Schritt für Schritt aufeinander zu

Monika Schlößer für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Schritt für Schritt aufeinander zu

Schaffe, schaffe, Häusle baue und net nach de Mädle schaue

Dennis Bender hatte den Leitsatz seiner Eltern brav befolgt. Jahrelang. Er ist den Frauen aus dem Weg gegangen, wo immer es möglich war und hat geschuftet wie ein Sträfling. Was mochte es Sinnvolleres geben, als ein solides Fundament zu errichten, auf dem man eine sorgenfreie Zukunft aufbauen konnte. Derweil waren die Immobilien- und Grundstückpreise ebenfalls aktiv geworden. Sie galoppierten schneller in die Höhe, als der rothaarige Bauarbeiter Steine schleppen konnte.

Der junge Mann warf nicht so schnell die Flinte ins Korn, hatte er zudem noch einen zweiten Leitspruch mit auf den Weg bekommen: Man muss in seinem Leben einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen. So – oder in anderer Reihenfolge.

Das mit dem Haus hatte sich bereits als Schuss ins Leere erwiesen. Und ob seine Vermieterin einen Apfelbaum auf dem Balkon dulden würde, wo ansonsten nur Pflanzen bis zur Kopfhöhe einer Sonnenblume erlaubt waren? Blieb der Sohn übrig. Reichte notfalls auch ein Mädchen? Egal, die Frauen in seiner Umgebung waren mittlerweile eh alle vergeben, während er sich fürs Familienglück im Grünen abrackerte.

Den Feierabend verbrachte Bender gerne auf seinem kleinen Balkon, hörte den Spatzen beim Krakeelen zu, beobachtete den Mond beim Weiterziehen … und grübelte. Er könnte ins Kloster gehen und dort sinnvoll wirken – Beten, Arbeiten, Bier brauen. Andererseits wollte er seinem Nachwuchs beim Gedeihen jederzeit hilfreich zur Seite stehen dürfen.

Vielleicht sollte er wirksame Medikamente gegen teuflische Krankheiten erforschen – wie denn, ohne Abitur und Studium? Oder etwas wirklich Sinnreiches erfinden? Die meisten nützlichen Dinge und viel Unnützes waren längst auf dem Markt, es neu zu erfinden daher überflüssig.

Als Benders Kopf so richtig heiß gelaufen war vom Denken, klingelte es an seiner Wohnungstür. Frau Schmitz, die auffallend zierliche alte Dame aus dem Untergeschoss, stand schwer atmend vor ihm. „Es ist mir sehr peinlich, Sie in Ihrer Freizeit stören zu müssen“, begann sie zaghaft. „Aber mein Oskar, der liegt unten zwischen Tisch und Sofa.“

„Oskar!“, schnaubte Bender unwirsch und hatte sogleich den fetten schwarzen Kater vor Augen, der nicht nur bei Dunkelheit um die Häuser schlich.

„Oskar, das ist mein Mann“, ergänzte die Seniorin kaum hörbar.

Bender war sichtlich irritiert: „Sie haben einen Mann?“

Die weißhaarige Frau blickte verlegen zu Boden. „Ich habe nicht mehr die Kraft ihn hochzuziehen.“

„Moment“, brummte Bender, während er seine Schlappen überstreifte. Sein Gegenüber nickte stumm und tappte vor ihm die Treppenstufen hinunter.

Bereits im Hausflur wehte dem 36-jährigen der Geruch von Bratkartoffeln, Angst und kaltem Schweiß entgegen. Er fand den alten Herrn mit gequältem Gesichtsausdruck auf dem Teppich liegend vor. Laut stöhnend presste er eine Hand gegen seine Brust. Als Bender ihm vorsichtig hochhelfen wollte, schrie der Mann vor Schmerzen.

Bender zog sein Handy aus der Hosentasche: „Ich fürchte, wir müssen den Krankenwagen anfordern.“

Die Sanitäter waren in wenigen Minuten zur Stelle und gaben Bender Anweisungen, wobei er ihnen helfen konnte. „Sie bleiben doch heute Nacht bei Ihrer Mutter?“, vergewisserte sich der ältere Sani, während er mit seinem Kollegen die Krankentrage durchs Treppenhaus manövrierte.

„Das ist nicht …“

Der junge Mann zog die Nachbarin diskret zurück. „Egal, wir beide kriegen das schon hin. Ich hole nur flott meinen Trainingsanzug runter.“

„Aber …“, sie nestelte nervös an ihrem verwaschenen Bademantel.

„Das Sofa ist im Moment ja frei“, meinte Bender leichthin.

Ein blassblaues Augenpaar schaute skeptisch, beinahe ängstlich zu dem kräftig gebauten Mann empor.

„Und morgen fahren wir zwei gemeinsam ins Krankenhaus. Zu Ihrem Oskar. Danach sehen wir weiter.“

Ein zartes Lächeln huschte über das Gesicht der Seniorin. „Ich heiße Ilse“, sagte sie leise. „Und ich habe gar keinen Sohn.“

„Ich auch nicht“, grinste Bender. „Ich bin der Dennis.“




Monika Schlößer

Geboren 1949, lebt in Bad Münstereifel, verheiratet, 2 Töchter. Mittlerweile über 100 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis und Kurzprosa in zahlreichen Anthologien, (Kunst)-Kalendern, Jahrbüchern, (Literatur)-Zeitschriften, Schaufenstern, im Internet, auf einer Lyriksäule und natürlich bei kunstkulturliteratur.com





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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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