Zufällig

Katharina Cavalier für #kkl33 „Vollendung“





Zufällig

Es war bereits einige Tage her, dass sie sich gesehen hatten. Beide waren so sehr in ihre Arbeit, in ihren Alltag vertieft, eingebunden, dass kaum Zeit für ein paar gehauchte Liebesbekenntnisse geblieben war. Nicht einmal für flüchtig getippte, das auch nicht, nein.

Aber nun stehen sie sich also gegenüber. Sie mit ein paar Einkaufstüten in der Hand, nach einem langen Arbeitstag, verschwitzt und abgekämpft auf dem Weg zur U-Bahn. Er mit hochgeschobener Sonnenbrille im schwarz glänzenden Haar, die Reste seines Chai Latte aus einem bereits aufgeweichten Pappbecher schlürfend.

„Ich vermisse dich schon ein wenig.“ Ein kaum hörbares Bekenntnis, das sofort vom scharfen Wind davongetragen wird, gemeinsam mit den letzten Blättern, die er gewaltsam von den Bäumen reißt. Ein spielerischer Stups mit dem Zeigefinger. Ganz sanft nur, sie berührt ihn kaum, eine schüchterne, kaum spürbare Berührung.

„Hm, ja. Das Problem ist nur, dass ich dich nicht vermisse.“

Der kalte Ostwind fährt ihr durch das blonde Haar, lässt es aufwirbeln und es in unruhigen, platten Strähnen um ihren Kopf zum Erliegen kommen. Ganz anders als ihr Herz, dessen Schläge sich auch Minuten, sich auch Stunden, nachdem er diesen alles vernichtenden Satz gesagt hatte, nicht beruhigen sollten. Dessen Takt sich immer weiter beschleunigt im Rhythmus seiner selbstsicheren Schritte, die sich von ihr entfernen, im Rhythmus des Regens, der einsetzt, kurz nachdem er gegangen war, nein, wohl nicht wirklich kurz danach, sie stand wohl noch lange, viel zu lange an eben demselben Fleck, an dem gerade ihr Leben in sich zusammengefallen war, während die Menschen um sie herumwuselten, alle in Eile, alle auf dem Weg in ein Zuhause, ins Warme, in die Geborgenheit. Nur sie nicht. Nicht mehr, nein.

Das alles hatte er mit sich getragen, als er auf dem Absatz kehrt gemacht hatte, als er ihr einen letzten gleichgültigen, nein, noch schlimmer, ihr einen letzten mitleidigen Blick zugeworfen hatte und für immer aus ihrem Leben verschwunden war.

Trotzig, nein, nicht trotzig, denn Trotz setzt ja schließlich eine Art von Wut, eine Art von wiedergewonnener Kraft voraus, nein, wohl wirklich nicht trotzig, kraftlos, ja, kraftlos und resigniert wischt sie sich den Regen, – nein, die Tränen, sie merkt plötzlich, dass es wohl doch Tränen sind, die ihr da die rauen Wangen hinunterlaufen, – resigniert wischt sie sich also die Tränen aus dem Gesicht, von denen sie sich sehnlichst wünscht, es wären zumindest Tränen der Wut, – wischt sie sich also aus dem Gesicht und nimmt schleppenden Schrittes den Weg Richtung U-Bahn auf, nur, um sich in einen der viel zu vollen Waggons zu quetschen, gleichgültig ob des Schweißgeruchs, des Geruchs nach abgestandenem Fastfood, ob der nach Nässe stinkenden Menschenmasse, gleichgültig auch gegenüber der Kälte, die sie umgibt, obwohl sie natürlich irgendwann unkontrolliert zu zittern beginnt, aber das registriert sie kaum, nein, gleichgültig auch ob der vergessenen Einkaufstüten, die nun wohl noch immer auf dem Pflasterstein der mittlerweile kalten, verlassenen, aber doch hell erleuchteten Innenstadt stehen und langsam im Regen aufweichen.

Alles ist plötzlich gleichgültig geworden, das Einzige, das sie erfüllt, das Einzige, das sie ganz und gar ausfüllt, sind seine Worte. Seine letzten Worte an sie.

Die letzten Worte, die sie für lange Zeit berühren sollten.

Die allerletzten Worte, die noch zu ihrem Inneren vorzudringen vermögen sollten.





Katharina Cavalier, mit bürgerlichem Namen Katharina Reiter, ist am 10.02.1993 geboren und lebt mit ihrem Mann in Rosenheim. Seit dem Abschluss ihres Studiums der Romanistischen Sprach- und Literaturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU), unterrichtet sie Französisch und Spanisch an einem Gymnasium. Dank ihres Studiums mit internationaler Ausrichtung lässt sie sich bei ihrer schriftstellerischen Arbeit mitunter von den Eindrücken inspirieren, die sie während ihrer Auslandaufenthalte gewinnen konnte. Darüber hinaus sind ihre Kurzgeschichten und Gedichte häufig von Alltagssituationen, Naturbeobachtungen und zufälligen Begegnungen angeregt. Aktuell arbeitet die Autorin an ihrem Roman , der unter anderem die Themen Selbstfindung, Entschlossenheit, und Liebe in jedweder Form und Ausprägung behandelt.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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