Gedankenriege

Coelia Altermatt für #kkl33 „Vollendung“ .




Gedankenriege

„Ob es wohl etwas Schöneres zu erfahren gab als die absolute Unabhängigkeit von Raum und Zeit?“

In der Sternensprache bestimmt nicht. Hier bot der Himmel ein spektakuläres Obdach, durch Sonne, Mond und Sterne stets erhellt und erwärmt, die Uhren fehlen. Und suchte einer nach dem exakten Himmelsrand, tauchte er ein in perlmutvolle Ozeane, die in galaktische Weiten flossen.

Als ihm dieser Gedankengang bewusstwurde, überkam den Sternengreifer nebst Glücksgefühlen nun einen leichten Schwindel. Er kauerte sich, einem knorrigen, bestimmt uralten Ast Gesellschaft leistend, zuvorderst am Bächlein nieder. Seine Vorstellungskraft verwandelte die waldige Umgebung, die er heute auf seiner Fahrradtour durchquerte, in eine bestuhlte Tribüne. Er saß in der ersten Reihe. Welchen Platz wohl die Luft einnehmen würde, die Erde? Nicht zu vergessen der Käfer, der unterirdisch hauste und über eine ungemeine Mobilität verfügte. Die Schäfchenwolke. Harmonisch reckte und streckte sie sich im Himmelsmeer und vermochte dieses mit ihren schneeflockenartigen Kristallen komplett zu verzaubern. Allesamt waren sie frei. Allesamt betraten sie das oberste Podest, die vorderste Reihe, ohne einen festen Platz einnehmen zu müssen. Unabhängig von Raum und Zeit. So wie er im jetzigen Moment fühlten sie sich absolut frei. Dieser Stuhl jedoch zuvorderst beim Bächlein, den seine Fantasie ihm wohlwollend im Glücksgefühl schwelgend anbot, fesselte ihn an einen bestimmten Ort. „Widerspruch“, rebellierte ein Gedanke. „Nein“, schrie der nächste. Der dritte, aufklärend: „Es liegt am Standpunkt.“ Der Sternengreifer bemerkte erneut eine Benommenheit und hielt sich nun, noch tiefer kauernd, an einer Verwurzelung des Stumpfes fest. Im Vergleich zum Ast traute er dieser noch mehr Stabilität zu. In der Kindheit einmal, da musste er sich auch richtig an einem Strauch festhalten. Nach einer Reihe von Saltos und selbst erfundenen Zirkusübungen, da stemmte ihn seine Übelkeit zuerst in die Knie und quoll kurze Zeit später hervor.

Doch in diesem Moment war ihm nicht schlecht. Im Gegenteil, er fühlte sich ausgezeichnet. Mehr noch: Eine Riege von hüpfenden, angstlosen, hintereinander springender und einander umkreisender Gedanken brachten ihn soeben in die Knie. Schon rief der nächste: „Aha, nur genau von diesem Standpunkt aus kann also all das Gesehene so erblickt werden, jede Sichtweise wird also individuell wahrgenommen!“ Der Sternengreifer versuchte seine Vorstellungen nun zu zügeln: „Stopp!“ Dann erinnerte er sich an die heutige herrliche Fahrradfahrt durch den Wald und wie er zum ersten Mal hier an diesem schönen Fleckchen Natur mit Bach angekommen war. Sich die Füße etwas vertreten hatte, etwas getrunken- und dann urplötzlich gedacht hatte, ob es nicht etwas Wunderschönes sei, absolut unabhängig von Raum und Zeit in den Moment einzutauchen, wahrzunehmen und auch nach Lust und Laune Gedanken über Gott und die Welt zuzulassen. Als Antwort darauf war er vom Glücksgefühl übermannt worden.

Er fühlte sich nun wieder etwas klarer und erhob sich. Zwei Schritte weiter griff er am Fahrradlenker nach seiner Tasche und dem auf dem Boden abgestellten Becher, kehrte abermals zur Wurzel zurück. Er goss sich erneut etwas Wein nach, obwohl noch ein großer Schluck im Plastikbecher verweilte. Auch die Weinschlucke, alt und neu, sollten sich frei und ausgelassen vereinen. Kaum gedacht, schon begannen sie einander zu umfließen, gefolgt von wilden Tänzen. Ob wohl ihre Feierlust ihm allenfalls morgen einen flauen Magen bescheren würde? Egal. Allmählich begann es zu dämmern. Die Nachbarin der schneeflockig kristallenen Schäfchenwolke ließ sich sachte von einem schwärzlichen Schimmer umgeben und öffnete sich, um mit derselben Leichtigkeit ein wenig auseinanderzudriften. Sie bot an, den schwebenden Schwalben einen spektakulären Hintergrund für ihr Umherkreisen zu kreieren, worauf diese durch einige lang ausgedehnte Halbkreise ihre Wertschätzung ausdrückten. Die Kulisse wirkte ungemein beruhigend. Der Feierabend des Himmels schien einen anderen Rhythmus zu besitzen als derjenige der Erde. Auch der kleine Wasserlauf strahlte Ruhe aus. Dies tat er, obwohl sich die Geschwindigkeit der sich nun vermehrt vom Ufer her in die Schräge ausbreitenden Wellen in kleinsten Abständen steigerte und die Wellen die ganze Wasseroberfläche glitzern ließen. Der Sternengreifer dachte an die vielen Gedankengänge von vorhin und seine Einfälle. Auch sie durften sich entfalten, unabhängig von Raum und Zeit. An ihm würde es nicht scheitern, er wollte sich ihnen nicht entgegenstellen.

