Zwei suchen Vollendung

Annika Horn für #kkl33 „Vollendung“




Zwei suchen Vollendung


Zwei ist das einzige Mehrfache, bei dem für die Jeweilige nur genau ein Einziges gegenübersteht. Deshalb führt die Zweisamkeit dazu, das Andere konzentriert und indiskutabel auf einen Thron zu setzen. Tristan und Isolde. Pech und Schwefel. Der Hund und sein Mensch, aber beide sind der Hund. Einer der Hunde ist der Stärkere, weil er lauter bellen kann und seine Zähne spitzer sind.

Die Eine vollbringt es, einen Ameisenhaufen zu erdenken, und bietet ihn der Anderen an. Sie akzeptiert. Die Gänge werden tapeziert, ausgewähltes Mobiliar hineingetragen. Es gibt für alles ein Tischchen. Kaffeetischchen, Teetischchen, Gebäcktischchen, Zitronentischchen, Untertassentischchen. Der Kaffee wird auf dem Boden serviert. Auf dem Kaminsims stehen die Trophäen. Das, was weiter hinten steht, wird selten genutzt. Ganz vorn liegt ein Löffel. Auf dem Löffel wird ein Stück Kandiszucker zum Schmelzen gebracht. Alles kann man mit einer Zuckerschicht überziehen. Sie überziehen die Wände mit Zucker.

Die Betten und die Schränke haben Pfoten an den Beinen. Aus dem Fell schauen lackierte Krallen. Die Fenster haben Hände als Knauf und lassen sich nicht öffnen und nicht durch sie hindurchsehen. Also schütteln sie nur die Hände. Auf Wiedersehen. Widerspiegeln sich im Messing. Das Metall saugt an der Wärme. Die Hände der Einen sind wie Porzellan. Sie schöpft damit den Tee. Der verklebte Löffel gibt seine Schicht nach und nach an die Flüssigkeit ab. Weil sie jetzt nicht mehr rühren kann, rührt die Zweite mit dem Daumen um und riecht.

Von der Decke baumelt das Gebäck, weil es innen hohl ist und sich deshalb hervorragend aufhängen lässt, und die Krümel werden in den Teppich eingetreten. Es gibt auch ein Radio, und aus dem Radio schnurrt Kater Charivari die Marseillaise.

Bevor sie sich zu Bette legen, werden die Träume stationiert. Ich werde träumen vom gestreiften Kater, der die Marseillaise schnurrt, und über den Gartenzaun marschiert, sagt die Zweite. Français, en guerriers magnanimes, Portez ou retenez vos coups! Dann träume ich vom Tiger, der sich mit den Milchzähnen an die Brust seiner Mutter legt, sagt die Erste. In den bepfoteten Betten liegen die Hände und die Porzellanhände sorgfältig auf den Daunendecken gefaltet. Ein schwerer Vorhang schließt die Fenster ab, damit die Träume besser eintreten können. Der Vorhang ist weich, die Hände sind weich, die Decken sind auch weich, und die Kopfkissen sind so weich, dass sie die Köpfe nicht betten, sondern sie verschlucken. Deshalb summt ein Wal in den Schlaf.

Wohlsein ist ein Ort. Es ist also ratsam, die Wände auch mit Zuckerperlen zu schmücken. Zum Frühstück gibt es kleine Kuchen.

Kuchen und Gebäck sind nicht das gleiche, aber natürlich gibt es kein Kuchentischchen, weil es in Anbetracht des Gebäcktischchens vergessen wurde. Die Zweite kann darüber hinwegsehen, die Erste kann es nicht. Ein Unterschied in den Worten und den Dingen ist ihr eine Grenze, deren Übertretung nicht denkbar ist. Die Dinge sind die Dinge. Worte sind das, aus dem die Bedeutung kommt, und dann ist sie. Es werden also die Kuchen zurückgestellt, und Tee über dem Teetischchen serviert. Sie hält ihr ihre Hände hin.

Der Tee schmeckt wie Tee und fügt sich ein. Von den Decken hängt ein Kronleuchter. Seine Arme sind Arme, die Finger aber sind Kerzen. Wir mögen hier Platz nehmen. Die Erste deutet auf das Canapé.

Von links nach rechts. Die erste Hand zwirbelt das Futter aus der Armlehne. Die zweite Hand hält die Dritte. Die dritte Hand hält die Zweite. Die vierte Hand hält ein Buch auseinander. Das Futter ist von unbestimmbarer Masse, die Hand der jeweils anderen ist kühl, respektive warm. Der Buchrücken wird von Mittel-, Ring- und dem kleinen Finger berührt, der Daumen liegt rechts auf den Seiten der rechten Seite, der zeigende Finger zeigt unnützerweise auf die Seiten der anderen Seite, und hält nützerweise die Seiten dieser Seite von den Seiten der anderen Seite entfernt. Die zur dritten und vierten Hand gehörende Stimme verkündet den sich dort befindlichen Inhalt:

Wahrhaftig, wär ich nicht von Natur
Bereits gewesen ein Schimmel,
Erbleichend vor Schrecken wär mir die Haut
Jetzt weiß geworden, o Himmel!

Weiße Pferde schimmeln mit großer Seltenheit, und wenn, dann nicht aufgrund ihrer Farbe, und den Preis schwarzer Pferde berechnet man sinnvollerweise in ganzen Franken, sonst dauert es lange, ihn aufzusagen. Ein Pferd kann und tut – entgegen seines Rufs – auch im Liegen schlafen, und ist dabei sogar zufriedener. Bebende Lippen stehen, ausnahmsweise, für Zufriedenheit. Endmaßponys sind auch manchmal in Endzeitstimmung. So eben.

Das Futter in der Armlehne. Dass man Futter sagt, das ist lieb. Jemand hat das Canapé gefüttert. War es hungrig? Ist es jetzt satt? Es hat auch ein Skelett aus Holz und ein Fell auf der Haut. Dass sie das Futter aus der Lehne friemelt, entspricht dann der unsäglichsten Stufe der Verdauung. Das Ledersofa ist die Nacktkatze unter den Sitzmöglichkeiten: Krümel können sich höchstens in den Falten verstecken.

Vollendung steht über dem Eingang. Beide suchen nach dem vollendeten Tag, nach der vollendeten Begegnung, spitze Finger am Porzellan.



Das Zitat ist ein Ausschnitt aus dem Heine-Gedicht Pferd und Esel.




Annika Horn wurde 2001 im Schwarzwald geboren, lebt in Berlin und studiert dort Bildende Kunst und Philosophie. Vor allem ist sie Malerin.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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