. Vom Universum hatte Ihr eine Frage gestellt: „Was machst du mit deiner Stimme?“
Anke Meer, *1981 in Dresden. Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und Anthologien.
Zuletzt im Literaturmagazin „Schredder“ Heft 5 Zukunft anlocken und in der „experimenta“ Unregelmäßigkeit hat Programm. Anthologie im Net Verlag Regionale Schlossgeschichten sowie im Kunst-Kultur-Literatur Magazin zu verschiedenen Themen.
Im Herbst 2022 hat sie die Poetry Slam Szene in Berlin für sich entdeckt.
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