Merisa Kacamakovic für #kkl33 „Vollendung“
Von Vollendung
Eine relative Vollkommenheit, eine bestimmte Beendigung.
Die Zusammensetzung dieser Konzepte ist das individuelle Empfinden eines Abschlusses. Es kann sich um eine Lebensphase handeln, oder um eine kleine Aufgabe. Um eine Mission, oder um ein Kunstwerk.
An irgendeinem Punkt ist, unabhängig von der Größe der zu vollendenden Sache, in der Regel ein Ende das Ziel. Solange wir gewisse Themen nicht beenden, stehen sie offen, werden laufend bearbeitet, ergänzt, geformt, erweitert, angepasst, beurteilt. Wir sind nicht gewöhnt an unvollendete Tatsachen. Zu jeder Frage, die noch nicht universell geklärt ist, sucht irgendwo auf der Welt jemand nach der Antwort. Bis diese Antwort nicht gefunden wird, ist das Thema offen und Menschen laufen mit einem Fragezeichen im Kopf umher. Selbst Fragen, die seit Ewigkeiten unbeantwortet sind, werden nie ganz in Ruhe gelassen.
Wir suchen, wir forschen, wir wollen verstehen.
Nicht nur in der Wissenschaft, auch im persönlichen Bereich. Ziele, die wir uns selbst stecken, Aufgaben, die wir erledigen müssen. Sie hängen uns über dem Kopf, erinnern uns daran, dass wir uns um sie kümmern müssen. Eine Abgabe in der Universität erzeugt inneren Druck, mal Nächte mit wenig Schlaf, mal ein gereiztes Gemüt. Allerdings ist die Erleichterung umso größer, je stärker das Unwohlsein zuvor war. Das Gefühl der Vollendung ist unbeschreiblich. Noch lange, wenn nicht für immer, erinnern wir uns daran, wie wir unsere Diplomarbeit abgegeben haben. Ohne das Resultat überhaupt zu kennen. Wir haben den Punkt der Vollendung als unseren Glücksmoment markiert. Es ist es ein Gefühl der Freiheit, das Gefühl einer Last, die sich in Luftpartikel auflöst.
Vollendung kann jedoch auch anders sein. Vollendung ist nicht nur leicht, befreiend, angenehm. Das Empfinden kann bitter sein, bittersüß, ein Gemisch aus Wehmut und Schmerz, nachdem wir einen Entschluss fassen, der ein bedeutsames Kapitel beendet. Zum einen beendet, zum anderen aber, aufgrund der eigenen Überzeugung, dass nichts anderes mehr hätte getan werden können, alle Szenarien bereits durchgespielt wurden, auch vollendet. Das Ende muss nicht nur positiv sein. Es muss nicht den exakten Ausgang haben, den wir uns ausgemalt hatten. Und dennoch kann es abgeschlossen sein, wenn wir vor vollendeten Tatsachen stehen. Kein Drehen und Wenden mehr. Es ist vollendet.
Demnach ist es erstrebenswert, die eigenen Ziele zu vollenden. Niemand wird angepriesen, weil er zu lange für etwas braucht, was auch immer zu lange bedeutet. Es gibt keinen Applaus, bis das Ergebnis nicht sichtbar ist. Die Ironie darin ist zuweilen, wie groß das Lob ist, sobald die Vollendung da ist, egal, wie lang es gedauert hat. Ein Abschlusssatz, eine E-Mail, ein literarisches Werk, ein Gemälde, ein Wohnhaus, ein Vertrag. Bei Vollendung ist der Applaus groß, bis dahin ist alles schwebend, unfertig. Andere werden ungeduldig, die Personen selbst umso mehr. Vollendung ist ein Akt des Stolzes, wir brauchen Triumph. In den großen Dingen, ebenso wie den kleinen Dingen. Diese Momente bilden die Meilensteine in unserem Leben, die Zeitabschnitte markieren, die Lebensphasen markieren, die unser Leben in Kapitel aufteilen. Gelerntes und Erfahrenes kann in Bereiche eingeteilt werden.
In den heutigen Zeiten sind die Ausmaße etwas anders ausgeprägt als früher, vielleicht macht es nur den Eindruck, aufgrund der Öffentlichkeit von Informationen und Erfolgen anderer Menschen. Jede Vollendung wird mit anderen geteilt. Gratulationen trudeln ein, es wird weitererzählt, es ist Gesprächsthema beim nächsten Treffen. Ein Anreiz für manche, die ähnliches erreichen möchten. Ein Stich für viele, die es noch nicht geschafft haben und die eigenen Möglichkeiten als eingeschränkt sehen. Vollendung sollte ein persönliches Bemessen sein. Niemand weiß, was es die Person gekostet hat, an ihr Ziel zu kommen. Vielleicht war es ein schweres Unterfangen, mit viel Zeit und Schmerz, vielleicht war es einfacher als es aussieht, da die richtigen Kontakte da waren.
Jeder Weg ist anders.
Die ganze Wahrheit kennen wir nie, daher sollte der Fokus von den anderen wieder zu uns selbst wandern. Was ist für uns wichtig, was ist tatsächlich nicht wichtig für uns, sind Fragen, die wir für uns selbst beantworten sollten. Auch wenn es scheint, andere würden einen hohen Grad der Vollendung erreicht haben, in einem oder mehreren Bereichen, beruflich, privat, haben sie eventuell ein ganz anderes Empfinden. Andere Baustellen, die noch unvollendet sind. Umso mehr feiern sie, zurecht, den letzten Erfolg.
Wir können viel voneinander lernen. Viel können wir aber auch von uns selber lernen, wenn wir unter die Lupe nehmen, was unsere eigenen Ziele sind, nach eigenem Ermessen, die wir uns setzen möchten. Mit denen es uns richtig gut gehen wird.
Die Dinge, die, wenn vollkommen und beendet, unser Leben als für uns erfolgreich, angenehm und in unseren Augen irgendwann als vollendet gelten lassen.

Merisa Kacamakovic, geboren 1996 in Bremen, lebt in Köln und kommt aus dem schönen Kosovo. Worte sind für sie der Schlüssel, um die Welt zu beschreiben, zu analysieren und vielleicht zu verstehen. Sie ist fasziniert von Geschichten über das Leben, das Schicksal und die Komplexität des Menschen. Merisa hat einen Bachelor in International Business sowie einen Master in Business Administration mit der Spezialisierung Strategie & Innovation, und lebte neben Deutschland in den Niederlanden, Spanien und Mexiko.
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