Heraufschauender Hund

Christina König für #kkl33 „Vollendung“





Heraufschauender Hund


Deine Arme streben in die Höhe und

die Decke regnet Schadenfreude.

Tropfen kugeln in deine Achseln,

du demolierst dich, duckst dich, drückst dich, mehr

schlecht als recht.

Deine Finger sind Tentakeln, die

sich ins Holz wurmen, den

Schleim nach unten abpumpen.


Ganze Vorbeuge,

Uttanasana.

Gerader Rücken, halbe Vorbeuge,

Ardha Uttanasana.


Deine mentale Form ist schief.

Knorrige Äste wachsen dir aus den Hüften;

hobeln und schleifen und dämpfen, bis

die Fersen zur Matte reichen.

Durch den Mund ausschnauben, sagt

die Lehrerin. Du schnaubst:

Leider müssen wir Ihnen mitteilen.


Chaturanga Dandasana,

Kobra oder heraufschauender Hund.

Zurückschieben,

herabschauender Hund.

Drei Atemzüge.


Dein Bauch wackelt wie das

Gelee einer Torte, die

auch nicht besser schmeckt, als sie aussieht.


Schaler Ehrgeiz quillt aus deinen Poren und

verstopft alles. Das kriegen die

Klempner auch nicht mehr hin, also

rufst du gleich keine.


Fuß an Oberschenkel,

Arme über den Kopf,

Hände zusammen.

Standbein stabil.


Wie ein Flamingo stehst du da, und

dir wächst rosarotes Gefieder.

Besser als jede dicke Haut, viel

kuscheliger und

wenn du fällst, dann

fällst du weicher.


Findet eine Qualität, die ihr

in eure Praxis mitnehmen wollt, sagt

die Lehrerin. Rache,

sagst du.

Das ist nicht das,

was sie meint.


Dein Halbmond sieht aus wie eine keltische Rune, die

den Untergang der Zivilisation ankündigt.

Du wackelst und stolperst und verwässerst und dann

kann man sie nicht mehr lesen.

Du klappst dich zusammen, bis

du in die Falten von Raum und Zeit passt und

in das Paralleluniversum schlüpfst, in dem

die Mail beginnt mit:

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen

Aber niemand freut sich hier.


Deine Hamstrings spannen, summen, surren, und

du streckst sie, reckst sie, weckst sie, bis

sie so aufgedröselt sind, dass sie

reißen und verschwinden.

Du lehnst dich vor und vor und vor,

bis zum Boden und in den Boden hinein und die

Spinnenpaläste unter den Dielen empfangen dich, und dann

bist du endlich weg.





Christina König

*1993 in Linz, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft in Salzburg, arbeitet aktuell bei einer Tageszeitung. Veröffentlichungen in diversen Literaturmagazinen. Shortlist bei FM4 Wortlaut 2022, dem 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb und dem Marianne-von-Willemer-Preis 2021.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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