Und schon meldeten sich seine voreiligen Gedanken wieder flutartig: „Aha, findest du es denn toll, dass du so denkst, wie du denkst, also so individuell?“ «»

Sterngreifer: „Ja, sicher“

Gedanken: „Bist du dankbar dafür?“

Sternengreifer: „Ja! Absolut.“

Gedanken: „Wem?“

Sternengreifer: „Muss ich es denn jemandem sein?“

Gedanken: „Sag du mir’s. Vor deinem dritten Glas Wein hattest du jedenfalls Ideen dazu.“

Sternengreifer: „Haha, ihr Gedanken macht euch lustig über mich. Ich sagte nicht, dass ich mich bei jemandem bedanken muss. Aber ja, es gab da ein paar Einfälle.“

Gedanken: „Ja, Gott zum Beispiel. Und dann bist du ganz schön abgeschweift, mein Lieber.“

Sternengreifer: „Haha, wartet. Ich bitte um eine kurze Vorstellung. Bist du es, Ironie? Seid ihr es, die Gedanken? Oder du, die Illusion?“

Gedanken: „Darf ich mich vorstellen: Ich bin es, deine Gedankenflut. Gern auch ironisch, jedoch nicht illusorisch. Bis anhin haben wir uns eher im Unterbewusstsein getroffen, heute jedoch das erste Mal persönlich. Sehr erfreut!“

Sternengreifer: „Wow, gleichfalls! Aber dann bist du doch für mein Denken zuständig, und für die Gedankenriege.“

Gedankenflut: „Schnell bin ich in der Tat.“

Sternengreifer: „Ja, das bist du. Vor allem heute!“

Er dachte nach. Wenn man für etwas Individuelles dankbar war und dies in Verbindung mit eigener Person und Leben brachte, dann gebührte laut einigen Menschen Gott der Dank dafür. Für sie stellte er den Schöpfer des Lebens dar. Eine Art Metaebene. Und weiter unten standen seine Mama und der Mann, der sie geschwängert hatte? Ansonsten würde der Sternengreifer ja gar nicht leben. Und die Mikroebene? Er selbst, weil er es war, der genau diese Werte, Ansichten und einen starken Willen besaß?

Gedankenflut: „Ach, du konntest dich erinnern?“

Sternengreifer: „Ja. Aber nur ein paar Gedanken. Ich habe mich nur gefragt, falls man für eine individuelle Eigenschaft oder Gegebenheit dankbar ist, wem dieser Dank gebühren könnte.“

Gedankenflut: „Und?“

Sternengreifer: „Na, du weißt ja, religiös bin ich nicht so.“

Gedankenflut: „Gott gestrichen. Was ist mit deinen Eltern?“

Sternengreifer: „Nun gut, ich liebe meine Mutter über alles! Aber sollte ich ihr dankbar dafür sein, dass ich anstelle eines rationalen über einen so anderen Blick- und Denkwinkel verfüge? Und der Mann, der sie geschwängert hatte, den kenne ich nicht.“

Gedankenflut: „Dann bleibst noch du selbst. Bist du dir dankbar?“

Sternengreifer: „Hmm. Nein. Warte, nicht mir selbst. Den Gedanken vielleicht. Hey, du! Du bist es! Dir bin ich dankbar, Gedankenflut, dass du mir so spannende Wege bereithältst und mich somit so einzigartig, individuell machst.“

Gedankenflut: „Da haben wir’s ja, das wollte ich hören!“

Sternengreifer: „So viel Ulk steckt in dir, haha. Nun darfst du jedoch hochgelobt schlafen gehen, der Dank gebührt dir. Ich mag dich gern, doch geh nur, erschöpft bin ich ganz schön.“

Gedankenflut: „Ist ja gut und gern geschehen. Okay, für heute lass ich dich in Ruhe. Aber auch du sollst wissen, dass die Zusammenarbeit mit dir großen Spaß macht. Viele Leute blocken die Gedankenflut aus Angst oder fehlender Neugierde ab und wissen nicht, dass wir eigentlich dabei helfen, Klarheit in die Gedanken zu bringen und nicht in böser Absicht handeln. Du scheust jedoch nicht die Auseinandersetzung.“

Sternengreifer: „Wow, vielen Dank für diese Worte! Ich freue mich auf unser Kennen. Gute Nacht, Gedankenflut, schlaf gut.“




Coelia Altermatt, Jahrgang 1984, geboren in der Schweiz, lebt und arbeitet in Zürich. Sie widmete sich einige Jahre dem Bereich Tourismus und absolvierte dann ein Studium in der Sozialen Arbeit. Bereits als Kind legte sie für sich selbst einen lebenslangen Eid ab, nämlich denjenigen, die Phantasie und Träume niemals zu verlieren und aufzugeben. Das ist ihr bis anhin gut gelungen, so dass sie ihre intensive Auseinandersetzung durch Wahrnehmung und Gedanken mit Themen wie Gesellschaft, Alltag, Weltgeschehen, Gott und die Welt nun auch in Form von Kurzgeschichten und einem Debütroman niederschreibt.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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